Teamcheck | Turbine Potsdam - Kontinuierlich weiterentwickeln

Sofian Chahed geht in seine zweite Saison als Turbine-Trainer. / imago images/Jan Huebner
Video: rbb UM6 | 24.08.2021 | Jörg Hellwig | Bild: imago images/Jan Huebner

Bei Top-Team Wolfsburg startet Turbine Potsdam in die neue Saison. In der vergangenen verpasste der Bundesligist die Champions-League-Qualifikation. Dieses Mal will sich das Team anschleichen, vorangehen soll eine Rückkehrerin. Von Johannes Mohren

Die Partie (Samstag, 13 Uhr) wird live bei rbb Brandenburg sowie rbb|24 zu sehen sein.

So lief die vergangene Saison

Forsch hatte Turbine Potsdam den Einzug in die Champions League als Ziel ausgegeben - und scheiterte knapp: Fünf Punkte fehlten auf den Drittplatzierten Hoffenheim. Unzufrieden waren sie in der brandenburgischen Landeshauptstadt im Rückblick aber nicht. "Platz vier war das Maximale, was wir rausholen konnten. Es war eine junge Mannschaft", resümiert Trainer Sofian Chahed nach seiner Premieren-Saison im Frauenfußball (siehe: Der Trainer).

 

Gegen die Top-Teams aus München und Wolfsburg gab es für die Turbinen - wie für weite Teile der Liga - keine Punkte. Deutlich mehr schmerzten aber andere Niederlagen: Die in Leverkusen und Freiburg etwa, die in einer schwächeren Phase im Frühjahr eine bessere Ausgangsposition im Endspurt kosteten. Es fehlte letztlich die Konstanz.

Aufregung gab es noch einmal, als die Saison schon vorbei war. Die Präsidentschaftswahl im Juni erhitzte die Gemüter in Potsdam und darüber hinaus. Amtsinhaber Rolf Kutzmutz duellierte sich mit Ex-Spielerin Tabea Kemme, die die erste Frau an der Spitze eines Frauenfußball-Bundesligisten werden wollte. Der Ton war rau, es kam zu Verwerfungen. Am Ende setzte sich der 73-jährige Kutzmutz mit zehn Stimmen Vorsprung durch. Kemme beklagte mangelnde Fairness vor und bei der Mitgliederversammlung und zog sich (vorerst) aus dem Klub zurück.

 

Wer kommt, wer geht

Es war ein ruhiger Transfersommer bei Turbine Potsdam. "Wir wollen eine Kontinuität mit den jungen Spielerinnen, die wir hier entwickeln", sagt Chahed. Es ist eine bewusste Entscheidung und zugleich das Anerkennen finanzieller Grenzen. Verstärken kann sich der Klub nur punktuell - nicht im großen Stil. "Es ist leider ein anderes Geschäft als im Männerfußball. Es kann nicht so viel Geld fließen. Das ist völlig normal. Insofern müssen wir schauen, wo wir als Verein bleiben. Wir probieren, das Beste daraus zu machen", sagt der Ex-Hertha-Profi.

Verzichten muss der 38-Jährige auf zwei Langzeit-Potsdamerinnen. Bianca Schmidt war - mit einem dreijährigen Gastspiel in Frankfurt - seit 2006 im Verein und verlässt den Bundesligisten nun ebenso wie Johanna Elsig. Die 31-jährige Schmidt wechselt zum schwedischen Top-Klub FC Rosengard. Für Elsig geht es nach neun Jahren in Brandenburg nach Frankreich zum HSC Montpellier. Mit den beiden geht nicht nur die Erfahrung, auch von 66 Länderspielen für die deutsche Nationalmannschaft, von Bord, sondern auch jede Menge Turbine-DNA.

 

Kompensieren soll das unter anderem eine Rückkehrerin: Isabel Kerschowski ist eine und ganz sicher die prominenteste von drei Neuen. Die gebürtige Berlinerin spielte schon von 2005 bis 2012 für Potsdam und gewann damals - in der goldenen Zeit des Klubs - fünf deutsche Meisterschaften und 2010 sogar die Champions League. Nun läuft sie nach Stationen in Wolfsburg und zuletzt Leverkusen mit inzwischen 33 Jahren wieder für Turbine auf. Der Auftrag ist klar: Sie soll als Kapitänin vorangehen. "Ihre Rolle ist ganz entscheidend. Sie ist erfahren, kann ihr Wissen den jungen Spielerinnen weitergeben und uns gleichzeitig auch auf dem Platz helfen", sagt Chahed.

Zusammen mit Kerschowski kommt Anna Wellmann aus Leverkusen. Die 26-Jährige muss sich auf der Torhüterinnen-Position aber erst einmal hinter Vanessa Fischer anstellen. Ersatz für Johanna Elsig hat der Verein derweil in Paris gefunden: Teninsoun Sissoko wechselt vom französischen Erstligisten FC Fleury 91 nach Potsdam. "Sie ist eine spielstarke Innenverteidigerin, die die Konkurrenz in der Abwehr erhöht. Zudem ist sie schnell und zweikampfstark", so Chahed.

 

Der Trainer

Sofian Chahed geht in sein zweites Jahr als Trainer im Frauenfußball - und von Turbine. Die erste Saison war für ihn auch eine Lehrzeit. "Ich habe den Frauenfußball ein bisschen kennengelernt. Ich glaube, davon können wir jetzt im zweiten Jahr alle profitieren", sagt der Berliner, der zuvor vier Jahre lang in der Nachwuchsakademie von Hertha BSC coachte. Die Mannschaft und er, erzählt der 38-Jährige, verstünden sich nun fußballerisch immer besser.

 

Es sind Aussagen, die zeigen: Chahed soll bei Turbine nicht nur andere weiterentwickeln - es ist auch die große Chance für ihn, es als junger Trainer selbst zu tun. Der Schritt nach Potsdam habe ihm gutgetan, berichtet er jüngst auch auf der Vereinsseite von Hertha [herthabsc.com]. "Ich stehe hier noch mehr in der Verantwortung als bei Hertha, dadurch plane ich das Training oder die Dinge um die Mannschaft noch bewusster, noch detaillierter. Dazu zählt auch die Spielphilosophie oder die akribische Aufarbeitung der Spiele", sagt der 38-Jährige. Er müsse mehr kommunizieren als im Nachwuchsbereich, "denn die Mädels hinterfragen viele Dinge", berichtet Chahed.

 

Erwartungen an die Saison

Spricht man mit Chahed über Saisonziele, formuliert er sie defensiver als vergangene Saison. Champions League gehört nicht mehr zu seinem Wortschatz. "Wir müssen von Spiel zu Spiel sehen, was drin ist. Wir wollen definitiv weniger Gegentore als letzte Saison fressen und ein paar mehr schießen. Das haben wir uns intern vorgenommen", sagt er - um dann zumindest ein wenig in den Angriffsmodus zu schalten: "Wenn die Abrechnung kommt und wir stehen auf Platz drei, würde sich keiner beschweren. Aber richtig als Ziel haben wir es nicht ausgegeben." Chahed klingt dabei auch wie jemand, der seinem Team bewusst Druck nehmen will.

Die neue Kapitänin Kerschowski geht verbal weitaus offensiver an die Sache heran. Sie weiß zu gut, wie sich Triumphe mit Turbine Potsdam anfühlen und sie will das wieder haben. Auch wenn die Zeiten heute andere sind als noch vor zehn Jahren. "Wir hatten viele schöne Erfolge. Ich denke, dass es schon das Ziel sein sollte, wieder da anzuknüpfen, wo wir früher mal aufgehört haben", sagt die 33-jährige Rückkehrerin - und schickt gleich noch eine Kampfansage an die Konkurrenz hinterher: "Man sollte mit uns rechnen. Wir können es kaum erwarten, dass es losgeht - ausgerechnet gleich gegen Wolfsburg. Aber ich glaube, dass wir gute Chancen haben."

Sendung: rbb UM6, 24.08.2021, 18:15 Uhr

Beitrag von Johannes Mohren

1 Kommentar

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  1. 1.

    Die charismatische Isabel Kerschowski übernimmt Verantwortung, sie ist keine Zweiflerin, sondern eine zupackende Führungsspielerin, "Teni" Sissoko besticht nicht nur durch leichtfüßige Abwehrleistungen, sondern glänzt ebenso durch schnelles Aufbauspiel, Torfrau Anna Wellmann schafft Ruhe im Strafraum. Sie erhöht die Qualität des Torfrauenkaders. Was im rbb Bericht von Johannes Mohren eindeutig fehlt, ist der Hinweis auf die kolossale Leistungssteigerung von Sara und Karen Holmgaard in den Vorbereitungsspielen. Die Transfers im Jahr 2021 sind mehr als gelungen. Alle fünf Fußballerinnen sind der neue Turbine Goldstandard einer nunmehr abwehrstarken Mannschaft.

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