Interview | Sporthistoriker Teichler über Olympia 1936 - "Es wurde alles gemacht, um ein friedvolles Bild darzustellen"

Mo 16.08.21 | 17:27 Uhr
  2
Der US-Amerikaner Jesse Owens bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin (Quelle: imago /ZUMA Press/Keystone)
Bild: imago /ZUMA Press/Keystone

Heute vor 85 Jahren endeten die Olympischen Spiele 1936 in Berlin. Eine Propagandainszenierung in einer scheinbar weltoffenen Stadt. Der Sporthistoriker Hans Joachim Teichler spricht über die große Strahlkraft und Parallelen zu heute.

rbb|24: Im Rückblick werden die Olympischen Spiele von Berlin 1936 als Machtdemonstration interpretiert - von Hitler und dem NS-Regime schonungslos instrumentalisiert für Propagandazwecke. Wie wurde in Deutschland und der Welt damals auf das Event geschaut?

Hans Joachim Teichler: Das ist zweigeteilt: In Deutschland herrschte eine Olympia-Begeisterung. Diese ging bis in die Weimarer Zeit zurück. Die musste nicht von den Nazis durch das Propagandaministerium angefacht werden.

Im Ausland gab es im Vorfeld der Olympischen Spiele nur mäßiges Interesse, bis dann eine Boykottbewegung einsetzte aufgrund der Behandlung der jüdischen Sportler in Deutschland. Diese politische Diskussion entfachte zum Beispiel in den USA eine Aufmerksamkeit für die Spiele, Europa und Deutschland.

Zur Person

Sporthistoriker Hans Joachim Teichler. / Bild: privat
privat

Prof. Dr. Hans Joachim Teichler, geboren 1946, ist Sportwissenschaftler und Sporthistoriker. Er war Professor für Zeitgeschichte des Sports an der Universität Potsdam.

Seit 1933 wurde immer deutlicher, auf welchem Weg sich Nazi-Deutschland befand. 1935, ein Jahr vor den Spielen, wurden die Nürnberger Gesetze erlassen. Es war offensichtlich, dass diese und die Entwicklung in Deutschland gegen den an sich inkludierenden, olympischen Gedanken stehen. Gab es Bestrebungen, die Spiele neu zu vergeben?

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) und dessen Gründer Pierre de Coubertin waren ganz klar dafür, dass die Spiele in Berlin stattfinden. Coubertin war ein Bewunderer Hitlers, er bat sogar um ein Autogramm und sagte: 'Der Führer hat Deutschland wieder aufgerichtet, er fördert den Sport, er fördert den Olympischen Gedanken.'

Der einzige Kritiker im IOC, Ernest Lee Jahncke, der sich gegen eine Teilnahme der amerikanischen Sportler ausgesprochen hat, wurde aus dem IOC ausgeschlossen. So etwas gab es davor und danach nicht wieder. Er wurde durch einen glühenden Anhänger der deutschen Politik ersetzt.

Wieso hat das IOC die Augen verschlossen?

Die eine Seite sind die olympischen Ideale, die andere Seite ist die soziale Herkunft dieses Clubs im IOC von Generalen, Baronen und Adligen. Die fürchteten nichts mehr als Bolschewismus, Kommunismus und Sozialismus jeglicher Art. Die sahen in Deutschland ein Bollwerk gegen Bolschewismus. Von daher war man politisch derart nah beieinander, dass man die Verletzungen der olympischen Ideale nicht wahrgenommen hat oder nicht wahrnehmen wollte.

Die Spiele blieben in Deutschland. Und es gab Rekord um Rekord. Teilnehmer- und Besucherbestmarken purzelten. Erstmals waren im, noch ganz neuen Medium, Fernsehen ausgewählte Wettkämpfe zu sehen. Lag all das an der guten Organisation oder hatten die Nazis schlicht Glück, dass zu der Zeit ohnehin so viel Bewegung in die olympische Idee kam?

Der Boom wurde sicher durch die perfekte Organisation der Olympischen Spiele befeuert. Carl Diem als Organisator hatte da ein großes Talent.

Er hatte auch die uneingeschränkten Hilfsmittel des Staates zur Verfügung. Er konnte ein perfektes Olympisches Dorf präsentieren, die Athleten waren begeistert, die Presse war begeistert und wurde noch angeheizt durch Propagandaminister Joseph Goebbels, der die eher misslaunigen Berliner aufforderte, mal galanter zu sein als die Italiener und Franzosen.

Die Ausländer sollten mit offenem und freundlichem Herzen bedient werden. Sogar fremdländisch aussehende Gäste sollten höflich empfangen werden. Es wurde alles gemacht, um ein friedvolles Bild darzustellen: Marschmusik im Radio wurde verboten, es wurden Jazzlokale geöffnet, das Angebot der Italiener, mit einer Flugstaffel die Spiele zu eröffnen, wurde untersagt. Man forderte die Gäste, die nach Berlin reisten, auf, in zivil anzureisen und nicht in Uniformen der NS-Formationen.

Das Berliner Olympiastadion während der Olympischen Spiele 1936.
Das Berliner Olympiastadion während der Olympischen Spiele 1936. | Bild: imago/United Archives International

Star und erfolgreichster Athlet der Spiele war der schwarze US-Amerikaner Jesse Owens. Wie ging die NS-Propaganda damit um?

Die Reichsregierung gab der Presse detaillierte Informationen, wie man damit umzugehen hatte. Diese Presseanweisungen wurden weitgehend befolgt: Man versuchte, das Thema "Sport und Rasse" möglichst niedrig zu halten. Ein Buch zu diesem Thema wurde auf die Zensurliste gesetzt. Man könne aber anmerken, "dass die Amerikaner und Franzosen sich ihrer Hilfsvölker bedienten" und "dass die Farbigen doch eher noch Ur-Gene hätten, welches die hochgezüchtete weiße Rasse nicht mehr hatte".

Und man verwies auf die unbestreitbaren Erfolge im Medaillenranking. Deutschland hat insgesamt am besten abgeschnitten, deutlich besser als die USA. Das wurde gebührend gefeiert. Es hieß in der Presse: 'Der eigentliche Sieger dieser Spiele ist der Führer Adolf Hitler'.

Wie erlebten denn Juden und Schwarze und Sinti und Roma diese Spiele, also all jene, die von den Nazis ja eigentlich verfolgt wurden?

Das ist ja das Fatale: Parallel zu den Spielen wurde das Konzentrationslager Sachsenhausen in Oranienburg ausgebaut. Sinti und Roma wurden in Marzahn eingepfercht in eine Wagenkolonie.

Man wollte Berlin ohne Sinti und Roma darstellen. Man machte auch alles, um die Judenfeindlichkeit in Berlin zum Verschwinden zu bringen. Beispielsweise wurden bestimmte Schilder abmontiert. Den Juden war es ja auch verboten, die Reichsflagge zu hissen. So wurden an jüdische Haushalte Olympiaflaggen ausgeteilt. Bei dem bunten Gemisch der beflaggten Prachtstraße Unter den Linden merkte man das nicht.

Das war ein Theater für die Weltöffentlichkeit. Hat das funktioniert, weil die internationale Öffentlichkeit es funktionieren ließ?

Es ist ein erstaunlicher Zwiespalt. Die amerikanische und britische Presse berichtete nach den Olympischen Spielen von Berlin: Das war eine großartige Propagandaveranstaltung: "The greatest propaganda stunt in history" – so hat die New York Times geurteilt.

Und in Auswertung der Presseartikel sieht man klar, dass die eher rechten Blätter die perfekte Organisation, die Großartigkeit der Sportbauten und den großen sportlichen Erfolg der Deutschen bewundern – zumindest im Sport-Teil der Zeitungen.

Im Politik-Teil wurde dagegen kritisch beobachtet wie das deutsche Publikum bereitwillig jede Geste des Führers mit Heil-Rufen und Begeisterung verfolgte.

In Großbritannien entspann sich eine spannende Leserbriefdiskussion zwischen Briten, die die Spiele besucht hatten und dann heimgekehrt waren, und der britischen Presse: Die Besucher sagten: War doch alles toll, war doch alles friedlich. Warum berichtet ihr so kritisch? Bei den unmittelbaren Zuschauern muss man von einem Erfolg der Propaganda sprechen.

Bei den vor Ort anwesenden Politik- und fachkundigen Journalisten sah das anders aus: Sie haben nach wie vor kritisch über die innenpolitischen Verhältnisse in Deutschland berichtet. Denen ist auch aufgefallen, dass es zu Verhaftungen in linken Kreisen gekommen ist.

 

Welche unmittelbaren Folgen hatten diese Olympischen Spiele auf den Sport in Deutschland?

Die Spiele lösten innerhalb des Dritten Reiches eine Sportbegeisterung sondergleichen aus. Die Hitlerjugend richtete Sportleistungszüge ein, die SS sah in den sportlichen Erfolgen große Möglichkeiten. In Dachau sagte Heinrich Himmler: 'Wir haben das beste Blut. Wir werden demnächst die Masse der Olympiateilnehmer stellen.' Man setzte das sofort um. In der Leibstandarte SS Adolf Hitler in Berlin-Lichtenberg wurden über 1,90 Meter große, sporttaugliche SS-Leute ausgesucht, die traten der Berliner Rudergesellschaft bei. Sie trainierten professionell wie heutige Sportsoldaten. Und siehe da: Der Achter gewann in der Folge von zwölf Rennen elf.

In Deutschland funktioniert die Erinnerung an diese Spiele auch über die Filme von Leni Riefenstahl. Hatten die damals auch schon ihre Wirkung?

In medialer Sicht kamen zunächst Filme über die einzelnen Sportarten als Wochenschauen in die Kinos. Leni Riefenstahl konnte über den gesamten Stab der Wochenschauen verfügen. Sie wurde nicht von Goebbels behindert, sie wurde gefördert bis zum geht nicht mehr. Da hat sie später eine Legende aufgestellt.

Der eigentliche Olympiafilm ist perfekt geschnitten. Ihr standen 300.000 Meter Film zur Verfügung. Der Film mit seinen zwei Teilen umfasst 3.000 Meter. Sie hat ihren Blick auf ein Prozent des Materials zugespitzt. Und das mit schneller Schnittfolge, hochmodern damals, eingedichtet. Natürlich bestimmt dieser Film das kollektive visuelle Gedächtnis an diese Spiele, hat aber mit der Realität nichts zu tun.

In den USA durfte der Film nicht gezeigt werden. In Venedig, im ebenfalls faschistischen Italien, bekam sie natürlich den Filmpreis. Im Ausland ist er gespalten aufgenommen worden. Die Hälfte der europäischen Länder 1937 war rechts oder faschistisch, nur die Hälfte der Länder konnten dem demokratischen Lager zugerechnet werden. Entsprechend gespalten war das Echo.

Der Missbrauch der Spiele durch die Nazis war sicherlich einmalig. Dennoch droht Olympia auch heute immer wieder eine politische Vereinnahmung durch die Gastgeber. Hat das IOC etwas gelernt aus den Spielen in Berlin, konkrete Konsequenzen gezogen?

Es ist doch auffällig, dass nach den finanziell negativen Ergebnissen 1976 von Montreal anschließend die Spiele vermehrt entweder an autoritär geführte Staaten vergeben worden sind, die damit ihr Image aufpolieren wollten oder an kommerziell organisierte Spiele wie 1984 in Los Angeles. Was wir jetzt mit den Olympischen Winterspielen in Peking 2022 erleben, ist doch das Gleiche: Einknicken vor der Menschenrechtsfrage, Einknicken vor der Verletzung der Medienfreiheit. Hauptsache, man hat hochglanzpolierte Spiele. Das war doch jetzt in Tokio in dieser schwierigen Corona-Lage genauso.

In den vergangenen Jahren kam immer wieder die Diskussion auf, die Spiele 2036, 100 Jahre danach, wieder nach Berlin zu holen. Was halten Sie als ein Kenner der historischen Umstände von dieser Idee?

Spiele in Berlin 2036 sind eine hochinteressante Idee. Neue 36er Spiele wären die Gelegenheit, in vorhandenem Sportraum eine Selbstdarstellung eines demokratischen Deutschlands zu zeigen. Ich schließe diese Idee nicht aus, wenngleich ich inzwischen der olympischen Idee sehr skeptisch gegenüberstehe.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Johannes Mohren für den rbb Sport.

 

2 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 2.

    Leni Riefenstahl war schon genial. Leider hat sie nie so recht verstanden mit wem sie sich da eingelassen hatte. Andererseits ist es so, dass in der BRD kein Nazirichter je angeklagt wurde. Der Vorsitzende vom Volksgerichtshof Freissler wurde noch 40 Jahre nach seinem Tod postum befördert was einen satten Geldregen bei seiner Witwe gab. Komischerweise musste sich immer nur Leni Riefenstahl rechtfertigen. Die Fortsetzung von Propaganda gab es später auch nannte sich Westfernsehen. Der Anteil der normalen Bürger zu Reichen in TV ist umgekehrt proportional zu ihrem wahren Anteil im Volk.

  2. 1.

    Ich sehe eine erneute Bewerbung Berlins für Olympia auch sehr skeptisch und das nicht erst seit Corona und den Folgen für die gerade zu Ende gegangenen Spiele in Tokio denn finanzielle Risiken gab es auch schon bei anderen Olympischen Spielen in den letzten 30 Jahren . Außerdem traue ich einer Stadt die keinen Flughafen vernünftig bauen kann , Wohnungsbau und Mieten nicht in die Reihe bekommt und selbst mit wenigen km neuer Straßenbahnstrecke überfordert ist nun wirklich nicht besonders viel zu !!

Nächster Artikel