Debakel in der Bundesliga - Warum sich Hertha BSC in Leipzig blamierte

Sa 25.09.21 | 21:18 Uhr | Von Till Oppermann
  18
Herthas Spieler nach der Niederlage in Leipzig. Quelle: imago images/Revierfoto
Audio: inforadio | 26.06.2021 | Guido Ringel | Bild: imago images/Revierfoto

Mit 0:6 verliert Hertha BSC das Auswärtsspiel bei RB Leipzig. Die Gründe dafür reichen von der falschen Aufstellung über fehlende Mentalität bis zu einer desolaten Kaderplanung. Die Spieler stellen sich trotzdem hinter Trainer Dardai. Von Till Oppermann

Als die Fans des Gastgebers RB Leipzig Mitte der zweiten Halbzeit begannen, aus voller Kehle die Hertha-Hymne zu singen, passte auch die Akustik im Zentralstadion zum schwachen Auftritt der Berliner Fußballer. Der Hohn der Leipziger ergoss sich über elf völlig überforderte Herthaner, die mit der 6:0-Niederlage in der Messestadt insgesamt noch gut bedient waren.

"Es war ein Scheißtag", schimpft Stürmer Davie Selke. Minuten nach dem Abpfiff bleibt ihm im Field-Interview bei Sky nicht viel übrig, außer sich bei allen Blau-Weißen für die peinliche Leistung der Mannschaft zu entschuldigen. An Diskussionen über Chefcoach Pal Dardai will er sich nicht beteiligen. Die Spieler stünden hinter dem Trainerteam, so Selke.

Herthas Zustand ist desolat

Der Rückhalt der Mannschaft scheint Dardai gewiss, Debatten über seine Weiterbeschäftigung wird er sich trotzdem stellen müssen. Er ist der sportlich Verantwortliche einer Bundesligamannschaft, die ihrem Gegner offensiv, defensiv, in den Zweikämpfen und auch sonst in allen Belangen hoffnungslos unterlegen war. Auch im sechsten Saisonspiel ließ Dardais Mannschaft jede Idee im eigenen Ballbesitz vermissen.

Erneut musste der Ungar in der Pause umstellen und damit eingestehen, dass sein taktischer Plan schief gegangen war. Allerdings: Obwohl Leipzig deutlich mehr Ballbesitz hatte, liefen die Herthaner fünf Kilometer weniger. Im Spaziertempo: Denn verglichen mit den 206 Sprints der Leipziger wirken Herthas 169 Antritte fast mickrig. Das fehlende Engagement der Truppe zeigt sich in absoluten Zahlen sehr deutlich: Herthas insgesamt zurückgelegte 103,5 Kilometer liegen neun Kilometer unter dem eigenen Saisondurchschnitt.

Die zweite Klatsche in den ersten sechs Spielen

Natürlich ist die Laufleistung kein Parameter, nach dem man den Einsatz und die Mentalität einer Mannschaft abschließend bewerten kann. Dass Hertha sich nach der 0:5-Klatsche in München nun aber am Samstag bereits zum zweiten Mal in der laufenden Saison kampflos ergeben hat, wirft ein schlechtes Bild auf die Kaderplanung des neuen Geschäftsführers Fredi Bobic.

Der hatte die Abgänge der drei Topscorer Jhon Cordoba, Mateus Cunha und Dodi Lukebakio damit gerechtfertigt, dass er eine Mannschaft mit Mentalitätsspielern aufbauen wolle. Im Spiel in Leipzig suchte man diese vergeblich. Das, die verlorene sportliche Substanz und einige Verletzungssorgen führten fast folgerichtig zum 0:6, das deutlich höher hätte ausfallen können. Selke gibt zu: "Wir haben es auf dem Platz verzockt."

Pal Dardai verzockt sich mit seinen Umstellungen

Aber auch Trainer Pal Dardai verzockte sich. Zum Beispiel bot er gleich drei Spieler auf ungewohnten Positionen auf. Mit Suat Serdar und Jurgen Ekkelenkamp mussten zwei zentrale Mittelfeldspieler als Flügelstürmer aushelfen und der Sechser Lucas Tousart rückte wegen diverser Ausfälle in der Abwehr in die Innenverteidigung. Beide Experimente gingen nach hinten los. Ekkelenkamp und Serdar fehlte die Bindung zum Spiel, Hertha gelang es deshalb in der ersten Halbzeit nicht, die durchaus wacklige RB-Defensive bei Kontern vor Probleme zu stellen.

In den seltenen Fällen, in denen es ihren Mitspielern gelang, Ekkelenkamp und Serdar anzuspielen, verloren die beiden fast postwendend den Ball. Insbesondere, weil Herthas Sieg in Bochum erst dadurch ermöglicht wurde, dass Serdar im Laufe des Spiels in die Zentrale beordert wurde, ist Dardais Entscheidung in Leipzig schwer zu verstehen.

Hertha bietet Leipzig zu viel Raum

Noch schwerer jedoch wog die Leistung der Innenverteidigung um Lucas Tousart. Die Leipziger erzielten gleich mehrere Tore, indem sie zwei einfache Pässe direkt durch die Mitte spielten. Zu keinem Zeitpunkt hatte die Berliner Defensive die Leipziger Emil Forsberg und Christopher Nkunku im Griff. Obwohl bereits nach wenigen Minuten klar war, dass die beiden sich am liebsten in den Räumen zwischen Mittelfeld und Innenverteidigung anspielen lassen, verteidigte Hertha die meiste Zeit mit einer flachen Abwehrkette und ließ genug Platz für die Gegenspieler. Im seltenen Fall, dass ein Innenverteidiger vorrückte, um einen Leipziger bei der Ballannahme in diesem Raum zu stören, fehlte die Staffelung dahinter.

Vor dem Führungstreffer der Gastgeber musste der Leipziger Yussuf Poulsen nur den Ball durch die eigenen Beine lassen, um einem Zweikampf mit Marton Dardai zu entgehen und Nkunku freie Bahn auf Herthas Tor zu ermöglichen. Erst als Dardai nach der Pause auf eine Viererkette setzte und Tousart zurück ins defensive Mittelfeld rückte, wirkte dieser Raum besser abgedeckt. Hertha musste trotzdem drei weitere Gegentreffer hinnehmen.

Wo steht die Mannschaft?

Sechs Punkte aus den ersten sechs Spielen garantieren derzeit einen Platz in der Tabellenmitte. Die Siege gegen die Aufsteiger Bochum und Fürth zeigten, dass Herthas individuelle Klasse genügt, um die schwächsten Gegner zu schlagen und so den Klassenerhalt auch in dieser Saison zu erreichen. Mit Niederlagen in München und Leipzig planten wohl die meisten Herthaner realistischerweise schon vor der Saison. Doch die blamable Art und Weise macht Sorgen: Weder zeigte die Mannschaft die von Bobic versprochene Mentalität, noch zahlten sich Dardais taktische Entscheidungen aus. Der Trainer selbst gibt sich stoisch. Man müsse aus der Niederlage lernen und sie vergessen, kommentiert er. Wie lange Dardai die Spieler dabei noch als Lehrer unterstützen darf, ist trotz Selkes Unterstützung fraglich.

Sendung: rbb24, 25.09.21, 21:45 Uhr

Beitrag von Till Oppermann

18 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 18.

    Wenn die Spieler ihre mangelnde Leistungsbereitschaft direkt bei den Einkünften spüren würden, müsste man so einen Bericht nicht schreiben.
    Da vom Investor aber scheinbar „all in“ möglich ist, gehts mit überhöhten Gehältern weiter…

    Jeder in der normalen Wirtschaft würde da sicher Konsequenzen spüren…
    Vielleicht klappts ja dann in der 2. Liga besser, ach nee-da warten ja auch starke Mannschaften!!!

  2. 17.

    Müßig sich über Union Leute Gedanken zu machen, wenn es bei Hertha laufen würde, kämen auch nur negative Sprüche. Jetzt läuft es nicht und da kommt die Häme. Ich finde es immer lustig, welche Aufmerksamkeit die Unioner für Hertha aufbringen. Ich lese Berichte über Union kaum, wenn dann so wie welche über andere für mich uninteressante Mannschaften. Offenbar ist da eine Art Hassliebe der Unioner für Hertha.

  3. 16.

    Wenn man mit 0:5 gegen Bayern München und dann noch mit 0:6 gegen Leipzig verliert, dann dürfte das wohl kaum mit verletzten Spielern oder mangelnder Einstellung zu tun haben, sondern dann ist schlicht und einfach die Mannschaft nicht gut genug. Und das dürfte wohl kaum die Schuld des Trainers sein. Bevor man sich über die schlechte Atmosphäre im Olympiastadion beschwert und vehement ein neues Stadion fordert, sollte man erst einmal eine vernünftige Mannschaft auf den Platz bringen. Solange nämlich die Mannschaft nicht besser spielt, wird die Stimmung auch im schönsten Fußballstadion der Welt nicht besser sein.

  4. 15.

    Das völlige Fehlen von Ideen mit und ohne Ball ist etwas, was man von der Dardai-Hertha nur zu gut kennt. Gerechterweise muss man aber auch sagen, dass es alleine Dardai in den vergangenen fast 10 Jahren geschafft hat, eine glanzlos funktionierende Mannschaft bei Hertha zu formen. Das wird auch jetzt wieder das Ziel sein. Die Mannschaft ist seit dem Einsteigen dieses vermaledeiten Investors im Chaos, ständige Personalwechsel auf und neben dem Platz, kein übergeordneter Plan, nix. Bobic hat das zumindest erkannt und ihm traue ich auch zu, den Laden wieder zum Laufen zu bringen, weil er streng und ohne jede Illusion an die Sache zu gehen scheint. Es wird aber einige Zeit dauern, ob uns das passt oder nicht. Somit wird auch diese Saison wieder nicht mehr zu erwarten sein als "Stabilisieren und für mittelfristigen Erfolg ausrichten". Mal gucken, was die neuen Geschäftsführer noch an Ideen haben, von dem "Projekt Goldelse" bspw. hat man auch nix mehr groß gehört.

  5. 14.

    Immer wieder erstaunlich wie viele Fans aus dem Köpenicker Wald sich Gedanken um Hertha BSC machen. Vielen Dank für eure Fürsorge und HA-HO-HE aus Biesdorf.

  6. 13.

    Pal Dardai ist ein hervorragender Trainer, der Hertha mehrfach vor dem Abstieg gerettet und vier Jahre stabil in der Bundesliga mit zwei Europacup-Qualifiikationen entwickelt hat. Das Elend kam mit katastrophaler Kaderpolitik nach ihm, für die er nun wirklich nichts kann. Man sollte ihn in Ruhe arbeiten und die gut ausgebildeten Hertha-Talente in die Bundesliga holen lassen. Das bringt langfristig Erfolg.

  7. 12.

    0:6 ist ein normales Ergebnis wenn man zwei Ligen über seinen Verhältnissen spielt. Gewöhnt euch schonmal dran für den Rest der Saison!

  8. 11.

    Selke ist völlig überschätzt. Der hat noch nie was getaugt. Natürlich nur Fuballerisch.

  9. 10.

    Mal die Kirche im Dorf lassen. Die Unioner haben jetzt mal ein paar Jahre einen Lauf. Hatten andere Mannschaften auch schon. Das kann aber auch ganz schnell wieder vorbei sein .Also freuen, aber nicht überhöhen. Und das vor allem nicht ständig als Vorbild für alle anderen bemühen.

  10. 9.

    bundesligataugliche Trainer hatten Hertha in der Entwicklung auch nicht weitergebracht (Funkel, Rehhagel, Klinsmann, Labbadia) und nun kommt verschärfend dazu, dass es auch nicht mit viel Geld funktioniert. Viel Geld erzeugt immer eine größere Erwartungshaltung. Aus "Köpenicker Sicht" würde ich soweit gehen, dass es zuletzt mit Favre geklappt hat. Und Hertha-Fans - unterstützt eure Mannschaft und nutzt das Kartenkontingent, was derzeit zur Verfügung steht.

  11. 8.

    Vielleicht ist Pad Dardai tatsächlich ein menschlich zu toller Typ. Und ich glaube auch, dass das im Nachwuchsbereich besser funktioniert und er dort sehr wichtige Arbeit für den Verein geleistet hat und wieder leisten könnte. Er wird sicher noch ein paar Spiele Zeit bekommen, aber der Druck auf ihn ist jetzt schon riesig. Natürlich ist der Kader, auch aufgrund der Entscheidungen des Herrn Bobic, mehr als fragwürdig, aber so schlecht müssten sie dann doch nicht spielen. Hertha hat bereits die zweitschlechteste Torbilanz der Liga, und das sagt m.E. im Moment mehr über die Arbeit des Trainers aus als der Tabellenplatz. Wenn Dardai dann doch ausgetauscht wird, dürfte der Baum schon lichterloh brennen, was jeden namhaften Trainer (falls überhaupt verfügbar) abschrecken dürfte.

  12. 7.

    Bei der Hertha fehlt ein Bundesliga tauglicher Trainer, nichts gegen Dardai, Menschlich ein toller Typ aber für die Bundesliga fehlt ihn die Erfahrung... er sollte lieber wieder im Nachwuchsbereich arbeiten. Hertha braucht dringend einen erfahrenen Trainer.

  13. 6.

    Hertha BSC gehört schlicht nicht in die Bundesliga. Ein Abstieg in der letzten Saison wäre angemessen gewesen - Tschüs Bundesliga.
    Der Ost-Verein Union macht‘s vor, wie‘s zu gehen hätte. Aber Hertha - nein.

  14. 5.

    Das liebenswerte an Hertha ist diese gleichmäßige und konstante Mittelmäßigkeit mit Tendenzen nach unten und nicht nach oben. Immer wenn sie einen Schritt nach vorne, respektive oben,machen könnten, wird ein Enttäuschung folgen. Das hat schon fast System.
    Egal, wie viel Geld da im Umlauf ist.
    Mit Verlaub: Alte Dame, du bist ne blöde Kuh...

  15. 4.

    Fehlende Mentalität? Jetzt mal ernsthaft ... Weshalb sollte irgendein Spieler für die "alte Dame Hertha" brennen? Hertha ist eine Art Resterampe für Spieler, die bei anderen Vereinen kaum eine Chance haben (Besser als gar nichts ....) Wieviel wurde investiert? 300 Mio.? in was? Irgendwelche namenhafte Spieler? Und seien wirnochmals ehrlich ... Selbst das Mangement ist nur wegen des Geldes da ... Aber das wird dann erst eine Wahrheit für 2026 sein ...

  16. 3.

    ...ach - ist doch schon immer mal passiert, dass Vereine in der Krise gerne gegen Hertha spielen um sich aus eben dieser zu schiessen...
    "Hej - bei uns läuft es nicht? Lass doch gegen Hertha spielen..."
    Den neutralen Fan freut's - gute Unterhaltung!
    Danke Hertha!

  17. 2.

    Ich hab’s schon im August gesagt , Hertha wird im Tabellenkeller rumdümpeln und Dardai als Trainer ist wie aufgewärmter Kaffee .

  18. 1.

    Nein, Herr Selke, das war kein Scheißtag. Das war ein ganz normaler Tag für eine überforderte Mannschaft mit einem überforderten Trainer, die so nicht bundesligatauglich sind. Ich fürchte, es werden noch viele solche Tage kommen.

Nächster Artikel