NOFV beantragt Sportgerichtsverfahren - Tumulte nach der Partie des BFC Dynamo haben ein Nachspiel

Eine Eckfahne mit dem Logo vom BFC Dynamo(Bild: imago images/Matthias Koch)
Bild: imago images/Matthias Koch

Rassistische Beleidigungen aus dem Fanblock, das Werfen von Gegenständen, versuchter Sturm der gegnerischen Fanblöcke: Die Ausschreitungen nach dem Spiel zwischen dem BFC Dynamo und Chemie Leipzig werden nun untersucht.

Das Spiel in der Regionalliga Nordost zwischen dem BFC Dynamo und der BSG Chemie Leipzig (12.09.2021) in Berlin wird wohl ein Fall für das Sportgericht. Der Nordostdeutsche Fußballverband (NOFV) hat die Protokolle von Schiedsrichter Johannes Schipke und von Sicherheitsbeobacher Lutz Mende, der die Partie im Auftrag des Verbands verfolgte, geprüft. Nun wird der NOFV einen Antrag auf ein Sportgerichtsverfahren stellen. Das haben Recherchen von mdr "Sport im Osten" am Dienstagmorgen ergeben, die rbb|24 bestätigen kann.

Wie Holger Fuchs, Geschäftsführer des NOFV gegenüber dem rbb sagte, werden beide Vereine zu Stellungnahmen aufgefordert.

Partie vor 2.000 Zuschauern war als Risikospiel eingestuft worden

Die Brisanz des Duells war schon vor der Partie bekannt. Polizei und Verband hatten Dynamo gegen Leipzig als Risikospiel eingestuft. Deshalb verfolgte Lutz Mende die Partie als Sicherheitsbeauftragter im Stadion. In seinem Sicherheitsprotokoll berichtete Mende, Spieler der Leipziger seien nach Abpfiff mit Gegenständen beworfen worden. Das bestätigte Mende dem mdr. Zudem hätten Heimfans versucht, in den Gästeblock zu gelangen. Auch Chemie-Anhänger hätten daraufhin versucht, in den Bereich der Heimfans einzudringen.

Zwischen beiden Blöcken war eine so genannte Pufferzone eingerichtet worden. In dieser Zone sei die Polizei laut Mende "energisch eingeschritten", unter anderem auch mit dem Einsatz von Pfefferspray. Erst dadurch sei ein Aufeinandertreffen beider Lager verhindert worden.

BFC-Coach spielt Vorfall herunter: "Nicht schön, aber es ist so"

In der Pressekonferenz direkt nach Abpfiff der Partie äußerten sich die Trainer beider Mannschaften zum unrühmlichen Nachspiel nach Abpfiff, bei dem auch Beleidigungen zur Eskalation beigetragen haben sollen. So soll Gäste-Trainer Miroslav Jagatic von einem BFC-Fan der Satz "deine Sippe gehört vergast" zugerufen worden sein. "Ich bin keiner, der auf Stunk aus ist", hatte der sichtlich aufgewühlte Jagatic nach dem Spiel gesagt. "Ich bin 45 Jahre alt, da kann man sagen, was man will." Eine pauschale Kritik an den Heimfans wollte Jagatic nicht üben. "Der große Teil der ganzen BFCer sind Herzblutfans, die würden sich hüten, was zu sagen."

"Ich bin vielleicht so erfahren, dass ich bei sowas gleich in die Kabine gehe", sagte Dynamo-Trainer Christian Benbennek, der die Szenen nicht persönlich miterlebt hatte. Ich kann nur sagen: Wenn wir irgendwo auftauchen, wenn ich am Rand stehe, zum Beispiel in Cottbus, geht mir das genauso. Da kriegt man auch die ganze Zeit irgendwas gesagt. Das ist so ein Fußball-Ding. Das ist nicht schön, aber es ist so."

BFC Dynamo bestätigt Affenlaute eines Anhängers

In einer Stellungnahme vom Montag äußerte sich der BFC Dynamo dann konkreter. Es sei nach "Provokationen einzelner Spieler der BSG Chemie Leipzig vor der Gegengerade zu wechselseitigen Beleidigungen zwischen Fans des BFC Dynamo auf der einen Seite, sowie Spielern und dem Trainer der Gastmannschaft auf der anderen Seite" gekommen.

Ebenso bestätigte die BFC-Führung hörbare Affenlaute einer einzelnen Person im Fanblock, mit denen ein Leipziger Spieler rassistisch beleidigt werden sollte. Daraufhin hätten umstehende BFC-Fans sofort eingegriffen, um "diese unfaire und unwürdige Verhaltensweise" zu unterbinden.

Ein mögliches Zeigen des verbotenen Hitlergrußes konnte die Polizei nach Auswertung von Videoaufnahmen nicht bestätigen.

Mit Kies gefüllte Bierbecher

Am Dienstagnachmittag reagierte dann Chemie Leipzig auf seiner Vereinshomepage mit einer Stellungnahme. Diese basiere auf Gedächtnisprotokollen von Spielern und Trainer, so der Verein. Demnach seien Leipzigs Ersatzspieler schon während des Spiels mit Gegenständen aus Dynamos Fanblock beworfen worden. Der Leipziger Spieler Benjamin Luis sei bei seiner Einwechslung "und im restlichen Spielverlauf von mehreren (nicht nur einem einzelnen) BFC-Anhängern wegen seiner Hautfarbe mit Affenlauten und rassistischen Schmähwörtern belegt worden."

Nach dem Abpfiff sei die Situation dann komplett eskaliert: Mindestens eine Minute lang seien mit Kies gefüllte Trinkbecher auf die Leipziger Spieler geflogen. Leipzig wirft zudem den Ordnungskräften und der Berliner Polizei vor, gar nicht beziehungsweise nicht rechtzeitig eingegriffen zu haben.

Chemie Leipzig wirft Dynamo "unerträgliche Täter-Opfer-Umkehrung" vor

Die Geschehnisse mit "rassistischen, antisemitischen und menschenverachtenden Entgleisungen" ließen den Verein fassungslos zurück, so der BSG. "Zugleich verurteilen wir die unerträgliche Täter-Opfer-Umkehrung seitens des BFC Dynamo in seiner Stellungnahme. Eine deutliche Klarstellung - vor allem gegenüber unserem Trainer und unseren Spielern - empfinden wir durchaus als angemessen."

Vom Nordostdeutschen Fußballverband fordert Leipzig, Rassismus und Antisemitismus in den Stadien als gesellschaftliches Problem ernst zu nehmen, "anstatt mit seinen Sportgerichten ausschließlich auf symbolische Sanktionierung zu setzen."

Sendung: 14.09.2021, Inforadio, 10 Uhr

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