Analyse | Erste Niederlage in der Liga - Dortmund hebelt Unions Außenverteidiger aus

Donyell Malen gegen Julian Ryerson
Video: Abendschau | 19.09.2021 | Sebastian Meyer | Bild: imago images/RHR-Foto

Leichte Fehler und eine tiefe Positionierung der Außenverteidiger raubten Union Berlin beim 2:4 in Dortmund die Stärken im eigenen Ballbesitz. Nach dem Seitenwechsel zeigte die Mannschaft Moral, für Punkte reichte es trotzdem nicht. Von Till Oppermann

Als Ersatzkapitän Marvin Friedrich den 1. FC Union Berlin in der 52. Minute des Auswärtsspiels bei Borussia Dortmund mit seinem ersten Eigentor in der Bundesliga mit 0:3 in Rückstand brachte, stand ihm seine Enttäuschung ins Gesicht geschrieben.

Die Köpenicker zahlten Lehrgeld. Die Lektion am Sonntag: Fehler werden in der Bundesliga eiskalt bestraft. Das zeigte das 2:4 (0:2) beim Topklub Borussia Dortmund.

"Zu viele Fehler"

Erst recht gegen individuell hochklassig besetzte Dortmunder, die auch als Mannschaft gegen Union über weite Strecken des Spiels überzeugten. Dass es den Unionern mit einer leidenschaftlichen Antwort auf das dritte Gegentor noch gelang, mit zwei Treffern wieder etwas Druck auf den BVB auszuüben, darf Friedrich und seinen Teamkollegen durchaus Mut machen.

Aber unglücklich sei die Niederlage gegen die Dortmunder trotz des Zwischenstandes von 2:3 nicht gewesen, sagte der Innenverteidiger sachlich nach Abpfiff: "Wir haben in den ersten zehn bis fünfzehn Minuten zu viele Fehler gemacht." Friedrichs Trainer Urs Fischer stimmte zu. Seiner Meinung nach sei der Start ins Spiel zu hektisch und zu nervös gewesen. Gerade im Spiel mit dem Ball hätten sich die Unioner zu viele leichte Ballverluste erlaubt. "Wir brauchten einen Moment", so Fischer.

Dabei trennte nur Taiwo Awoniyis Oberkörper Union von einem perfekten Start in die Partie. Bereits nach 42 Sekunden erzielte der Nigerianer die vermeintliche Führung, doch weil sich sein Torso im Abseits befand, blieb es beim 0:0.

Einladungen in der Anfangsphase

Womöglich war diese Szene für die Gastgeber ein Weckruf. Sofort rissen sie das Spiel an sich. In Zahlen: Zum Zeitpunkt ihrer 2:0-Führung durch Erling Haaland in der 24. Minute hatten die Gastgeber 70,9 Prozent Ballbesitz und mit 87 Prozent eine um 18 Prozentpunkte bessere Passquote. In dieser Phase habe man Dortmund eingeladen, so Friedrich.

Nach einem genaueren Blick auf die Entstehung der Tore kann man dem 25-Jährigen zustimmen. Zwar war das 1:0 ein "Sonntagsschuss" von Raphael Guerreiro, wie es Urs Fischer formuliert, aber vorher ließ sich Rechtsverteidiger Julian Ryerson auf der Außenbahn zu leicht von seinem Gegenspieler Donyell Malen abdrängen. Und den Angriff vor dem zweiten Gegentor ermöglichte ein Ballverlust von Awoniyi, bevor Dortmunds Rechtsverteidiger Meunier einige Stationen später sehr unbedrängt auf Goalgetter Erling Haaland flanken konnte.

Außenverteidiger zu tief positioniert

Gerade die unbedrängte Flanke dürfte Fischer Kopfschmerzen bereiten. Sein System mit einer Fünferkette sollte es den Außenverteidigern eigentlich ermöglichen, die gegnerischen Flügelspieler aggressiv zu stören. Weil es Dortmund gelang, Union sehr tief in die eigene Hälfte zu drücken, kam Linksverteidiger Niko Gießelmann in der Szene aber zu spät. Spielstarke Mannschaften können die kompakten Unioner so auch in Zukunft aushebeln.

Zumal sich die tiefe Positionierung von Gießelmann und Ryerson auch auf das Offensivspiel der Köpenicker auswirkte. Die meisten ihrer fünf Saisontore vor dem Spiel gegen Dortmund hatte die Fischer-Elf über die Außenbahn eingeleitet. Gießelmann traf bereits zwei Mal, weil es den Unionern gelang mit guten Läufen in den Strafraum bei Flanken eine Überzahl im gegnerischen Sechzehner zu erzeugen.

Nach dem Seitenwechsel Moral gezeigt

Gegen Dortmund kam Union dann weder in die Situationen für gute Flanken noch dazu, den Strafraum durch aufrückende Spieler besser zu besetzen. Nach den seltenen Ballgewinnen war der Weg für die tief in der eigenen Hälfte gebundenen Flügelverteidiger viel zu weit – auch wegen zahlreicher Abspielfehler der eigenen Mitspieler. "Wir müssen lernen, im Spiel mit dem Ball ruhiger zu werden", fordert Urs Fischer. Gerade in diesen Situationen machen sich die Abgänge von Nico Schlotterbeck und Robert Andrich bemerkbar. Beide trugen in der vergangenen Saison im Aufbauspiel große Verantwortung.

Umso beeindruckender war Unions Leistung nach dem 0:3. Viele Mannschaften hätten sich jetzt hängen lassen. Die Köpenicker kämpften sich zurück ins Spiel. Zwar dominierten die Dortmunder weiter den Ballbesitz, aber die Gäste aus der Hauptstadt verlagerten das Spiel mit viel Einsatz etwas mehr vom eigenen Tor weg. Exemplarisch: Außenverteidiger Ryerson kam im zweiten Durchgang gleich zwei Mal zu Chancen im gegnerischen Strafraum.

Haaland beendet Unions Aufbäumen

Zudem saßen Fischers Wechsel: Max Kruses verwandeltem Elfmeter in der 57. Minute eine Flanke in den Strafraum voraus, bei der der eingewechselte Kevin Behrens gut nachsetzte und gefoult wurde. Auch Andreas Voglsammer, der den zwischenzeitlichen Anschluss zum 2:3 köpfte, wurde eingewechselt. Urs Fischer lobte: "Meine Mannschaft hat wirklich eine tolle Moral gezeigt."

Als jedoch Erling Haaland kurz nach dem Anschluss mit seinem zweiten Tor für die Entscheidung sorgte, war Unions kurzes Aufbäumen beendet. Insgesamt war die Niederlage verdient, findet auch Marvin Friedrich und versuchte positiv zu bleiben: "Hier in Dortmund hatten wir ein schweres Spiel, aber ich glaube, dass wir die zweite Halbzeit gut bestritten haben."

Sendung: Inforadio, 20.09.2021, 08:00 Uhr

2 Kommentare

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  1. 2.

    Allerdings muss der BVB dringend die Abwehr stärken. Sich komplett auf den Sturm zu verlassen ist riskant. Klar, solange man immer ein Tor mehr schiesst als der Gegner klappt’s, aber gegen starke Mannschaften kann es eng werden. Zumal die Bayern wieder extrem gut drauf sind.

  2. 1.

    Ein schöner Abend.

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