Neuer Leiter Hertha-Nachwuchsakademie Pablo Thiam - Mit "Jungs aus Berlin für Berlin" Richtung Zukunft

Pablo Thiam bei einem Nachwuchsturnier im Stadion An der Alten Försterei. (Quelle: imago images/Matthias Koch)
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Video: rbb UM6 | 29.09.2021 | Johanna Rüdiger | Bild: imago images/Matthias Koch

Hertha BSC hat einen neuen Nachwuchs-Chef: Pablo Thiam leitet seit drei Monaten die Talentschmiede der Blau-Weißen. Eine reiz- und anspruchsvolle Arbeit zugleich: Denn seine Aufgabe wird es auch sein, neue Talente vom Abwandern abzuhalten. Von Uri Zahavi

Pablo Thiam schaut gebannt auf den Trainingsplatz. Gerade trainiert die U17 von Hertha BSC. Der 47-Jährige ist adrett gekleidet: schicker dunkelbrauner Anzug, dazu die passenden Schuhe und auf der Nase eine stylische Brille. Die Augen des ehemaligen Bundesliga-Mittelfeldmannes verfolgen den Ball, als die Nachwuchskicker ganz nah an ihm vorbeirasen, huscht ein Lächeln über seine Lippen. "Ich habe in diesem Jahr schon einige Spiele gesehen: von der U23 bis zur U14. Deshalb würde ich sagen, kenne ich die Spieler mittlerweile schon ganz gut."

Präsenz zeigen, erreich- und nahbar sein: Auf diese Dinge legte Pablo Thiam in seinen ersten drei Monaten als Leiter von Herthas Nachwuchsakademie besonderen wert, wie er sagt. Während des Interviews mit dem 18-maligen Nationalspieler Guineas bimmelt mehrfach sein Handy - alles Teil des neuen Jobs. "Die ersten Monate waren sehr intensiv. Ich habe schon zwei Wochen meiner Urlaubszeit im Juni hier verbracht, um jeden einzelnen Mitarbeiter der Akademie kennenzulernen, um persönliche Gespräche zu führen."

 

Zurück in die Zukunft

Die Nachwuchsakademie von Hertha BSC ist deutschlandweit für ihre erfolgreiche Arbeit bekannt. Wie viele der verheißungsvollen Talente schaffen den Sprung zu den Profis? Das ist die alles überstrahlende Frage in der Branche. Das Ergebnis nennt sich dann Durchlässigkeit. Und die ist die entscheidende Währung im Nachwuchsfußball. Die Durchlässigkeit bei Hertha BSC konnte sich traditionell sehen lassen. Aus dem goldenen 99er-Jahrgang beispielsweise, der in der A-Jugend im Jahr 2018 die deutsche Meisterschaft gewann, gelang knapp der Hälfte der Stamm-Mannschaft der Durchbruch ins Profi-Geschäft.

"Wir haben hier eine unheimliche Bandbreite an Spielern im Jugendbereich", sagt Pablo Thiam. "Wir wollen aber noch zielgerichteter für die Profis ausbilden. Das hat sich Fredi Bobic auf die Fahnen geschrieben." Zuletzt etablierte sich Marton Dardai in der Profi-Mannschaft, der 17-jährige Linus Gechter feierte in dieser Saison sein Debüt. "Hier in Berlin sind schon immer gute Spieler entstanden, das Potenzial ist riesig. Das Ganze nochmal zu bündeln und vielleicht noch mehr nach außen zu tragen, was hier für gute Arbeit gemacht wird. Das wird die Aufgabe in den nächsten Jahren sein." Genau das könnte einer der wichtigsten Bausteine für die Zukunft sein, denen sich Pablo Thiam in seiner neuen Position widmen muss.

Nachwuchsspieler für die Arbeit bei Hertha BSC begeistern

Das größte Problem von Hertha BSC in Sachen Nachwuchs ist in jüngerer Vergangenheit nicht etwa die Durchlässigkeit, sondern die Abwanderungswilligkeit der vielversprechendsten Talente. Allein in den vergangenen beiden Jahren verließen mit Lazar Samardzic und Luca Netz die zwei am höchsten gehandelten Jungspunde die Hertha Richtung Leipzig respektive Borussia Mönchengladbach. "Fußball ist und bleibt irgendwo ein Geschäft. Da ist sich jeder der Nächste", konstatiert Pablo Thiam. Trotzdem will er sich dem Abwanderungstrend entgegenstellen.

"Was wir tun können, ist die Jungs dafür zu begeistern, wie wir hier arbeiten. Es geht darum, dass wir verschiedene Abteilungen stärken und neue Ansätze reinbringen in Punkto Athletik und Koordination, aber auch Datenanalyse", beschreibt Thiam den neuen Hertha-Weg. "Die Jugend von vor zehn Jahren ist anders, als die Jugend jetzt. Wir müssen neue Themen reinbringen, neue Zeitgeister mitnehmen."

Vom Wolfsburger Großkonzern zurück in die Berliner Wahlheimat

All das will Pablo Thiam mit seiner offenen, kommunikativen Art vorantreiben. Er sei ein Chef, "der alle mit ins Boot holt" aber auch eine klare Richtung vorgebe. 18 Jahre lang stand Thiam vor dem Wechsel in die Hauptstadt in Diensten des VfL Wolfsburg. Zunächst als Spieler, dann unter anderem als sportlicher Leiter der U23 und Leiter der VfL-Fußballakademie. Erfahrungen in einem Großkonzern, die ihm jetzt in Berlin helfen sollen. "Strukturen, Abläufe, konzeptionelles Arbeiten: Das sind die Themen, die wir hier einführen wollen. Alles was wir tun, soll aufeinander aufbauen", so Thiam. Er bildet gemeinsam mit Benjamin Weber, der seit 2014 die Geschicke der Hertha-Nachwuchsakademie leitet, in Zukunft eine Doppelspitze.

Aus privater Sicht sei der Wechsel von Wolfsburg nach Berlin das Beste, was Thiam passieren konnte. Seit mehr als einem Jahrzehnt wohnt er bereits in der Spree-Metropole. "Ich musste nicht umziehen, ich war einfach schon zuhause", sagt er und lächelt. 310 Bundesliga-Spiele hat Pablo Thiam für Köln, Stuttgart, Bayern und Wolfsburg absolviert - jetzt will er so vielen Nachwuchskickern von Hertha BSC wie möglich zu ähnlichem verhelfen. Dafür brauche es wieder "Jungs aus Berlin für Berlin". Heißt also: zurück in die Zukunft.

Sendung: rbb um6, 30.09.2021, 18:15 Uhr

 

Beitrag von Uri Zahavi

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