Sieg in Bochum - Hertha 2021: Zurück in die Zukunft

Bundesliga, VfL Bochum - Hertha BSC, 4. Spieltag, im Vonovia Ruhrstadion. Bochums Danilo Soares (M) und Herthas Ishak Belfodil (l) kämpfen um den Ball. (Quelle: dpa/Fabian Strauch)
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Audio: Inforadio | 12.09.2021 | Karsten Steinmetz | Bild: dpa/Fabian Strauch

Defensive Stabilität und Konter: Herthas Marschroute gegen Bochum erinnerte an die erste Amtszeit des Trainers Pal Dardai. Trotz des ersten Saisonsiegs ist seine Mannschaft noch lange nicht so stabil wie damals. Von Till Oppermann

Der erleichterte Pal Dardai brachte es nach Herthas 3:1-Sieg in Bochum auf den Punkt: "Das sah heute nicht schön aus." 35 Prozent Ballbesitz und Vladimir Darida im Mittelfeld einer gnadenlos effektiven Mannschaft, die weite Teile des Spiels einzig und allein darauf bedacht war, möglichst defensiv zu stehen: Herthas taktische Ausrichtung war eine Zeitreise in Dardais erste Amtszeit. Diese endete 2019 nach vier Jahren, weil der Fußball der Vereinsführung um den damaligen Geschäftsführer Sport Michael Preetz zu bieder war.

Es folgten anderthalb Saisons mit über 100 Millionen Transferausgaben, vier Trainern und Abstiegssorgen, bis Dardai zurückkam, um den Verein aus dem Fiebertraum voller veröffentlichter Tagebücher, egozentrischer Stars, Führungswechseln und Großmannssucht zu wecken. Nach dem Sieg gegen Bochum sagte er: "Wenn einer denkt, wir werden hier Wunderfußball spielen, dann kennt er Fußball nicht."

Dardai: "Spielkontrolle Bochum, Sieg Hertha"

Wunderfußball wird nach Herthas Auftritt beim Aufsteiger aus Bochum wahrlich niemand mehr erwarten: Neben den Vorteilen beim Ballbesitz hatten die Gastgeber auch bei den Abschlüssen, der Passquote, der Menge an Standardsituationen, nach dem "Expected-Goals-Modell" und in den Zweikämpfen die Nase vorn. Ein Sieg der Bochumer wäre hochverdient gewesen.

Aber es kam, wie Pal Dardai zusammenfaste: "Spielkontrolle Bochum, Sieg Hertha." Für den Trainer ist das die Folge seiner neuen taktischen Ausrichtung. Erstmals in dieser Saison schickte Dardai die Mannschaft mit dem System ins Spiel, das vergangene Saison die Ligazugehörigkeit sicherte: Eine Fünferkette sollte für defensive Stabilität sorgen. Davor agierten Darida und Lucas Tousart als Doppelsechs hinter den drei Spitzen Marco Richter, Ishak Belfodil und Suat Serdar. Als Tabellenletzter mit drei Niederlagen aus drei Spielen sei man nicht gekommen, um das Spiel zu kontrollieren, so Dardai.

Herthaner wirkten seltsam teilnahmslos

Zumindest diesen Gefallen tat ihm seine Mannschaft. Von Anfang drückten die Bochumer Hertha tief in die eigene Hälfte. Gefühlt gewannen sie jeden Zweikampf und wenn es den Berlinern doch gelang, die Kugel zu klären, eroberten sie die Gastgeber mit ihrem beherzten Gegenpressing in Sekundenschnelle zurück. Die drei Innenverteidiger Niklas Stark, Dedryck Boyata und Jordan Torunarigha bereinigten zwar die Gefahr im Strafraum, rückten aber mit jedem Angriff der Bochumer noch näher an den eigenen Torwart.

Der VfL hingegen gewann nahezu jeden zweiten Ball. Das Ergebnis war eine passive Hertha-Mannschaft, die Bochum körperlich und geistig wenig entgegenzusetzen hatte. Spielerische Lösungen im eigenen Aufbau oder präzise Pässe in den wenigen Umschaltaktionen konnte Hertha nicht zeigen. Nachdem Hertha mit Matheus Cunha und Dodi Lukebakio am Ende der Transferphase beide Topscorer der Vorsaison abgab, sprach Manager Fredi Bobic von einem neuen Charakter in der Mannschaft. Verglichen mit den leidenschaftlichen Aufsteigern aus Bochum wirkten die verbliebenen Herthaner zumindest am Sonntag seltsam teilnahmslos.

Suat Serdar lässt Hertha hoffen

Der erste Saisonsieg ist so vor allem der Verdienst zweier Individualisten: Das 1:0 durch Suat Serdar und das 3:1 des Debütanten Myziane Maolida leiteten die Torschützen jeweils selbst mit sehenswerten Dribblings durch die Mitte ein. Serdar, der auch das 2:0 erzielte, als er kurz vor der Pause einen Fehler der Bochumer ausnutzte, sagte: "Ich freue mich sehr über meine ersten Tore für Hertha." Noch mehr dürften sich die blau-weißen Fans freuen. Serdar bewies die individuelle Klasse, die ihm auch schon in die deutsche Nationalmannschaft brachte. Und ohne Einzelaktionen wie seine, wird es für Hertha in dieser Saison schwierig Tore zu erzielen. Kombinationen oder wenigstens einen stringenten Plan im eigenen Ballbesitz ließ Hertha vermissen. Positiv ist die Chancenverwertung, vier Schüsse reichten für drei Tore. Allerdings: So effizient ist keine Mannschaft über längere Zeit.

Es lohnt sich also, die wenigen weiteren Aspekte mit der Lupe zu suchen, die Mut machten. Einer davon ist die Position von Serdar. Nachdem er gegen Köln im rechten Mittelfeld spielte und gegen Wolfsburg den Sechser gab, rückte er heute zu Beginn wieder auf den Flügel. Seine Tore erzielte er allerdings aus der Mitte. Seine Erklärung: "Der Trainer hat nach 20 Minuten umgestellt, wir haben dann mit zwei Achtern gespielt." Für Suat Serdar bedeutete das, dass er von der Außenbahn zurück auf seine Lieblingsrolle im zentralen Mittelfeld rückte. Da die Aufstellung sowieso zu defensiv war, um Außenspieler einzusetzen und der kürzeste Weg zum Kontern durch die Mitte führt, sollte Dardai daran festhalten. Zumal auch die Abwehr von dieser Umstellung profitierte. Weil nun drei Spieler auf die Abpraller und zweiten Bälle lauerten, gelang es Bochum seltener Hertha im eigenen Strafraum einzuschnüren.

Am Freitag wartet der nächste Aufsteiger

Auch gegen den zweiten Aufsteiger von der SpVgg Fürth ist kein Offensivspektakel zu erwarten. "Systematisch verteidigen und kontern" soll die Mannschaft, so Dardai. Tatsächlich gelang es gegen Bochum gefährliche Abschlüsse des Gegners weitestgehend zu vermeiden. Die zahlreichen Flanken klärten die drei Innenverteidiger, die meisten Schüsse seien "im Vogelnest" gelandet, wie Dardai scherzte.

Aber die Systematik fehlte nicht nur im Angriff, sondern auch beim Gegentor. Da vernachlässigte Boyata seine Position in der Zentrale, um auf der rechten Seite einen Bochumer zu stören. Obwohl ihm der Rechtsverteidiger Deyovaisio Zeefuik anzeigte, er solle hinter ihm absichern, stürzte Boyata auf den Bochumer zu, kassierte einen Tunnel und verursachte so das 1:2. Nicht nur diese Szene sollte Dardai warnen: Um auch in Zukunft die Klasse zu halten, muss er seine Hertha zurück zu alter Stabilität führen.

Sendung: Inforadio, 13.09.2021, 08:16 Uhr

Beitrag von Till Oppermann

4 Kommentare

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  1. 4.

    3 Spiele verloren gegen Platz 1, 2, 7,
    Jetzt gewonnen...
    Sieht doch ok aus!
    Alles nicht so schwarz sehen

  2. 3.

    Jetzt zählen erstmal nur die 3 Punkte und wenn man die 40 Punkte voll hat , dann kann man mit dem Zaubern beginnen .

  3. 2.

    Schön war es nicht was da angeboten wurde, aber diesmal reichte es.
    Man kann nur hoffen das die Mannschaft durch solche Spiele wächst.
    Nun noch ein Dreier gegen die Kleeblätter, dann sollte es auch mal sooo langsam mit dem Selbstvertrauen und dem Teamplaying klappen.

  4. 1.

    Man kann doch nicht richtig gut sein, wenn der Gegner in den Stammfarben spielt. Zurück in die Zukunft? Es war doch erst der erste Sieg...

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