100 Jahre Avus - Von Raketen und Rekorden

Die Berliner Avus während eines Rennens im Jahr 1964 (imago images)
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Video: rbb|24 | 24.09.2021 | Material: Abendschau | Bild: imago images

Sie galt als eine der schnellsten und gefährlichsten Strecken ihrer Zeit: die Avus. Anlässlich des 100. Jahrestag des ersten Rennens hat der Journalist Ulf Schulz ein Buch über sie geschrieben und zehn kuriose und historische Dinge verraten.

Die Avus als Weltneuheit

Schon in ihrer Geburtsstunde, bei der feierlichen Eröffnung am 19. September 1921, war die "Automobil-Verkehrs- und Übungsstraße" (Avus) ein Pionier. Schließlich war sie die erste Straße der Welt, auf der nur Kraftfahrzeuge und Motorräder fahren durften. "Bis dahin gab es nur Straßen, auf denen auch Fuhrwerk und Fahrräder erlaubt waren", sagt Ulf Schulz, Autor des Buches "Avus 100: Ein rasantes Jahrhundert". Damit, und auch weil sie lange Zeit als Fahrbahnbelag-Teststrecke diente, war die Avus zwar Wegbereiter der Autobahn, aber eben doch keine Autobahn. Denn die verbindet bekanntlich zwei Orte miteinander. Die Avus, die anfangs nur gegen Gebühr von 10 Mark zu befahren war, diente lediglich als Test- und Rennstrecke.

Die einst gefährlichste Rennstrecke der Welt

Typisch Berlin

Die Idee zur Avus entstand bereits 1909. 1913 wurden die Arbeiten aufgenommen und ein Jahr später vom hereinbrechenden ersten Weltkrieg kurz vor der Vollendung jäh unterbrochen. Schließlich, so Ulf Schulz, ist das Bauprojekt "ein bisschen typisch für Berlin, weil es am Ende zwölf Jahre dauert".

Das erste Rennen

Fünf Tage nach der Eröffnung steigt auch schon das erste Autorennen auf der Avus. Ein furioses Rennen, dass die Besucher anlockte. Dabei waren die Berliner zuvor überhaupt nicht begeistert, dass man durch den Grunewald, die "grüne Lunge, eine Schneise schlug, so dass man sogar von Baummord redete", wie Ulf Schulz berichtet. Mit dem Aufheulen der Motoren waren diese Zweifel jedoch wie weggeblasen. Dabei hatte das Rennen einen ganz anderen Charakter als heutige Motorsportwettbewerbe. "Es ging um die Durchschnittsgeschwindigkeit und man startete zu zweit, es ging also gegeneinander." Der erste Gewinner: Fritz von Opel auf einem, Überraschung, Opel. Und mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 128,8 km/h.

Fritz von Opel mit Rekord

Fritz von Opel war es auch, der für die ersten Geschwindigkeitsrekorde sorgte. Die aufkommende Raketentechnologie erfasst auch den Motorsport und damit die Avus. "RAK2" heißt das Fahrzeug, mit dem Opel im Jahr 1928 auf über 230 km/h beschleunigte.

Ein Star wird geboren

Der erste große Preis von Deutschland fand bereits 1926 auf der Avus statt. Es war ein international besetztes Rennen - und ein chaotisches. Adolf Rosenberger fährt gegen die Zeitnehmer-Tafel, es sterben drei Menschen. Das Rennen jedoch geht weiter und wird gewonnen von einem, der zum Start noch seinen Motor abgewürgt hatte, im Regen von Berlin dann jedoch allen davon fährt: Rudolf Caracciola. Der bald bekannteste Pilot seiner Zeit, der sich in diesem Rennen "einen goldenen Namen macht", wie Autor Ulf Schulz sagt.

Rekorde, Rekorde, Rekorde

Die Avus gilt wegen ihrer langen Geraden als die schnellste Rennstrecke der Welt. Limitiert werden diese nur von den Kurven. Um auch die Geschwindigkeiten hoch zu halten, kommt man auf die Idee der Steilkurve. Mit zwölf Metern Höhe und 43,6 Grad Neigungswinkel wird die Avus zum "Hexenkessel", wie Ulf Schulz sagt. Beim Einweihungsrennen der neuen Sensation kommt Sieger Hermann Lang im legendären Silberpfeil von Mercedes-Benz auf eine Spitzengeschwindigkeit von fast 400 km/h. Rund 300.000 Menschen sind Zeuge, bei diesem laut Schulz "martialischem Inferno".

Die Formel 1 zu Gast in Berlin

Im Jahr 1959 ist die Formel-1 zu Gast auf der Avus. Berlins Bürgermeister Willy Brandt hatte sich dafür eingesetzt. Und auch dafür, den Ost-Berlinern das Ticket zum selben Preis in Ost-Mark anzubieten, wie den West-Berlinern in West-Mark. Ein Zeichen der Annäherung, zwei Jahre vor dem Mauerbau. Das Rennen gewinnt der Brite Tony Brooks im Ferrari. Der deutsche Fahrer Hans Herrmann überschlägt sich nach dem Funktionsverlust seiner Bremsen fünf Mal, fällt aus dem Auto und darf sich, so Ulf Schulz, fortan "Hans im Glück" nennen. Weniger Glück hatte der französische Fahrer Jean Behra im Sportwagenrennen einen Tag zuvor. Sein Porsche kollidierte mit dem Fundament einer ehemaligen Flak-Stellung, Behra stirbt. Es ist die Essenz der Avus, so Ulf Schulz, "dass Glück und Tragik immer einen Millimeter voneinander entfernt waren".

Die DTM und der dritte Frühling

Die Deutsche Tourenwagen Meisterschaft (DTM) kommt ab 1984 nach Berlin und ist der "dritte Frühling der Avus", so Ulf Schulz. Besonders das Wiedervereinungsrennen 1990 ist aus seiner Sicht "eines der spannendsten". Hans-Joachim "Strietzel" Stuck fährt drei Runden über die Avus in einem Auto, in dem sein Vater schon über die Avus fuhr und gewinnt dann im Audi-V8 das Rennen. "Sicher ein Highlight meiner Karriere", so Stuck zu rbb|24. "Das waren wirklich Helden, was die damals geleistet haben. Wie man da sitzt in dem Auto, das ist ja völlig unergonomisch."

Sein Vater habe ihm erzählt, dass er sich immer die Füße verbrannt habe, weil da die "heißen Wasserrohre vorbeigingen". Aber auch zu seiner Zeit sei die Avus noch etwas ganz Besonderes gewesen. Die Nähe der Zuschauer, der angrenzende Wald, die langen Gerade. "Du sitzt da drin und hast so eine Anspannung". Die Faszination? "Du konntest eigentlich nur über das Bremsen was holen. Deswegen mussten die Bremspunkte ultragenau gesetzt werden. Das war eine richtige Herausforderung und fahrerisch wesentlich anspruchsvoller als mancher geglaubt hat."

Motor Mode

Die Avus sei aber auch ein "Kulturraum" gewesen, sagt Ulf Schulz und verweist auf den im Juli 2021 verstorbenen Fotografen F.C. Gundlach. Dessen Modefotos, entstanden in in der Steilkurve der Avus, waren stilprägend. Für das Berlin-Bild der Zeit und die Modefotografie an sich.

Die heimliche Heidi

Ebenfalls ein Berliner Original und fast so bekannt wie die Avus: Heidi Hetzer. Die Autoverkäuferin und Rennfahrerin schnappte sich als junge Frau den Vorführ-Wagen ihres Vaters, ebenfalls Opel-Händler. Mit dem Opel Diplomat (Ulf Schulz: "Radkappen abgemacht, Startnummer drauf geklebt, los geht’s") kommt Heidi auf Rang zwei über die Ziellinie. Papa Hetzler erfährt davon jedoch erst am kommenden Tag in der Zeitung. Und "faltet die junge Heidi auch ordentlich zusammen", so Ulf Schulz.

Sendung: rbb UM6, 24.09.2021, 18 Uhr

1 Kommentar

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  1. 1.

    Meine Großeltern wohnten in Nikolassee, kurz vor der Spinnerbrücke. Zwischen der Wohnung und der AVUS waren nur die Gleise der Bahn. An die Rennen kann ich mich noch gut erinnern.

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