Union-Fans über Europacup - Zeitreise nach Prag

Der 1. FC Union Berlin in einem Testspiel gegen Slavia Prag am 07. September 2013 in Berlin Lichtenberg(Bild: imago images/Matthias Koch)
Bild: imago images/Matthias Koch

Die Karten für den Union-Block beim Auftaktspiel in die Conference League in Prag waren in kürzester Zeit vergriffen. Jüngere und ältere Unioner fiebern auf die Reise hin. Euphorie und Nostalgie prägen ihre Emotionen. Von Till Oppermann

Als im Frühjahr 2019 der Aufstieg in die erste Liga immer realistischer wurde, sangen die Fans des 1. FC Union Berlin ein etwas ironisches Lied über ihre Wünsche. "Erstmal steigen wir auf, dann Pokal, international." Bekannterweise folgte der Aufstieg kurz darauf und nun reist der 1. FC Union nach Prag, um am Donnerstag gegen Slavia – im Vorjahr ungeschlagener Meister der tschechischen Liga – in den Europapokal zu starten.

Für einen Verein, der seit dem Aufstieg in die Bundesliga zu den finanzschwächsten Konkurrenten gehört, ist das ein ganz besonderes Erlebnis. Zumal die letzte Europapokalreise der Köpenicker 20 Jahre zurück liegt. Damals durften die Eisernen nach dem verlorenen Pokalfinale gegen Schalke als Zweitligaaufsteiger im UEFA-Cup antreten.

Ein Event sondergleichen

Durchschnittlich 9301 Zuschauer begrüßte Union währenddessen in der Zweitligasaison 2001/02 im heimischen Stadion an der Alten Försterei. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass sich zwanzig Jahre später ebenso viele Unioner auf den Weg nach Prag machen. Das Erlebnis einer Auswärtsfahrt ins Ausland reizt viele Eiserne, selbst wenn sie das Spiel womöglich nicht in der "Eden Arena" verfolgen können. Denn für den Anhang stehen nur gut 2000 Gästetickets zu Verfügung. Das schmale Kontingent war innerhalb von vier Stunden aufgebraucht.

Eine Karte ergatterte Uwe. Er ist 56 Jahre alt und ging schon zu DDR-Zeiten zu Union: "Das wird ein Event sondergleichen", schwärmt er. Uwe hofft, dass die Lust der Fans auf den ersten Europapokalauftritt seit zwei Dekaden auch bei der Mannschaft Kräfte freisetzt: "Wir könnten ein Ergebnis holen, auf das wir noch in Jahrzehnten zurückschauen."

"Prag war das Tor zu Freiheit."

Prag ist für ihn und viele andere Fans seiner Generation ein ganz besonderes Reiseziel. Denn als er und seine Freunde vor circa vierzig Jahren die ersten Male ohne ihre Eltern auf Reisen gingen, blieben ihnen als DDR-Bürger nur wenige Ziele. "Prag war das Tor zur Freiheit", erinnert sich Uwe. Für jemanden, der im Osten geboren sei, kämen da zwangsläufig nostalgische Gefühle auf. Wie beispielsweise Erinnerungen an das erste Bier, das er und seine Freunde im berühmten U Fleků tranken.

Rund um das Spiel will Uwe deshalb unbedingt auch in der berühmten Gaststätte einkehren. Gründe, um anzustoßen, gibt es heute genug. Mitte der Achtziger hatte Union sportlich wenig zu melden. Fußball war nur da gewesen, um sich abzureagieren, erinnert sich Uwe. Als Unioner standen seine Freude und er stets im Fokus der Staatsmacht. "Aber ausgerechnet wir fahren jetzt im Europa-Pokal nach Prag."

Für die Fans sind die Lose ein Highlight

Gefühle wie diese kennt Christian nur aus zweiter Hand. Der 26-Jährige wurde erst knapp sechs Jahre nach dem Fall der Mauer geboren. Ins U Fleků will er trotzdem: Die Anstecknadeln aus dem Souvenir-Shop der Kneipe waren unter DDR-Jugendlichen ein Prestigeobjekt. Sein Stiefvater, der die Union-Reise leider nicht antreten kann, bat ihn ihm eine der Nadeln mitzubringen. Christian selbst geht seit 2009 zu Union. Seitdem hat sich der Verein sportlich kontinuierlich weiterentwickelt.

"Für mich ist der Europacup trotzdem etwas ganz besonderes, weil ich die Geschichten und finanzielle Probleme und sportliche Misserfolge von den Älteren kenne." Den Reisen über den Kontinent begegne er deshalb mit Demut. "Es ist unglaublich krass, in einem Turnier zu spielen, in dem solche Teams mitspielen", schwärmt Christian weiter. Neben dem Hammer-Los Slavia sei es ein Traum, in Arenen wie Rotterdams "De Kuip" zu spielen. Insbesondere, weil man diese Erlebnisse nach der langen Durststrecke durch die Corona-Pandemie wieder mit der gesamten Union-Familie teilen könne.

Sportlich warten harte Herausforderungen auf Union

Nach der Meisterschaft im Vorjahr ist Slavia in der heimischen Liga auch in dieser Saison noch ungeschlagen. In der letzten Saison erreichten die Tschechen das Viertelfinale der Europa League. Nachdem sie unter anderem OGC Nizza und Leicester City schlugen, war erst der FC Arsenal eine Nummer zu groß. 2019 scheiterten sie ebenfalls erst im Viertelfinale. Damals gegen den späteren Sieger FC Chelsea. Auch wenn der Bundesligist Union in der stärkeren Liga spielt, wäre ein zählbares Ergebnis gegen Slavia ein toller Erfolg, finden auch Christian und Uwe.

In Anbetracht der zahlreichen Spiele in Liga, Pokal und Europacup sei ein Erfolg nicht selbstverständlich. Mut macht den beiden der breite Kader. Aber selbst wenn es nicht reichen sollte: Dem Dank der mitgereisten Fans können sich die Unioner sicher sein. Es wäre keine Überraschung, wenn sie das Team noch lange nach Abpfiff feiern sollten. Uwe spricht wohl für alle Unioner, wenn er sagt: "Die Vorfreude ist unermesslich."

Sendung: Inforadio, 16.09.2021, 18:44 Uhr

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