Absage, Aufholjagd und geheimer Zettel - 7 legendäre Länderspiel-Highlights im Berliner Olympiastadion

Konfetti-Regen im Olympiastadion nach dem WM-Finale 2006. Quelle: imago images/Ulmer
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Im Sommer 2024 steigt in Deutschland die Fußball-EM. Nun starten die Organisatoren den Countdown. Auch Berlin wird wieder Spielort sein, wo es bei Länderspielen nicht selten historisch wurde. Sieben legendäre Highlights aus der Geschichte.

1951: Das erste Spiel nach dem Krieg

1951 kommt die deutsche Nationalmannschaft erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg wieder für ein Länderspiel nach Berlin. Es ist gleichzeitig die erste Partie und die erste Niederlage gegen die Türkei. Die von Sepp Herberger trainierte Auswahl verliert mit 1:2. Es ist eins der ersten Spiele, in denen Fritz Walter die deutsche Nationalmannschaft als Kapitän anführt. Drei Jahre später gewinnt er mit ihr in Bern überraschend den Weltmeister-Titel.

Bernd Cullmann (BR Deutschland) gegen Elias Figueroa (Chile). Quelle: imago images/Horstmüller
Bernd Cullmann im Spiel gegen Chile. | Bild: imago images/Horstmüller

1974: DDR und BRD treffen auf Chile

Sowohl die Auswahl der BRD als auch das Team der DDR treffen bei der WM 1974 im Olympiastadion auf Chile. Die Südamerikaner hatten sich auf kuriose und umstrittene Art und Weise für das Turnier qualifiziert. Wegen des Putsches von Diktator Augusto Pinochet im Jahr 1973 boykottiert die UdSSR das entscheidende Qualifikationsspiel im Nationalstadion in Santiago. Die Begründung: Das Stadion sei nach dem Militärputsch in ein Gefängnis für politische Gegner umgewandelt worden.

Tatsächlich bestätigen sich diese Vorwürfe später, im Nationalstadion werden zu dieser Zeit Menschen gefoltert und ermordet. Am Spieltag wird die Arena allerdings geräumt. Chile steht bereit, betritt das Feld und das Spiel wird tatsächlich angepfiffen - allerdings ohne Gegner. Nach dem symbolischen 1:0 wird das groteske Schauspiel beendet und weil die FIFA "Spiel" und Ergebnis anerkennt, fährt Chile zur WM nach Deutschland. Eine weitere Besonderheit hier: Im Spiel gegen die Bundesrepublik kassiert Chiles Carlos Caszely die erste Rote Karte der WM-Geschichte.

1994: Der Klassiker, der nicht stattfindet

1994 soll der Länderspiel-Klassiker Deutschland gegen England in Berlin stattfinden. Die Stadt bekommt erst relativ kurzfristig den Zuschlag für die Partie, ursprünglich sollte die Begegnung in Hamburg steigen. Doch die Hansestadt verzichtet. Der Grund: Das Spiel ist für den 20. April angesetzt - dem Geburtstag von Adolf Hitler. Die Stadt Hamburg befürchtet einen Aufmarsch von Rechtsradikalen, die Spiel und Datum als Bühne nutzen wollen. Auch die Einreise englischer Hooligans schätzt man als hohes Risiko ein.

Berlin gibt sich zunächst mutiger, möchte die Partie trotz aller Umstände ausrichten. In Deutschland gibt es dafür viel Zustimmung, man solle auf keinen Fall vor Extremisten einknicken. 4.000 Polizisten und 600 Grenzschutz-Beamten halten sich bereit und sollen für Sicherheit sorgen. Am Ende findet das Spiel dennoch nicht statt. Es ist der englische Fußballverband FA, der die Partie platzen lässt. Zu groß sind die Befürchtungen, deutsche und englische Extremisten und Hooligans könnten in Berlin aufeinandertreffen. "Wir haben dem DFB jetzt doch nur eine Entscheidung abgenommen, die er selbst hätte treffen müssen", rechtfertigt sich die FA.

Fredi Bobic (l.) und Krassimir Balakov (r.) im Gespräch. Quelle: imago images/Sportfoto Rudel
Fredi Bobic und Krassimir Balakov im Gespräch. | Bild: imago images/Sportfoto Rudel

1995: Das erste Spiel nach der Wiedervereinigung

Nach der Absage 1994 kommt es ein Jahr später zum ersten Länderspiel in Berlin nach der Wiedervereinigung. Deutschland trifft in der EM-Qualifikation auf Bulgarien. Das Team von Berti Vogts gewinnt nach Rückstand am Ende souverän mit 3:1. Unter anderem trifft der heutige Hertha-Manager Fredi Bobic auf seinen Stuttgarter Teamkollegen Krassimir Balakov, der für Bulgarien spielt. In der Bundesliga sind die Beiden Teil des berüchtigten, weil treffsicheren "magischen Dreiecks" beim VfB Stuttgart.

Jens Lehmann und Torwart-Trainer Andreas Köpke vor dem Elfmeterschießen gegen Argentinien. Quelle: imago images/Kolvenbach
Jens Lehmann wirft einen Blick auf den "berühmten Zettel". | Bild: imago images/Kolvenbach

2006: Lehmanns Zettel

Für viele deutsche Fans bleibt der Sommer 2006 als "Sommermärchen" in Erinnerung. Die Nationalmannschaft spielt bei der WM im eigenen Land unter Jürgen Klinsmann attraktiven und mitreißenden Offensivfußball. Im Olympiastadion bestreitet das deutsche Team sein Viertelfinale. In der regulären Spielzeit und der Verlängerung fällt keine Entscheidung, die Partie geht ins Elfmeterschießen.

Dank eines Zettels mit handschriftlich notierten Schuss-Präferenz der argentinischen Schützen hält Jens Lehmann zwei Elfmeter und sichert seiner Mannschaft so den Einzug ins Halbfinale. Hier endet das Sommermärchen allerdings, Deutschland verliert in der Verlängerung gegen den späteren Weltmeister Italien.

Zinedine Zidane trifft Marco Materazzi mit einem Kopstoß. Quelle: imago images/Milestone Media
Der berühmteste Kopstoß der Fußballgeschichte: Zidane gegen Materazzi | Bild: imago images/Milestone Media

2006: Der berühmteste Kopfstoß der Fußballgeschichte

Auch das Finale der WM 2006 ereignet sich im Olympiastadion und mit ihm der wohl berühmteste Kopfstoß der Fußballgeschichte. Am 9. Juli 2006 stehen sich Italien und Frankreich im Endspiel gegenüber. In einer bis dahin ausgeglichenen Partie und beim Stand von 1:1 in der Verlängerung, kommt es in der 110. Minute zum großen Aufreger. Im letzten Spiel seiner außergewöhnlich erfolgreichen Karriere streckt Weltstar Zinedine Zidane den italienischen Verteidiger Marco Materazzi mit einem Kopfstoß nieder. Der Auslöser: teils heftige Beleidigungen von Materazzi gegen Zidane.

Nach langen Diskussionen - der argentinische Schiedsrichter Horacio Elizondo hat die Szene nicht gesehen und muss sich auf seinen vierten Offiziellen verlassen - wird Zidane vom Platz gestellt. Ohne seinen großen Superstar verliert Frankreich das Finale im Elfmeterschießen - Italien wird Weltmeister.

Die schwedische Nationalmannschaft jubelt über das 4:4 gegen Deutschland in Berlin. Quelle: imago images/Eibner
Schwedischer Jubel in Berlin: Deutschland verspielt eine 4:0 Führung | Bild: imago images/Eibner

2012: Aus 4:0 mach 4:4

Eine denkwürdige Aufholjagd erlebt das Olympiastadion bei Deutschlands WM-Qualifikationsspiel 2012 gegen Schweden. Im ersten Durchgang spielt das Team von Bundestrainer Joachim Löw wie entfesselt: Durch Tore von Miroslav Klose (8.+15. Minute) und Per Mertesacker (39.) steht es zur Halbzeit bereits 3:0. Schweden wirkt gegen ein furios aufspielendes deutsches Team überfordert, der Sieg scheint schon zur Halbzeit sicher. Nach der Pause erhöht Deutschland in der 55. Minute durch Mesut Özil sogar noch auf 4:0, wird dann allerdings völlig überraschend von Schweden überrannt.

Auch aufgrund krasser Abwehrschwächen kommen die Skandinavier durch zwei schnelle Tore in der 62. und 64. Minute zurück ins Spiel. Nach dem Anschlusstreffer in der 76. Minute erzielt Schweden in der Nachspielzeit tatsächlich noch den Ausgleich. Bei den deutschen Spielern herrscht Ratlosigkeit, wie man einen so hohen Vorsprung noch verspielen konnte. Bastian Schweinsteiger sagt völlig konsterniert: "Ich habe noch nie so etwas erlebt."

Immerhin qualifiziert sich Deutschland trotz des Remis gegen Schweden für die WM 2014 - und wird in Brasilien Weltmeister.

Sendung: rbb24, 05.10.21, 21:45 Uhr

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