Union verliert 1:3 - Ein trauriger Abend in Rotterdam

Fr 22.10.21 | 10:13 Uhr | Von Till Oppermann
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Unions Spieler nach der Niederlage in Rotterdam. Quelle: imago images/Matthias Koch
Bild: imago images/Matthias Koch

Ein harter Polizeieinsatz und Hooligan-Attacken überschatten Unions Europapokalreise in die Niederlande. Auch sportlich können die Köpenicker nicht zufrieden sein. Gegen Feyenoord Rotterdam war Union mit dem 1:3 noch gut bedient. Von Till Oppermann

Eiserne Festspiele in Europa erhoffte sich der 1. FC Union mit der Qualifikation für die Gruppenphase der UEFA Conference League. Doch nachdem es zum Auftakt in Prag eine unnötige Niederlage setzte und die Freude über den Heimsieg gegen Maccabi Haifa von antisemitischen Ausfällen einzelner Berliner Fans getrübt wurde, erlebten die Köpenicker am Donnerstag in Rotterdam die bisher dunkelsten Stunden ihres Europapokalabenteuers.

Mit 1:3 verlor Union nach einer defensiv wie offensiv unzureichenden Leistung gegen Feyenoord. Und angesichts diverser Rettungsaktionen ihres Torhüter Andres Luthe waren die Gäste damit noch gut bedient.

Angriff auf Union-Verantwortliche - 75 Festnahmen rund um Spiel

Doch nicht nur sportlich werden die 2.400 mitgereisten Fans den Trip nach Rotterdam in dunkler Erinnerung behalten. Von Anfang an stand ihre Reise unter einem schlechten Stern. Nachdem am Mittwoch bereits niederländische Hooligans die Union-Delegation um Präsident Dirk Zingler und Kommunikationschef Christian Arbeit in einer Bar mit Stühlen attackiert hatten, sorgte Orkantief "Ignatz" für eine ungemütliche Anreise. Weil zeitweise der Zugverkehr wegen Sturmschäden auf der Strecke unterbrochen war, mussten viele große Umwege in Kauf nehmen und kamen nur gerade rechtzeitig in der Hafenstadt an. Aber das bedeutete noch lange nicht, dass sie es auch ins Stadion schafften.

Zum Anpfiff waren nicht annähernd alle Unioner im Gästeblock. Während in "der Wanne", wie das Rotterdamer Stadion auf Deutsch übersetzt genannt wird, das Spiel begann, kesselte die niederländische Polizei auf dem Vorplatz hunderte Fans ein. Christian Arbeit sprach später von einem "äußerst rabiaten Polizeieinsatz". Die Eiserne Hilfe, das Rechtshilfekollektiv der Fanszene, zeigte auf Twitter einen schwer am Kopf verletzten Fan. Ihr Vorsitzender Andreas Lattemann nannte den Einsatz willkürlich: "Es gab beim Fan-Marsch gezielte Angriffe auf Köpfe der Beteiligten den Einsatz von Schlagstöcken und Hunden, mehrere Personen wurden gebissen, haben Platzwunden oder sind im Krankenhaus." Noch am Abend wolle die Situation gemeinsam mit der UEFA und Feyenoord auswerten, kündigte Arbeit an. "Diese Situation war inakzeptabel."

Die Polizei teilte ihrerseits mit, es habe insgesamt 75 Festnahmen gegeben. Unter anderem habe eine Gruppe von insgesamt 59 Personen vor der Begegnung gezielt die Konfrontation mit Feyenoord-Fans gesucht.

Auch im Stadion ist die Atmosphäre hitzig

Die feindliche Atmosphäre in der Stadt war auch von den Rängen des Stadions zu spüren. Über 40.000 frenetische Feyenoord-Fans sorgten für die passende Kulisse in einer Anfangsphase, die von hitzigen Zweikämpfen und dem fahrigem Aufbauspiel beider Teams geprägt war. Als die Kamera nach wenigen Minuten bei einem Einwurf auf Taiwo Awoniyi zoomte, blieb kaum genug Zeit, um die erhobenen Mittelfinger zu zählen, die ihm von der Tribüne entgegen gereckt wurden. Der georgische Schiedsrichter Giorgi Kruashvili begleitete das Geschehen mit einer sehr lockeren Zweikampfbewertung. Zuerst spürte das Mittelfeldmann Grischa Prömel. In der siebten Spielminute ging er nach einem Zweikampf zu Boden und umklammerte sofort den Ball mit beiden Händen, weil er sich so sicher war, dass er gefoult wurde. Doch Kruashvili entschied anders: Handspiel Prömel, Freistoß Rotterdam.

Kurz darauf stand der Georgier erneut im Mittelpunkt. In der neunten Minute fällte der Feyenoord-Verteidiger Gernot Trauner Awoniyi ungestüm im Strafraum - aber Kruashvili pfiff keinen Elfmeter, eine Fehlentscheidung. Trotzdem ist es falsch, die Gründe für die Niederlage bei seiner Leistung zu suchen. In 90 Minuten gelangen den Eisernen nur sieben Torabschlüsse, Feyenoord versuchte es drei Mal häufiger. Das lag auch daran, dass Union in der Offensive der Plan fehlte. Kreativspieler Max Kruse war völlig abgemeldet, das Mittelfeld um Prömel, Rani Khedira und Kevin Möhwald gelang es zu keinem Zeitpunkt, den Spielaufbau zu organisieren und die Wingbacks Timo Puchacz und Christopher Trimmel blieben wieder und wieder in der Abwehr der Niederländer hängen. Die schwache Quote von nur 73 Prozent erfolgreichen Pässen resultierte aus diesen Problemen. Trainer Fischer kritisierte: "Die Ruhe am Ball hat gefehlt und Feyenoord war heute viel cleverer."

Feyenoord nutzt Unions Fehler eiskalt aus

Insbesondere die hohe Position ihrer beiden Flügelverteidiger wurde den Eisernen defensiv zum Verhängnis. Sobald Feyenoord den Ball vor dem eigenen Strafraum erkämpfte, starteten die Rotterdamer Flügelstürmer Luis Sinisterra und Alireza Jahanbakhsh die Linie entlang und wurden mit feinen Diagonalbällen in Szene gesetzt. Weil Trimmel und Puchacz hinten fehlten, mussten die Innenverteidiger auf die Seiten rücken und sich im Eins gegen Eins stellen. Insbesondere der Flinke Sinisterra spielte in der Folge dem bemitleidenswerten Paul Jaeckel wieder und wieder Knoten in die Beine. So war es keine Überraschung, dass sich sowohl er als auch Alireza in die Torschützenliste eintrugen.

Auch als es den Unionern gelang, die Diagonalpässe besser zu verteidigen, verhinderte ihr schwaches Offensivspiel einen möglichen Ausgleich. Dabei waren die Niederländer keineswegs unverwundbar. Das bewies Awoniyis Anschlusstreffer, als er völlig frei zwischen den gegnerischen Innenverteidigern einköpfte. So bleibt neben der Wut über die Szenen außerhalb des Stadions und der Trauer über die Niederlage auch das Gefühl, dass für den Tabellenfünften der Bundesliga gegen eine Mannschaft wie Feyenoord eigentlich mehr möglich sein muss. "Wir müssen einfach weitermachen", forderte Kapitän Trimmel. Dieser Wille und die Niederlage von Slavia Prag in Haifa halten den Berlinern in den Rückspielen alle Chancen offen, den Einzug in die nächste Runde noch zu schaffen. Zuerst steht in zwei Wochen das Wiedersehen mit Feyenoord an, dann hat der 1. FC Union eine Rechnung offen.

Sendung: Inforadio, 22.10.21, 9:15 Uhr

Beitrag von Till Oppermann

4 Kommentare

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  1. 4.

    Ich verkenne gar nichts, Jay. Till Oppermann lässt in seinem Artikel sowohl Christian Arbeit als auch Andreas Lattemann zu Wort kommen, die beide vor Ort waren. Kopfverletzungen durch Polizeiknüppel und Hundebisswunden bei Fans sind dokumentiert; also von welchen "Behauptungen" seitens des FCU schreiben Sie hier?

  2. 3.

    Sorr, aber Sie verkennen, dass Herr Oppermann einen harten Einsatz der Polizei als Fakt darstellt. Es ist aber eine Behauptung seitens Unions.

  3. 2.

    Kleiner Tipp, Jan: Nicht nur die Überschrift, sondern auch den Artikel lesen. Dort wird neben Augenzeugenberichten von FCU Fans auch eine Aussage der Niederländischen Polizei wiedergegeben.

    Falls Ihnen das zu anstrengend sein sollte, helfe ich mal aus: "Die Polizei teilte ihrerseits mit, es habe insgesamt 75 Festnahmen gegeben. Unter anderem habe eine Gruppe von insgesamt 59 Personen vor der Begegnung gezielt die Konfrontation mit Feyenoord-Fans gesucht."

  4. 1.

    Typisch Berliner Kommentar lieber RBB. Polizei ist wohl immer Schuld, oder? Schade, da fehlt jede Objektivität bei Euch. Aber eine Frage. Wie definiert Ihr "harten Polizeiteinsatz"? Alles was über eine Ansprache hinausgeht?

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