Interview | Bob Hanning - "Krise macht ehrlich, Krise ist demaskierend"

Füchse-Geschäftsführer Bob Hanning (Quelle: IMAGO / Contrast)
Audio: Inforadio | 04.10.2021 | Vis à Vis mit Bob Hanning | Bild: IMAGO / Contrast

Bob Hanning polarisiert. Im Handball. Im Sport. In Berlin. Der Geschäftsführer der Füchse Berlin und scheidende Vizepräsident des Deutschen Handballbundes im Gespräch über seine Karriere, Fußballliebe, Familie und seine neue Biographie.

rbb|24: Bob Hanning, in diesen Tagen erscheint Ihre Autobiographie. Der Titel: "Hanning. Macht. Handball." Klären Sie uns auf: Macht Hanning Handball? Oder geht es um Macht, um Hanning und um Handball?

Bob Hanning: Es geht um beides. Das Buch beinhaltet ja auch die komplette Umstrukturierung eines Verbandes und die damit verbundenen Machtspiele. Von daher fand ich das Wortspiel ganz treffend.

Zur Person

Bob Hanning, 1968 in Essen geboren, ist Handballtrainer und Sportfunktionär. Er ist seit 2005 Geschäftsführer der Füchse Berlin, die er zurück in die Bundesliga führte. Bei den Füchsen legt Hanning ein besonderes Augenmerk auf die Nachwuchsarbeit und trainiert die A-Jugend. 2013 wurde Hanning Vizepräsident des Deutschen Handballbundes, wird dieses Amt aber ab Oktober 2021 abgeben. Seit der Saison 2021/22 trainiert Hanning zudem den Drittligisten 1. VfL Potsdam. Seine Autobiographie "Hanning. Macht. Handball.", die er mit Christoph Stukenbrock geschrieben hat, erscheint am 1. Oktober bei Edel Books.

Zusätzlich zu Ihrer Aufgabe als Manager bei den Füchsen Berlin hatten Sie vor acht Jahren die Position des DHB-Vizepräsidenten für den Leistungssport übernommen. Damit ist jetzt Schluss. War der Rückzug geplant? Oder auch erzwungen, weil Kritiker gesagt haben: Wir haben keine Lust, dass aus dem Deutschen Handball-Bund der Hanning-Bund wird?

Nein. Ich habe immer gesagt: Das Schönste ist, wenn man selbst entscheiden kann, wann man aufhört. Noch vor acht Jahren hat mir hat der Verband überhaupt nicht gefallen. Wir waren nicht mehr für Welt- und Europameisterschaften qualifiziert, haben an den Olympischen Spielen nicht teilnehmen können. Außerdem war es ein Verband für nur wenige Menschen. Ich sehe unseren Verband aber für 760.000 Mitglieder.

Von daher habe ich in den letzten acht Jahren intensiv darum bemüht, das Ganze zu verändern, neben meinem Hauptberuf, den Füchsen Berlin. Acht Jahre war eine lange Zeit. Ich glaube, dass wir sehr gut aufgestellt sind, sowohl beim DHB als auch bei den Füchsen Berlin. Deswegen glaube ich, dass ich das Recht habe zu sagen: Jetzt dürften auch mal andere machen.

Stefan Kretzschmar hat in Ihrem Buch einen Gastbeitrag verfasst. Darin beschreibt er, dass es zwischen ihm und Ihnen zunächst eine "feindliche Co-Existenz" herrschte. Mittlerweile würden Sie beide sich aber schätzen. Muss er das schreiben, weil Sie ihm monatlich seinen Gehaltsscheck ausstellen?

Auf jeden Fall, alles andere hätte zu einer sofortigen Kündigung geführt. Spaß beiseite. Stefan hat eine unglaubliche Entwicklung genommen. Mir war schon vor zehn Jahren klar: Wenn sich die Möglichkeit ergibt, dass wir gemeinsam arbeiten können, dann sollten wir das tun. Vor zehn Jahren war die Entwicklung aber noch nicht so, dass es gepasst hätte. Nun sind wir bei den Füchsen extrem glücklich, dass wir ihn als Sport-Vorstand haben. Und weil Kretzschmar ein kritischer Mensch ist, wollte ich ihn für mein Buch haben. Wenn sein Gehaltsscheck davon abgehangen hätte, dann hätte er das auch anders formulieren müssen.

Sie sind aufgewachsen in einem Hochhaus in Essen, mit Blick auf die Gruga-Halle. Dort spielte damals der Tusem sehr erfolgreich Handball. So erklären Sie die Liebe zu diesem Sport. Wenn das Hochhaus allerdings an der Hafenstraße am Fußballstadion von Rot-Weiss Essen gestanden hätte, wäre es dann nicht zur Liebe zum Handball gekommen?

Das kann ich nicht sagen. Wir haben damals in der zehnten Etage gewohnt, ich konnte nicht nur auf die Gruga-Halle, sondern auch auf die Kirmes schauen. Tatsächlich bin ich deswegen bis heute absolutes Kirmes-Kind, gehe auf jedes Karussell – je schneller, desto besser. Für Tusem Essen gilt das Gleiche: Es war ein großer Verein, in der Tat bin ich so zum Handball gekommen. Aber ich bin trotzdem auch ins Stadion zu Rot-Weiss Essen gegangen.

Aber in Bezug auf Fußball entwickelten Sie eine blau-weiße Affinität.

Ich war tatsächlich Hertha-Fan von Kindesbeinen an. Da muss man manchmal eine Menge aushalten. Aber so kann man sich auch über Siege mehr freuen. Auch wenn ich mich gerade noch mehr freuen würde, wenn jetzt mal Bewegung reinkommt bei der Hertha und wir eine bessere Saison spielen...

Würde hier der Hertha-Manager sitzen, wenn Sie Fußball-Fan geworden wären?

Nein. Als ich beim Handball-Sport-Verein Hamburg gearbeitet hatte, gab es eine enge Bindung zu den Fußballern. Damals war Thomas Doll der Trainer. Dort zu arbeiten, das hätte mich eine Zeit lang gereizt. Das Geld lag damals auf der Straße und ich konnte nicht verstehen, warum der HSV nie einen eigenen Weg gefunden hat. Wie gesagt: Ich bin eingefleischter Hertha-Fan, hatte aber auch immer eine gute Beziehung zum HSV.

Ihre Begeisterung für die Hertha ging zu Jugendzeiten so weit, dass Sie einmal auf der Geschäftsstelle angerufen haben und mit Verantwortlichen reden wollten, um sich über den vorherigen Spieltag zu unterhalten und Ratschläge zu geben, wie der Verein besser werden könnte.

Von meiner Mutter habe ich einen unfassbaren Rüffel gekriegt, wegen einer Telefonrechnung von mehr als 700 D-Mark. Mit der Hertha hatte ich nämlich nicht nur einmal telefoniert, sondern fast täglich. Meiner Mutter hatte es dann irgendwann gereicht, sie rief selber bei der Hertha an. Daraufhin durfte ich mit dem damaligen Präsidenten Wolfgang Holst zum Spiel Wattenscheid gegen Hertha gehen. Damals spielte noch Gregor Quasten im Tor, Trainer war Uwe Klimaschefski.

Ihre Mutter war Psychologin, ihr Stiefvater Neurologe, ihr leiblicher Vater hat sich hochgearbeitet vom Hilfsarbeiter auf dem Bau bis zum Chef in einem großen Konzern. Bei der Bewerbung um den Posten als Vizepräsident beim DHB sind Sie mit einem Papier angetreten: "Amateure hoffen, Profis arbeiten". Das klingt so ein bisschen, ich nenne es jetzt mal despektierlich, nach Psychologensprech. Inwieweit war Ihre Mutter da involviert?

(Seufzt) Also, wenn du in einer Psychologenfamilie aufwächst, bekommst du natürlich eine Menge mit. Ich fand das immer sehr spannend. Meine Mutter hatte die Praxis zu Hause. Und als dann Patienten sprechen wollten und sie nicht da war, habe ich mich mit 13 als Jungpsychologe ausgegeben und das auch gar nicht so schlecht gemacht, aus meiner Sicht. Ich glaube, ich habe eine Menge mitgenommen aus diesem psychologischen Bereich, was mir jetzt auch immer wieder hilft mit jungen Menschen zu arbeiten und sie ganzheitlich zu erziehen.

Und von meinem leiblichen Vater habe ich so ein bisschen das Thema der Finanzen und den Umgang im Unternehmen mitgekriegt. Von daher hatte ich eine Rundumausbildung ein Leben lang.

Welche Bedeutung hat Familie für Sie? Sie sprechen von den Füchsen Berlin auch immer so als Familie.

Familie ist für mich etwas ganz Wesentliches, obwohl ich selbst keine eigenen Kinder habe. Und wenn man jetzt sicherlich einen Tiefenpsychologen fragen würde, würde man sagen, der trainiert die Jugendmannschaften, weil das ein Stückchen Ersatz ist. Und wahrscheinlich stimmt das auch.

Ich habe immer geträumt, einen Verein aufzubauen, der anders ist als andere und wirklich als Familie funktioniert. In der Pandemiezeit, wo wir wirklich weder aus noch ein wussten, habe ich die Geschäftsstelle zusammengeholt und wir haben das auch offen und ehrlich diskutiert. Da haben sie gesagt: 'Egal welchen Weg du gehst, Bob, wir gehen diesen Weg mit.' Und unsere Partner und Sponsoren haben in der Situation wie eine Wand zu uns gestanden. Krise macht ehrlich, Krise ist demaskierend. Ich habe viele negative Situationen erlebt, aber das, war für mich etwas Einzigartiges, zu sehen, dass wir als Familie funktionieren.

Herzlichen Dank fürs Gespräch.

Das Interview führte Jens-Christian Gussmann, rbb sport. Es handelt sich um eine gekürzte und leicht redigierte Fassung. Das gesamte Interview können Sie oben über die rote Starttaste hören.

Sendung: Inforadio, 01.10.2021, 11:45 Uhr

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