Interview | Bob-Sportlerin Lisa Buckwitz - "Als Bob-Pilotin führst du fast ein kleines Unternehmen"

Mo 18.10.21 | 14:09 Uhr | Von Nico Giese
Bobsportlerin Lisa Buckwitz hebt beide Daumen (Quelle: IMAGO / Sammy Minkoff International)
Bild: IMAGO / Sammy Minkoff International

Die Berlinerin Lisa Buckwitz möchte nach ihrem Olympiasieg als Anschieberin nun als Bob-Pilotin ins Rampenlicht. Vielleicht hat sie schon bald die Chance dazu. Doch ganz so einfach ist es dann doch nicht. Von Nico Giese

Im Interview mit rbb|24 spricht sie über …

… ihre Anfänge im Bobsport.

"Ich war Leichtathletin an einer Berliner Sportschule. Meine Disziplin war der Siebenkampf. Doch durch eine Armverletzung konnte ich nicht mehr Speerwerfen. Meine Trainerin meinte dann damals, dass sie in Potsdam einen Bob-Trainer kennt und ob ich das mal ausprobieren wolle. Ich sei schnellkräftig, habe Kraft und bringe auch noch das richtige Gewicht mit.

Das war dann eigentlich so der erste Berührungspunkt, dass wir dann in Potsdam mit meinem jetzigen Trainer Jörg Weber ein Probetraining gemacht haben. Er hat dort getestet, ob ich schnell sprinten kann und ob ich Kraft habe. Dann musste ich testen, ob mir das Bobfahren überhaupt liegt. Manche vertragen das ja nicht einfach so. Aber mir hat es super Spaß gemacht. Seitdem bin ich dann auch dabeigeblieben.

Ich habe 2013 als Anschieberin angefangen und bin dann 2018 Olympiasiegerin geworden. Danach habe ich dann gesagt, dass ich Pilotin werden möchte und seitdem mache ich die Umschulung."

Zur Person

Lisa Buckwitz wurde 1994 in Berlin geboren. Sie begann 2013 mit dem Bobsport, nachdem sie verletzungsbedingt ihre Leichtathletikkarriere als Siebenkämpferin aufgeben musste. Seit 2014 gehört sie zum deutschen Nationalteam und startet für den SC Potsdam. 2018 gewann sie im Zweier-Bob mit Mariama Jamanka die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang.

… ihr mentales Loch nach Olympia.

"Ich habe mir das damals alles gar nicht erträumen lassen. Mein Ziel war es, bei den Olympischen Spielen 2018, einfach nur teilzunehmen. Dass ich am Ende eine Medaille gewonnen habe, war für mich total überwältigend. Deswegen bin ich auch in dieses mentale Loch gefallen, mich überhaupt zu motivieren, zum Sport zu gehen. Es war einfach alles super schwierig für mich, das alles auch zu realisieren. Aber am Ende hat mich das auch weitergebracht und weiter geformt. Sowohl im Alltag als auch im Sport bin ich weiter gereift, was auch vielleicht der Grund dafür ist, dass ich entschieden habe, dass ich Pilotin werden möchte. Diese Entscheidung war für mich am Ende auch eine neue Motivation, denn dadurch hatte ich auch ein neues Ziel."

… ihren aktuellen Leistungsstand.

"Bobfahren ist eine Erfahrungssportart, ähnlich wie Autofahren oder Fahrradfahren. Umso mehr Erfahrung man sammelt, umso besser wird man dann halt über die Jahre. Mein momentaner Stand ist, dass ich voll im Soll bin. Man hat aber als Leistungssportler trotzdem immer höhere Ziele, die man auch so schnell wie möglich erreichen möchte. Trotzdem bin ich sehr gut vorangekommen. Letztes Jahr bin ich Vize-Juniorinnen-Weltmeisterin geworden. Das war auch mein Ziel, da es mein letztes Jahr als Juniorin war.

Dieses Jahr durfte ich leider nicht an den Selektionen für die Olympischen Spiele teilnehmen, da dort schon vier Mädels drum kämpfen. Daher gibt es für mich nur Variante B und C. Das heißt, ich fahre im Europacup selber als Pilotin und soll da die Punkte holen. Es könnte sein, dass man darüber dann zu den Olympischen Spielen kommen kann. Die Option, bei den nächsten Olympischen Spielen als Anschieberin teilzunehmen, steht aber auch noch offen. Mein Ziel ist aber in jedem jeden Fall 2026 als Pilotin dabei zu sein."

… eine mögliche Enttäuschung, erneut als Anschieberin zu Olympia zu fahren.

"Man hat ein lachendes und ein weinendes Auge. Einerseits finde ich es halt Schade, dass mir die Chance halt nicht gegeben wurde, mich als Pilotin zu beweisen. Daran kann ich aber leider nichts ändern. Ich habe alles getan, was möglich war. Ich habe das Beste in meiner Athletik rausgeholt. Aber im Grunde genommen ist jede Teilnahme bei Olympia super und man weiß ja auch nie, was am Ende dabei rauskommt."

… die Unterschiede zwischen Pilotin und Anschieberin.

"Als Anschieberin ist es so, dass man das ganze Jahr trainiert, um gut anzuschieben. Du musst dich halt um nichts kümmern. Man ist nur dafür verantwortlich, im Winter der Pilotin Aufgaben abzunehmen und am Ende auch zu bremsen. Als Pilotin ist es so, dass man fast ein kleines Unternehmen führt. Man muss sich um seine Sponsoren, seine Anschieberin, das Material, selbst kümmern.

Dazu muss man auch noch gucken, dass man ordentlich fährt. Mein Trainer unterstützt mich, aber es ist einfach viel umfassender, als nur Anschieberin zu sein. Ich hatte diese ganzen Aufgaben vorher nicht, aber mir macht es trotzdem sehr viel Spaß. Es ist aber nicht immer alles so leicht, gerade als Frau mit weniger Medienpräsenz wie zum Beispiel bei den Männern. Es ist halt eine Randsportart."

… ihre Lieblingsdisziplin.

"Grundsätzlich finde ich den Monobob ganz schön, weil es eine Herausforderung ist. Der Bob ist relativ schwer, deswegen muss man alles zusammenbringen. Man muss Kraft haben, man muss aber auch laufen können und schnell sein. Auf jeden Fall ist es eine super Möglichkeit, sich vielleicht nochmal eine Medaille bei den Olympischen Spielen zu verdienen. Deswegen finde ich es eine großartige Herausforderung und auch mal was Neues."

… die Zufriedenheit mit ihrem Bob.

"Ich bin auf jeden Fall nicht zufrieden. Das Problem ist, dass man als neue Pilotin auch erstmal die älteren Schlitten bekommt. Mit meinem Schlitten bin ich auch nicht konkurrenzfähig gegenüber den anderen Mädels. Ich könnte so gut fahren, wie ich will, ich hätte immer einen Nachteil. Es ist leider so, dass man sich seinen Bob erst erarbeiten muss. Deswegen bin ich materialtechnisch leider noch nicht so weit, wie alle anderen. Es gehören immer mehrere Faktoren dazu: das Material, das Fahren und die Anschubleistung. Manches davon kann ich am Anfang leider nicht beeinflussen."

Sendung: rbb UM6, 18.10.2021, 18 Uhr

Beitrag von Nico Giese

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