Hertha schlägt Mönchengladbach - Die Rückkehr der Leidenschaft

So 24.10.21 | 10:04 Uhr | Von Till Oppermann
  5
Hertha-Spieler jubeln nach Tor gegen Gladbach (Quelle: imago/nordphoto/Engler)
Bild: imago/nordphoto/Engler

Trotz fußballerischer Schwächen wirkt Herthas 1:0-Sieg gegen Gladbach wie ein Meilenstein. Endlich arbeitet das Team geschlossen und steht defensiv sicher. Der Sieg trägt die Handschrift des Trainers Pal Dardai. Von Till Oppermann

Es glich einem Ritterschlag, als Max Eberl in der 51. Minute des Spiels seiner Borussia in der Fußball-Bundesliga bei Hertha BSC in Richtung der gegnerischen Auswechselbank brüllte: "Halt's Maul, Arne!". Sicher nicht, weil Hertha-Sportdirektor Arne Friedrich besonders scharf darauf wäre, unflätig beleidigt zu werden.

Sehr wohl aber, weil Eberls Wutausbruch Gladbachs Ratlosigkeit während des Topspiels der Bundesliga am Sonnabend, das mit einem 1:0-Sieg für die Hertha endete, auf den Punkt brachte. Obwohl die Gladbacher rein fußballerisch augenscheinlich die überlegene Mannschaft waren, erspielten sie sich in der gesamten zweiten Halbzeit keine zwingende Chance. Den Grund nennt Innenverteidiger Marton Dardai: "Wir haben sehr geschlossen agiert und wieder hart gekämpft."

Herthas Mannschaft beweist Mentalität

Obwohl bei Hertha offensiv über 90 Minuten so gut wie nichts zusammenlief, wirkte die Leistung wie ein Meilenstein. Die von Dardai angesprochene Geschlossenheit hatten die 25.000 Fans im ausverkaufen Olympiastadion in dieser Form seit mehr als zwei Jahren nicht mehr gesehen. Unermüdlich kämpften die Herthaner, gewannen mehr Zweikämpfe als der Gegner und legten gemeinsam stattliche 121,7 Kilometer zurück. Sehr zur Freude von Marton Dardai: "Alle rennen und geben alles."

In der Bewertung eines Fußballspiels wird der Begriff "Mentalität" oft zur Phrase, aber in dieser Partie war ebenjene über die volle Distanz spürbar. Geschäftsführer Fredi Bobic wird das mit Genugtuung beobachtet haben. Auf Kritik an seiner Kaderzusammenstellung antwortete er zu Saisonbeginn: "Mentalität schlägt Qualität." Gegen Gladbach zeigte die Mannschaft wohl, was Bobic damals vorschwebte.

Der Trainer setzt auf defensive Kompaktheit

Trainer Pal Dardai schickte seine Spieler dafür erneut in einer engen 4-2-3-1-Formation auf das Feld. Für den verletzten Innenverteidiger Niklas Stark spielte Dardais Sohn Marton - ansonsten setzte der Coach auf dieselben Spieler, die vergangene Woche in Frankfurt einen 2:1-Sieg eingefahren hatten. Inklusive des gelernten Außenverteidigers Maximilian Mittelstädt, der erneut als linker Flügelspieler auflief.

Passend zu der defensiven Personal-Wahl nutzen die Berliner die Vorzüge der Formation, die es gegen den Ball erlaubt, mit sehr kurzen Abständen kollektiv zu verschieben. Das freut auch Torhüter Alexander Schwolow: "Wir standen sehr kompakt, haben die Ketten eng gehalten." Zwischen Mittelstädt auf der linken und Marco Richter auf der rechten Seite sowie Krzysztof Piątek in der Spitze und den Innenverteidigern Dardai und Dedryk Boyata in letzter Linie lagen nie mehr als 40 Meter Abstand. Hertha hielt das Feld eng, Kombinationen durch die Mitte waren für die Gäste vom Niederrhein deshalb kaum möglich.

Mit 58 Prozent Ballbesitz und einer um elf Prozent besseren Passquote erspielte sich Gladbach nur einen einzigen Schuss aufs Tor der Hertha. Anders als noch gegen Frankfurt verlebte Schwolow so auf dem Weg zu seiner ersten weißen Weste in der laufenden Saison einen ruhigen Abend. Sein Lob gab er deshalb an die Vordermänner weiter: "Die engen Abstände zwischen den einzelnen Mannschaftsteilen, wenn einer einen Fehler macht, bügelt es ein anderer aus - das sind diese Kleinigkeiten, die das Team braucht."

In der Offensive bleibt Luft nach oben

Wie sehr sich die Fans nach diesen Kleinigkeiten gesehnt hatten, bewiesen sie nach dem Abpfiff. Lauthals sangen sie "Oh wie ist das schön" in den Berliner Nachthimmel - und das, obwohl ihrer Mannschaft offensiv ähnlich wenig gelang wie den Gladbacher Gästen. Zwar sei der Sieg verdient gewesen, stellt Trainer Dardai rückblickend fest, aber: "Wir hätten in der zweiten Halbzeit unsere Konterchancen besser ausspielen müssen." Tatsächlich boten sich nach dem Seitenwechsel einige Umschaltgelegenheiten, die seine Herthaner vertändelten.

Schwerer wog aber, dass das Pass-Spiel im Spielaufbau über die Sechser Suat Serdar und Santi Ascasibar ähnlich fehleranfällig war. Man brauche mehr Ballbesitz und müsse ruhiger spielen, mahnte Schwolow deshalb. Trotzdem erinnerte er zurecht an die Fortschritte: "Wir haben in dieser Partie die Basics gezeigt, die wir nach den ersten Spielen noch einmal gemeinsam aufgearbeitet haben."

Hertha spielt wieder Dardai-Fußball

Das half, um am Samstag trotz der spielerischen Defizite ein Tor zu erzielen. Denn offenbar gehörte zu dieser Aufarbeitung auch Standardtraining. Torschütze Marco Richter erzählte: "Wir haben einige Einwurfvarianten einstudiert - das Tor war eine davon." Das Vertrauen in diese Varianten scheint groß zu sein. Denn obwohl sich im Spielaufbau zeitweise Fehlpass an Fehlpass reihte, blieb Hertha ruhig, diszipliniert und wartete auf die passende Chance.

Man könnte fast sagen, sie spielte typischen Dardai-Fußball. Denn schon in seiner ersten Amtszeit standen seine Teams für Zusammenhalt, Kampf und defensive Stabilität. Am Ende war der Fußball in der Offensive so bieder, dass Dardai gehen musste. Aber vielleicht ist die Rückkehr zu diesem Stil vorerst die beste Nachricht für alle Herthaner. Denn der Trainer duldet nichts weniger als fehlenden Einsatz.

Sendung: Abendschau, 24.10.2021, 19:30 Uhr

Beitrag von Till Oppermann

5 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 5.

    Hat gepasst, für's Erste.
    Wichtig ist nun weiter an allem arbeiten und dran bleiben...und bl0ß nicht abheben.
    Hoch geht es schnell, runter aber auch wieder !!!

  2. 3.

    Zumindest hat Hertha gepunktet, so dass der Tabellenkeller erstmal verlassen wurde.

  3. 2.

    Welche Leidenschaft von Hertha.

  4. 1.

    Ja, geht doch. Muss wieder erst jemand deutlich werden. Und nun weiter konstant bleiben. Mein Beleid übrigens an die "verkleideten Gladbacher" mit rot-weißen Schals, die so enttäuscht aussahen. ;-)

Nächster Artikel