Nach Niederlage gegen Freiburg - Drei Sorgen und ein Mutmacher für Hertha

Die Herthaner Boyata und Tousart schauen sich fragend an. Bild: imago-images/camera4+
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Hertha BSC geht mit einem Stimmungstief in die Länderspielpause. Die Niederlage gegen Freiburg war ernüchternd, das Offensivspiel wirkt holprig und die Abwehr macht Fehler. Trainer Dardai darf vorerst weitermachen und hat zumindest einen Mutmacher.

Die Einstellung stimmte, das zumindest sagen Hertha-Manager Fredi Bobic und Trainer Pal Dardai über die Leistung des eigenen Teams bei der 1:2-Niederlage (0:1) am Samstagnachmittag. Und einige Zahlen haben sie da durchaus auf ihrer Seite: Hertha lief dieses Mal annähernd so viel wie der Gegner (114 km gegenüber Freiburgs 115 km), das war gegen Leipzig vor einer Woche noch ganz anders - da spulten die Berliner fünf Kilometer weniger ab, als ihre Gegenüber (103 km gegenüber 108 km).

Auch die Zweikampfquote (51% gewonnen) war deutlich verbessert gegenüber dem Debakel bei RB (nur 42% gewonnen). Trainer Dardai bekam wohl auch deshalb vorerst das Vertrauen ausgesprochen vom Verein. Rbb|24 fasst zusammen, woran Dardai und sein Team jetzt in der Länderspielpause arbeiten sollten und was den Hertha-Fans Mut machen kann.

Erste Sorge: Flüssiges Angriffsspiel gesucht

Herthas Offensivspiel ist in dieser Saison zu oft Stückwerk, die Spielidee mit Ball ist wenn dann nur in Ansätzen erkennbar. Torchancen gab es gegen Freiburg durchaus, aber vor allem aus Standardsituationen und Fernschüssen. Stevan Jovetic und Marvin Plattenhardt per Freistoß, Marco Richter aus 25 Metern: das waren über eine Stunde lang Herthas beste Gelegenheiten. Gefährlich wurde es dann, wenn ein Spieler alleine sein Glück versuchte - nicht zum ersten Mal in dieser Saison. Eine echte Ausnahme war da nur die zweite Halbzeit gegen den Tabellenletzten Greuter Fürth.

Trainer Pal Dardai sah auch gegen Freiburg positive Tendenzen: "Ich habe eine Druckphase erlebt, wie noch nie in diesem Jahr. Wir haben richtig gute Torchancen herausgearbeitet, wir haben ein "Schachmatt-Tor" geschossen, was wir immer üben. Wenn ich das ganze Spiel analysiere, haben wir wegen zweier Standard-Tore verloren", erklärte Dardai am Sonntagvormittag. Gemeint ist wohl die Phase um den Ausgleichstreffer in der 70. Minute. Serdars Dribbling im Mittelfeld, ein Pass auf den Flügel, die direkte Hereingabe in den Strafraum und Piateks Abschluss - der angesprochene "Schachmatt-Spielzug" zum 1:1. Vielleicht soll er so aussehen, der Hertha-Fußball. Man kann es allerdings nur vermuten, denn viele Szenen dieser Art gab es nicht. Hertha kam zwar zu zwölf Torschüssen, davon wurden aber nur fünf im gegnerischen Strafraum abgegeben. In der Offensive muss sich Hertha seine klar erkennbare Handschrift noch erarbeiten.

Nächster Verletzter

Innenverteidiger Marton Dardai wird Hertha BSC in den nächsten Wochen fehlen. Der 19-Jährige zog sich gegen Freiburg einen Muskelfaserriss im Oberschenkel zu. Dardai hatte die letzten Spiele immer wieder angeschlagen auf dem Platz gestanden, möglicherweise ein Grund für die Verletzung.

Zweite Sorge: Fehler bei gegnerischen Standards

Zwei Mal bei ruhenden Bällen nicht aufgepasst, zwei Gegentore kassiert. Während Hertha sich in den Zweikämpfen im laufenden Spiel verbessert präsentierte, war das Verhalten bei den beiden Freiburger Toren nach Eckbällen haarsträubend. Das 0:1 fiel auch dank großer Gastfreundschaft von Davie Selke, der das Kopfballduell gegen Freiburgs Lienhart nicht mit letzter Konsequenz bestritt. Auch beim zweiten Gegentor sahen die umstehenden Berliner mindestens unglücklich aus, als der Ball zwischen ihnen durch den Strafraum flipperte - nur Nils Petersen war handlungsschnell und traf zum 1:2.

Die Standard-Gegentore Nummer sieben und acht kosteten Hertha gegen Freiburg ein besseres Ergebnis. "Ich kann nur eins sagen: Wir üben das", sagte Trainer Dardai zur Schwäche seiner Mannschaft in dieser Kategorie, "in der Vorbereitung haben wir sogar mal eine ganzes Training dafür geopfert." Zwei Standard-Gegentore in einem Spiel seien für ihn "zu viel", von seinen Spielern verlangte Dardai in diesen Situationen mehr "Leidenschaft und Gier." Die Schwäche bei ruhenden Bällen ist aber nur ein Teil des Problems: Insgesamt hat die Abwehr der Berliner auch schon 20 Gegentreffer kassiert, die meisten in der Liga.

Dritte Sorge: Fehlende Fitness und viele Verletzte

Es ist eines der Themen in dieser Saison ist die konstant lange Verletztenliste. Spieler wie Marton Dardai, Dedryck Boyata, Kevin-Prince Boateng oder Stevan Jovetic sind quasi dauerhaft angeschlagen und schleppen sich mal mehr mal weniger gut durch die Wochen. So ist Trainer Pal Dardai oft zu Wechseln gezwungen, die nicht taktisch bedingt sind. Die Personalmisere beeinträchtigt auch die Trainingsarbeit in der Länderspielpause: "Leider haben wir gerade so wenige Spieler, dass wir sogar überlegen müssen, das Testspiel gegen Aue abzusagen. Nach heutiger Rechnung haben wir sieben Spieler", sagte Trainer Pal Dardai.

Niklas Stark ist aktuell der einzige fitte Innenverteidiger, der in der Länderspielpause im Training ist (Dedryck Boyata fährt zur belgischen Nationalmannschaft) - und das bei einer präferierten Dreierkette. Hertha muss seinen Kader irgendwie fit kriegen und das mitten in der laufenden Saison. "Wir müssen uns da zusammensetzen und schauen, was wir vielleicht falsch machen. Müssen wir weniger machen, oder mehr? Eines kann ich sagen: Wenig trainieren wir nicht. Vielleicht müssen wir schauen, ob wir weniger Sprints trainieren müssen oder noch mehr - keine Ahnung, das müssen wir erstmal unter die Lupe nehmen", sagte Dardai zur Ursachenforschung.

Auch Spieler wie Stevan Jovetic und Kevin-Prince Boateng sind noch nicht die erhofften Stützen. Beide können kaum über 90 Minuten eingesetzt werden, dabei wäre Boateng einer, der das stockende Aufbauspiel der Hertha in die Gänge bringen soll. Trainer Dardais Analyse zum vermeindlichen Führungsspieler lässt tief blicken: "20 Minuten läuft der Spielaufbau immer sehr gut, weil es einen Spielertypen dafür gibt, für den Spielaufbau von hinten heraus. Jedes Spiel sieht es 20 Miuten gut aus, solange Kevin die Kraft hat", sagte der Coach.

Mutmacher: Serdar ist der Lichtblick

Wenn bei Hertha Schwung ins Spiel kommt, dann steht meistens der Mann mit der Nummer "8" und den türkisen Schuhen im Mittelpunkt. Seit dem Sieg gegen den VfL Bochum ist der Neuzugang von Schalke 04 Herthas konstantester Spieler - aus dem Mittelfeld kurbelt er als "Box-to-Box"-Spieler, also als Mittelfeldspieler, der seinen Aktionsradius von Strafraum zu Strafraum hat, das Spiel der Berliner an. Auch gegen Freiburg war Serdar an fast allen guten Offensiv-Aktionen beteiligt. In der ersten Hälfte holte er den Freistoß in guter Position heraus, den Stevan Jovetic gefährlich aufs Tor brachte, auch die Großchance von Jovetic in der Anfangsphase bereitete Serdar vor.

Das Ausgleichstor leitete Serdar mit seinem Lauf im Mittelfeld und einem guten Pass auf Mittelstädt ein, insgesamt bereitete er drei Torschüsse vor und gab selbst auch noch die meisten Schüsse aufs Tor ab (3 Mal). Weil der ehemalige deutsche Nationalspieler dazu auch noch solide eine Zweikampfbilanz (55%) und Passquote (75%) aufweist, ist Serdar momentan der Hoffnungsträger der Hertha-Fans. Der Einkauf des 24-Jährigen ist bislang der beste Einkauf von Manager Fredi Bobic in seiner kurzen Amtszeit.

 

Sendung: UM6, 03.10.2021, 18 Uhr

10 Kommentare

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  1. 10.

    Ich würde mich für kleines Geld als Chef-Trainer mit Oberliga-Garantie anbieten !

  2. 9.

    Ich hab grad überlegt, wer von dieser alten Clique noch da ist und bin bei Dardai hängen geblieben. Kann es sein, dass er einfach aus seinem Trott nicht raus kann? Eine Mannschaft aus fast neuen Spielern braucht natürlich auch einen Trainer, der sagt, wo es lang geht. Dardai verlässt sich auch etwas auf Boateng. Und der ist nunmal nicht so fit. Dardai muss entweder seine Einstellung ändern oder eben das machen was er offenbar lieber will. Den Nachwuchs trainieren. Bei Dardai hab ich schon immer die Eigeninitiative vermisst, die gute Trainer haben. Wenn ich zB nach Köln schaue und sehe, was da der neue Trainer bewirkt, dann merkt man, es muss kein großer Name sein, aber ein Trainer mit Engagement

  3. 8.

    Bei allem sportlichen Verständnis und Beachtung von diversen Unwegsamkeiten, aber:
    Ein Verein, der Geld ohne Ende in die Mannschaft pumpt und ein vollzogener Führungswechsel auf höchster Ebene sollte aufhören permanent Ausflüchte, dubiose Erklärungen und Entschuldigungen, fast gebetsmühlenartig Woche für Woche runterzuleiern.
    Es wird Alles immer unglaubwürdiger und man bekommt so das Gefühl, das Dardai nur noch von Frust und Selbstmitleid lebt, Bobic irgendwie Nichts kapiert und Friedrich ,ach egal.
    Nun dachte man wenn eine alte Herthaclique ans Ruder kommt, dann wird es ...neee, nur noch schlimmer !!!

  4. 7.

    Fehlende Fitness? Erinnert mich stark an der letzten Saison bei Schalke 04! Die hatten auch nur etwa 45 Minuten Kraft und Kondition! Ende ist bekannt! Sie sind abgestiegen!

  5. 6.

    Ich verstehe die ganze Diskussion nicht. Als man Bobic geholt hat, hat man sich sich damit dochautomatisch für die zweite Liga entschieden.

  6. 5.

    Ich denke, es liegt eher an der Mannschaft. Letztes Jahr hatten sie doch einen ziemlichen Trainerverbrauch.

  7. 4.

    Dardai :
    „ Jedes Spiel 20 min. gut aus solange Kevin Kraft hat ! „
    Das ist nicht einmal ein Viertel der Spielzeit ! Der Spielmacher könnte
    kein Kleinfeldspiel der F Junioren durchhalten !

  8. 3.

    Bobic muss da durch. Er braucht Zeit, einen anderen Trainer zu finden. Sobald das geschehen ist, hat der Mohr seine Schuldigkeit getan und muss gehen. Das weiß auch Dardai.

  9. 2.

    Dardai ist wirklich fehl am Platz. Wenn er sagt, es wäre für Standardsituationen sogar mal ein ganzen Training geopfert worden, zeigt dies nur, dass er die Bedeutung von Standards total unterschätzt. So etwas gehört zum Trainingsalltag. Langsam habe ich den Eindruck, Dardai kann besser mit Jugendlichen als mit Erwachsenen. Seine Schwäche ist seine Gutmütigkeit.

  10. 1.

    Hoffe aber, im Hintergrund läuft die Suche nach einem Trainer, der Arsch in der Hose hat. Dardai ist a) zu brav und b) sieht sich selber nicht als Dauerlösung. Am Trainer liegt nunmal wirklich viel.

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