Union Berlin vor dem Auswärtsspiel in Mainz - Eiserne Panzerknacker zu Gast bei der besten Abwehr der Liga

Union Berlin beim Training. / imago imago/Matthias Koch
Bild: imago imago/Matthias Koch

Drei - diese Zahl könnte Unions Coach Fischer Kopfzerbrechen bereitet haben. Denn Gegner Mainz 05 stellt mit drei Gegentoren die beste Abwehr der Liga. Im Fokus stehen aber auch vor der Bundesligapartie die antisemitschen Vorfälle im Rahmen des Europapokals. Von Uri Zahavi

Das Personal

Das Wichtigste zur Personalsituation vorneweg: Unions Verteidiger Timo Baumgartl ist auf dem Weg der Besserung. Der 25-Jährige hatte nach einem schweren Zusammenstoß mit Arminia-Angreifer Fabian Klos im Heimspiel gegen Bielefeld (1:0) eine Gehirnerschütterung erlitten und musste von Rettungskräften auf einer Trage abtransportiert werden. Auf Instagram zeigte sich die Defensiv-Stammkraft unter der Woche bei Sehtests und schrieb unter ein Foto "Back on Track" - also zurück in der Spur. Für ein Comeback auf dem Platz kommt der Auswärtskick in Mainz am Sonntag (15:30 Uhr) noch zu früh. Wie Union Berlin am Samstag mitteilte, fällt außerdem der erkrankte Cedric Teuchert gegen Mainz aus.

Weil beim 3:0-Conference-League-Erfolg über Maccabi Haifa unter der Woche zusätzlich zu Baumgartl auch noch Innenverteidiger-Kollege Paul Jaeckel gelb-rot-gesperrt fehlte, musste Union-Coach Urs Fischer von seiner bewährten (und bevorzugten) Dreier- respektive Fünferabwehrkette auf eine Viererkette umstellen.

Obwohl das gegen Haifa gut funktionierte, könnte das veränderte Abwehrkonstrukt in Mainz schon wieder passé sein: Da Jaeckels Sperre nur für die Conference League und nicht für die Bundesliga gilt, steht dem Schweizer Trainer neben Robin Knoche und Marvin Friedrich mit Jaeckel ein dritter Innenverteidiger zur Verfügung. So ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Fischer zur Dreier-Abwehrreihe zurückkehren wird.

Es fehlt: Timo Baumgartl (Gehirnerschütterung), Cedric Teuchert (Krankheit)

Die Form

Der 1. FC Union ist gut drauf. Auf die erste Saisonniederlage in Dortmund (2:4) folgte ein etwas mühsamer aber dafür nicht minder wertvoller 1:0-Heimsieg über Arminia Bielefeld am vergangenen Woche - die richtige Antwort also auf einen ersten kleineren Rückschlag in der Liga. Unter der Woche gelang im roterleuchteten Berliner Olympiastadion auch der erste Sieg auf internationaler Bühne. Der souveräne und auch in der Höhe hoch verdiente 3:0-Erfolg dürfte trotz zusätzlicher körperlicher Belastung weiteres Selbstvertrauen für den Bundesliga-Alltag gegeben haben. "Für uns Spieler gibt es nichts Schöneres, als alle drei Tage zu spielen", bestätigt Mittelfeldmann Grischa Prömel die Köpenicker Lust aufs Kicken. "Man ist öfter im Stadion vor den Fans und kann da zeigen, was man kann."

Apropos "zeigen, was man kann": Das macht momentan vor allen Dingen Unions zweite Sturm-Reihe sehr eindrucksvoll. Den nächsten Beweis lieferte sie beim Auftritt gegen Haifa. Während das Eiserne Stamm-Sturmduo Max Kruse und Taiwo Awoniyi geschont wurde, spielten sich die Vertreter in den Fokus. Kevin Behrens und Andreas Voglsammer trafen, Sheraldo Becker wirbelte auf dem Flügel und legte einen Treffer auf. Dass Taiwo Awoniyi nach seiner Einwechslung auch noch zum 3:0-Endstand einnetzte, dürfte Coach Fischer besonders freuen - der Nigerianer ist in der Liga nämlich seit drei Spielen torlos. Insgesamt ist festzuhalten: Der Unioner Kader zeigt momentan, dass er auch in seiner Breite überzeugen kann.

Gegen Bielefeld, am vergangenen Bundesligaspieltag, hatte sich dieser Umstand bereits andgedeutet: In der 89. Minute spielte der eingewechselte Becker auf den eingewechselten Behrens, der die die Kugel zum 1:0-Sieg in den Winkel knallte. Nicht ausgeschlossen, dass auch in Mainz die entscheidenden Impulse von der Bank kommen.

Der Gegner

Union Berlin wird geballte Offensiv-Power bei Mainz 05 brauchen. Der FSV hat nämlich die beste Defensive der Liga. Nur drei Gegentore in sechs Saisonspielen ist eine echte Ansage. Und der Tabellensechste legt in Sachen beeindruckende Statistiken noch einen drauf: Das Team von Trainer Bo Svensson ist das einzige in der gesamten Bundesliga, welches im eigenen Stadion noch kein Gegentor kassiert hat. Das hatte sich, trotz insgesamt 56 kassierter Treffer in der vergangenen Saison, in der Rückrunde bereits angedeutet. "Mainz ist eine extrem zweikampfstarke Mannschaft", bekräftigt Grischa Prömel die Statistiken. "Deswegen wird es darauf ankommen, dass wir einfach den Kampf annehmen und dagegenhalten, aber trotzdem unser Spiel auf den Platz bringen."

Auch Trainer Urs Fischer ist beeindruckt von der Mainzer Vorstellung bisher. Es sei "eine Mannschaft, die immer wieder anläuft, immer wieder stresst", sagte er auf der Pressekonferenz am Samstag. Bo Svenssons Mannschaft würde kaum Chancen zulassen. "Das wird eine Aufgabe für uns."

Heißt also: Unions offensive Panzerknacker müssen sich etwas einfallen lassen, um den Mainzer Abwehr-Safe zu knacken. Also hinten steht bei den Jungs vom Bruchweg häufig die Null - aber was ist mit der Abteilung Attacke? Da geht's, wiederum zum Bedauern der Mainzer, ähnlich minimalistisch zu, wie hinten. Nur sechs magere Buden haben Ex-Unioner Marcus Ingvartsen und seine Sturmkollegen bislang zustande gebracht - nur die letzten Vier in der Tabelle trafen seltener.

Unioner im Fokus

Wenig überraschend ist der Unioner der Stunde eine Offensivkraft: Kevin Behrens, Neuzugang vom SV Sandhausen, präsentierte sich im September richtig treffsicher. Drei Tore in vier Spielen bringen den Stürmer ganz nah ran an die erste Elf. Gegen Prag und Haifa gelangen ihm jeweils Tore in der Conference League, mit seinem Premierentreffer in der Bundesliga sicherte er Union drei Punkte gegen Bielefeld. Bislang kam der 30-Jährige jeodch nur als Einwechselspieler zum Einsatz.

Behrens oder einer seiner Kollegen können am Sonntag übrigens rot-weiße Geschichte schreiben: Bislang hat der 1. FC Union nämlich 99 Mal in der Bundesliga getroffen - gesucht wird also der Jubiläumstorschütze, der die magische 100 knackt. Auf der Pressekonfrenz nach seinem Tipp gefragt, wer dieses besondere Tor schießen wird, wollte sich Fischer aber nicht gestlegen: "Es würde mich freuen, wenn wir das Hundertste machen. Ich glaube, das muss das Ziel sein", sagte er. "Aber wer den Ball über die Linie drückt, da bin ich offen."

Besonderheiten

Die antisemtischen Beleidigungen und Angriffe gegen Anhänger von Maccabi Haifa im Rahmen der Conference-League-Partie am Donnerstagabend wirken nach. Unions Kommunikationschef Christian Arbeit sagte auf der Pressekonferenz, es "ist etwas sichtbar geworden an der Stelle im Stadion, was in unserer Gesellschaft vorhanden ist."

Auf den Rängen des Olympiastadions, das in der NS-Zeit für die Spiele 1936 errichtet wurde, war es während der Partie zu mehreren antisemitischen Übergriffen und Pöbeleien durch Union-Anhänger gekommen. Es wurde auch versucht, eine israelische Flagge anzuzünden. Der Staatsschutz des Berliner Landeskriminalamtes ermittelt nun gegen mehrere Personen unter anderem wegen des Verdachts der Volksverhetzung.

Der 1. FC Union Berlin will die Polizei bei der Aufarbeitung unterstützen. "Es liegt bereits erstes Bildmaterial vor und wir werden jetzt alle Informationsquellen nutzen, um Leute zu identifizieren", sagte Christian Arbeit und sprach von "einem engen Austausch" mit den Behörden in Berlin.

"Es haben sich bei uns auch Menschen gemeldet, die im Block waren und die Szenerie beobachtet haben", sagte Arbeit. Diese Personen "werden uns sicher auch bei der Identifizierung behilflich sein."

Sendung: rbb um6, 02.10.2021, 18 Uhr

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