DFB-Pokal-Finale als Ersatz? - Warum der DFB bei der Euro 1988 auf Berlin verzichtete

Helmut Kohl begrüßt die Nationalmannschaft
Audio: Inforadio | 06.10.21 | 8:15 Uhr | Tabea Kunze | Bild: imago/teutopress

Im Zuge der Europameisterschaft 2024 wird Berlin zum ersten Mal Austragungsort einer europäischen Endrunde. Bei der EM 1988 wurde die Stadt noch übergangen. Dafür gibt es dort nun das DFB-Pokal-Finale. Eine verrückte Fußball-Geschichte. Von Shea Westhoff

"Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!" Der Schlachtruf steht mittlerweile wie ein Synonym für den DFB-Pokal. Deutschlands beliebtes Klub-K.O.-Turnier findet seinen alljährlichen Höhepunkt verlässlich in der Bundeshauptstadt - im Olympiastadion.

Deswegen gleich zu Beginn die Frage an Jutta Braun: Kann es wirklich sein, dass genau dieses Endspiel das Ergebnis eines Kuhhandels ist? Dass Berlin den Zuschlag für das DFB-Pokal-Finale nur erhalten hat, weil die damalige Inselstadt bei der Ausrichtung der Europmeisterschaft 1988 vom DFB übergangenen wurde? Die Mitarbeiterin des Leibniz-Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam forschte rund um die Ausrichtung der EM 1988. Die DFB-Bewerbung wird heute kontrovers diskutiert.

Mitten im kommunistischen Territorium

Also: Das DFB-Pokal-Finale als Entschädigung? "Man muss sagen, diese Frage ist nicht eindeutig zu beantworten", sagt Braun zunächst. "Es gibt keine schriftlichen Quellen, die dazu vorliegen." Was es gibt: erdrückende Hinweise. Und einen Kronzeugen, den Jutta Braun im Verlauf des Telefonats empfehlen wird.

Aber der Reihe nach. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) wollte die Europameisterschaft 1988 unbedingt in die Bundesrepublik Deutschland holen. Der Ball sollte rollen in in die größten Arenen des Landes, etwa in München, Hamburg, Gelsenkirchen. Und im Berliner Olympiastadion?

Das damals geteilte Berlin war die sogenannte Frontstadt im Kalten Krieg. "Die Sowjetunion wollte West-Berlin am liebsten von der Landkarte streichen", sagt Braun. "Es lag mitten im kommunistischen Territorium und wurde als Aufmarschplatz für Agenten vermutet – was es ja auch war."

Bundeskanzler Kohl mischt sich ein

Um den Zuschlag für die EM zu erhalten, waren der DFB und sein Präsident Hermann Neuberger auch auf die Stimmen der osteuropäischen Länder im Uefa-Exekutivkomitee angewiesen. Dass die Vertreter der Sowjet-Länder eine Bewerbung mit der Spielstätte West-Berlin durchgehen lassen würden, bezweifelte Neuberger. Und so bewarb er sich ohne Berlin.

Der sportpolitische Schachzug hatte einen öffentlichen Aufschrei zur Folge, aus der Politik, aus der Presse und der Bevölkerung. West-Berlin bei der EM-Bewerbung nicht zu berücksichtigen, wirkte, als würde man die Inselstadt im Stich lassen.

Das rief auch den damaligen Bundeskanzler auf den Plan, Helmut Kohl. Dessen Haltung: Ganz oder gar nicht. Entweder eine EM mit Berlin – oder eine EM ohne Deutschland. Bevor das Uefa-Exekutivkomitee im März 1985 tagte, um die deutsche EM-Bewerbung abzusegnen, ließ Kohl ein gepfeffertes Schreiben an die westeuropäischen Regierungen der jeweiligen Exekutivkomitee-Mitglieder senden.

Die Kernbotschaft: Sollte die EM 1988 tatsächlich ohne Berlin geplant werden, dann würde die Bundesregierung "die Vergabe der Fußball-EM 1988 an den DFB nicht für wünschenswert halten." Bis dahin ein absolutes Novum: die deutsche Bundesregierung mischt sich in Angelegenheiten ein, die eigentlich nur Angelegenheit der Sportverbände sein sollten. Doch Kohls Eingreifen hilft nichts – Deutschland erhält den Zuschlag vom Exekutivkomitee für die Austragung der EM, ohne Berlin.

Anruf beim damaligen BFV-Präsidenten

Und das DFB-Pokal-Finale? Wissenschaftlerin Jutta Braun hält es zumindest für sehr naheliegend, dass West-Berlin das Pokalfinale als Ersatz bekam. Denn Fakt ist: Nur drei Monate nach der Entscheidung gegen Berlin als EM-Austragungsort, wanderte das DFB-Pokalfinale zum ersten Mal seit deutscher Teilung wieder nach Berlin – und blieb seitdem dort. Aber eine belastbare Aussage von Neuberger oder eine anderen Quelle fehlen. Was Braun empfiehlt: ein Gespräch mit Uwe Hammer, damaliger Präsident des Berliner Fußball-Verbands (BFV). Der habe sich damals energisch für Berlin als Austragungsort eingesetzt.

Anruf bei Hammer, eine freundliche Stimme meldet sich. Er erzählt, wie ihm andere DFB-Vertreter im Zuge der EM-Bewerbung beipflichteten, dass Berlin unbedingt Austragungsort werden müssen. Doch als es bei einer DFB-Abstimmung in Aachen drauf ankam, lautete das Ergebnis 23:1.

23 Stimmen gegen West-Berlin als Spielstätte bei der EM 1988; nur einer votierte für die Inselstadt – es war Uwe Hammer selbst. "Mit diesem Ergebnis konnte ich nur als nasser Pudel wieder nach Berlin fahren." Die Boulevardzeitung B.Z. titelte tags darauf geistreich: "Hammer für Hammer!"

Uwe Hammer betont, dass er bereits in den Jahren zuvor in Gesprächen mit dem damaligen DFB-Schatzmeister Egidius Braun und Hermann Neuberger darüber war, wie man West-Berlin als Sport-Standort auf die Beine helfen könnte. Auch West-Berlin als Austragungsort des DFB-Pokals wurde in den Gesprächen erörtert.

"Denen habe ich erzählt, welche Probleme wir in West-Berlin hatten", sagt Hammer. Die Stadt drohte "im Mittelmaß zu versinken", so drückt er es aus. Nationale Großevents fehlten weitestgehend, weil WestBerlin abgeschnitten war vom Rest der Republik. Vor allem an Werktagen war es für BRD-Bürger nahezu unmöglich, zu Events in West-Berlin zu reisen – der Grenzübergang war zeitintensiv.

Das DFB-Pokal sei vielleicht die bessere Lösung

Da müsse jetzt mal ein Zeichen kommen vom DFB, der Satz sei irgendwann in den gemeinsamen Gesprächen mit Hermann Neuberger und Egidius Braun gefallen. Mit der Paarung Bayer Uerdingen gegen FC Bayern München sollte dann 1985 das erste DFB-Pokal-Finale in Berlin stattfinden seit Ende des Zweiten Weltkriegs.

Ob das als direkte Entschädigung gedacht war für die EM 1988 ohne Berlin? "Diese Auffassung würde ich so nicht teilen", sagt Hammer. Dadurch würde man alle vorherigen Gespräche zwischen dem Berliner Fußball-Verband und DFB-Präsidium ausblenden. Dass allerdings die Nicht-Berücksichtung von West-Berlin bei der Bewerbung für die EM 1988 eine Rolle gespielt haben könnte für die Neuvergabe des DFB-Pokal-Finals, dass will er nicht ausschließen.

Fest steht für Uwe Hammer: "Wir Berliner haben damals eine Veranstaltung verloren mit der Europameisterschaft. Aber wir haben auch eine Veranstaltung gewonnen mit dem DFB-Pokal." Vielleicht sei das sogar die bessere Lösung für alle Fußballfreunde, findet er.

Sendung: Inforadio, 06.10.2021, 08:15 Uhr

7 Kommentare

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  1. 7.

    Doch, war es. Der DFB musste bei der Fifa schwer darum kämpfen, West-Berlin einzubeziehen.

  2. 6.

    Merkwürdigerweise fand aber die WM 1974 im Olympiastadion statt. Mit Spielen der DDR und der Bundesrepublik jeweils gegen Chile. Da kann das Politikum West Berlin ja kein Problem gewesen sein.

  3. 5.

    Der Alliiertenstatus von West-Berlin war: kein Bestandteil der Bundesrepublik. Wenn sich nur die BRD beworben hat, ja dann ist die Sache auch formal sehr klar. Das Dilemma, dass nur an Länder vergeben wird, unterstellt, dass der DFB auch nur ein Land (BRD) vertritt, tatsächlich aber die BRD und Westberlin ohne Alliiertenwiderspruch Mitglied waren.

  4. 4.

    Danke für den Hinweis, auch an die anderen User. Wir haben den Beitrag korrigiert.
    Beste Grüße

  5. 3.

    Soll mal noch jemand behaupten, dass Sport und Politik zu trennen sind.
    Sind sie natürlich nicht.
    Abstimmung ganz knapp gegen Berlin. ;)
    Mit dem DFB-Pokalfinale ist jedoch eine seit langem verlässliche Lösung gefunden worden.
    Wenn das niederländische Lama der Tante Käthe nicht in die Vokuhila gerotzt hätte, würde keiner mehr von dieser EM reden.
    Pokalfinale ist jedes Jahr.
    Das hört sich nach gutem Deal an.
    Manchmal laufen Dinge auch „pro Berlin".

  6. 2.

    Der Spuckskandal rund um Frank Rijkaard und Rudi Völler trug sich allerdings bei der WM 1990 zu!

  7. 1.

    Also die spuckattacke war 1990, 1988 ging der skandal von koeman aus. Sonst recht interessanter Artikel.

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