Frithjof Seidel wird Synchronschwimmer - Der Sprung in ein neues Leben

Mi 27.10.21 | 16:23 Uhr | Von Jonas Schützeberg
Wasserspringer Frihjof Seidel bei einem Sprung. Bild: imago-images/GEPA pictures
Video: Jonas Schützeberg | Bild: imago-images/GEPA pictures

Als Wasserspringer gehörte er zur Weltspitze, als Synchronschwimmer fängt er bei Null an. Frithjof Seidel wagt mit 24 den Schritt von einem Leistungssport in den nächsten. Über Nasenklammern, Olympia und einen männlichen Vorreiter. Von Jonas Schützeberg

Seine Füße wippen, immer leicht auf und ab. Die Zehenspitzen umklammern das Brettende, der Blick ist fokussiert. Noch ein letzter tiefer Atemzug und dann katapultiert er sich in die Luft. Auf dem 3-Meter-Brett steht der Berliner Frithjof Seidel nur noch selten, fast 20 Jahre war es sein Element.

"Als Wasserspringer hatte ich eine enge Verbindung zum Brett. Jetzt habe ich sie zum Wasser, versuche es zu spüren, zu greifen, das ist komplett anders", erklärt Seidel. Drei Minuten dauert eine Synchronkür, er muss sich lang konzentrieren - früher waren es nur zwei Sekunden. "Die größte Herausforderung ist die Kondition aufzubauen, lang die Luft anzuhalten. Ständig unter Wasser, trotzdem elegant aussehen, kraftvoll zu sein, das ist etwas, womit ich noch sehr kämpfe."

"Natürlich habe ich gezweifelt"

Seidel war erfolgreicher Wasserspringer, mehrmaliger deutscher Meister, hat an Europa- und Weltmeisterschaften teilgenommen. Mit 24 ist nun Schluss, die Angst sich zu verletzen wurde größer, sowie der Anschluss an die Weltspitze immer härter.

Für den Leistungssport hat er viel auf sich genommen und zurückgesteckt. In eine zweite Karriere zu starten und von vorn anzufangen, hat auch Überwindung gekostet: "Natürlich habe ich gezweifelt. Man muss schon verrückt sein, mein Studium läuft noch, was ich schneller beenden könnte", sagt der Berliner, "beim Training, wenn es richtig weh tut, da frage ich mich schon, warum tue ich mir das an. Aber wenn du dann wenige Wochen später besser bist, hat es sich gelohnt."

Ursprünglich war Synchronschwimmen ein reiner Männersport

Synchronschwimmen existiert seit Beginn des 19. Jahrhunderts, doch lange war es Männern vorbehalten. Frauen kamen erst 100 Jahre später, um 1907, dazu und verdrängten die Männer. Seit 1984 ist Synchronschwimmen olympisch - nur für Frauen. Neben der Rhythmischen Sportgymnastik ist es die einzige Sportart bei Olympia, an der nur Frauen teilnehmen dürfen. Olympische Sportarten nur für Männer gibt es weder im Sommer noch im Winter.

Wenn es nach den Synchronschwimmern geht, soll sich das ändern. Seit 2015 gibt es bei Weltmeisterschaften ein gemischtes Duett. "Ich glaube, dass es den Sport immens voranbringen würde, weil viel mehr Möglichkeiten bestehen, Storys zu erzählen und komplexere Übungen stattfinden zu lassen. Das wäre schon ein großer Schritt", erklärt Seidel. 2028 in Los Angeles könnte es soweit sein.

"Er lernt extrem schnell"

Seine Partnerin im Wasser heißt Michelle Zimmer, eine der besten deutschen Synchronschwimmerinnen. Seidel und Zimmer kannten sich schon von sportlichen Großveranstaltungen. Auf der Suche nach einem männlichen Partner hat sie ihn zufällig angesprochen: "Anfangs hat man gesehen, er hat deutlich mehr Muskeln, andere Muskeln als wir, ist schwerer und hatte mehr Probleme oben zu bleiben, aber er lernt extrem schnell."

Mit 81 Kilogramm bei 1,78 Meter ist Seidel recht kräftig für einen Synchronschwimmer. Seine Muskulatur ist auf Schnellkraft ausgelegt, nicht auf Ausdauer - ein kleiner Nachteil, aber es hat auch Vorteile: Wenn er Michelle Zimmer aus dem Wasser heben muss.

Synchronschwimmen hat keine große Lobby

Elf mal in der Woche trainieren sie zusammen, jedes Mal in einer anderen Berliner Schwimmhalle. Synchronschwimmen hat keine große Lobby. Das Training an Land findet schon mal im Nebengang oder Abstellräumen der Hallen statt.

National wollen sich die beiden Athleten vom Schwimm-Club Wedding durchsetzen und nächstes Jahr bei den Weltmeisterschaften angreifen. Zimmer hat die Qualifikation für Tokio nur knapp verpasst. Sie traut Seidel viel zu: "Man merkt schon, dass er aus dem Leistungssport kommt. Er hat viel Disziplin. Deswegen glaube ich, dass er richtig groß und gut werden kann", sagt Zimmer.

"Die Männlichkeit erhalten"

Auch wenn er der einzige Mann im Team ist, aus seinem Umfeld, von Freunden und Familie bekommt Seidel viel Zuspruch. Nur wegen einer Sache grübelt er: Beim Einmarschieren auf das Podest, bevor sie ins Wasser springen. "Im gemischten Duett werden die Männer oft verweiblicht dargestellt, das kann ich mir nicht vorstellen. Mit Michelle habe ich besprochen, dass wir die Männlichkeit und die Stärke im Ausdruck auf jeden Fall erhalten", sagt Seidel.

Inzwischen hat sich auch das Reglement etwas verändert. Männer schminken sich nicht mehr und schwimmen in Badehose anstatt im Badeanzug.

In einer zweiten Sportart zu einer EM oder WM zu fahren, ist schon reizvoll. Das treibt mich an.

Frithjof Seidel

Kaum deutsche Männer bei Wettkämpfen

Von Donnerstag bis Sonntag stehen die nationalen Sichtungen in Heidelberg an. Dort müssen sich Seidel und Zimmer beweisen. Ein Münchner Duo ist der Hauptkonkurrent. Sonst gibt es kaum deutsche Männer, die an Wettkämpfen teilnehmen.

"Für mich ist es einfach der Reiz am Sport und der Wille, immer besser zu werden und gute Leistungen zu erzielen", erklärt Seidel, während seine Augen strahlen und er fügt hinzu: "Ich will gute Wettkämpfe schwimmen. In einer zweiten Sportart zu einer EM oder WM zu fahren, ist schon reizvoll. Das treibt mich an."

Eine Reise geht zu Ende, die neue hat längst begonnen, für Frithjof Seidel, vielleicht bis hin zu den Olympischen Spielen - vom Sprungbrett unter die Wasseroberfläche.

Sendung: rbb UM6, 18.10.2021, 18:00 Uhr

Beitrag von Jonas Schützeberg

Nächster Artikel