Interview | Kaweh Niroomand (BR Volleys) und Edmund Ahlers (Netzhoppers KW-Bestensee) - "Wir dürfen nicht auf Hilfe von außen warten"

Do 28.10.21 | 19:32 Uhr
Kaweh Niroomand und Edmund Ahlers auf der rbb-Dachterrasse (Quelle: rbb/Lynn Kraemer)
Audio: inforadio | 28.10.2021 | Jakob Rüger | Bild: rbb/Lynn Kraemer

Die BR Volleys von Kaweh Niroomand sind deutscher Serienmeister. Die Netzhoppers von Edmund Ahlers amtierender Pokalfinalist. Eigentlich könnten die beiden Volleyball-Macher also zufrieden sein. Doch die Liga steht vor richtungsweisenden Problemen.

rbb|24: Edmund Ahlers, wo steht der deutsche Volleyball-Sport?

Edmund Ahlers: Ich glaube man muss ein bisschen unterscheiden zwischen Männer- und Frauen-Volleyball. Wir beschäftigen uns bei den Netzhoppers natürlich hauptsächlich mit Männer-Volleyball und da ist die Situation im Moment nicht besonders positiv. Man sieht das an der Anzahl der Mannschaften in der Bundesliga (Neun Mannschaften im Vergleich zu elf Mannschaften in der Vorsaison, Anm. d. Red.). Man sieht das an der Tatsache, dass jahrelang keiner mehr aufsteigen wollte. Ich sehe die Situation also durchaus kritisch.

Herr Niroomand, wie schaut der amtierende Meister und Ligakrösus BR Volleys auf die derzeitige Situation?

Kaweh Niroomand: In der Tat ist es so, dass die Volleyball-Bundesliga durch die Corona-Krise gerade im Männer-Bereich gelitten hat. Zwei Mannschaften haben sich zurückgezogen. Die Zahl von neun Mannschaften ist jetzt nicht das, was wir uns als flächendeckend vorstellen. Und das ist auch für uns als BR Volleys ein Problem, so komisch sich das anhört. Wir können nur noch wachsen, wenn die Liga mitwächst.

Das sind die Netzhoppers KW-Bestensee

1991 gegründet, schaffte die Herrenmannschaft der Netzhoppers Königs-Wusterhausen Bestensee 2006 den Aufstieg in die Volleyball-Bundesliga. In der Saison 2013/14 musste der Verein aus wirtschaftlichen Gründen zwangsweise in die zweite Liga, schaffte jedoch den sofortigen Wiederaufstieg. Die größten Erfolge sind die Halbfinal-Teilnahme im Kampf um die deutsche Meisterschaft 2009 sowie der Einzug ins Pokalfinale 2021. Edmund Ahlers (65) ist seit Oktober 2020 Präsident der Netzhoppers.

Sie sind vor ungefähr zehn Jahren aus der kleinen Sömmering-Halle mit 2.800 Sitzplätzen in die große Max-Schmeling-Halle mit 8.500 Plätzen umgezogen. Fehlt Ihnen bei den anderen Vereinen in der Liga manchmal der Mut, größer zu denken?

Niroomand: Absolut. Dass was wir damals gemacht haben, war verbunden mit viel Risiko, auch finanziell. Wir waren aber zutiefst davon überzeugt, dass man nur den nächsten Schritt machen kann, wenn man die Infrastruktur ändert. Heute können sie in Schulturnhallen keinen Profisport mehr betreiben. Da stagniert man. Und komischerweise haben viele Frauen-Vereine das kopiert, oder zumindest als Vorbild genommen. Aber bei den Männern fehlt mir einfach tatsächlich der Mut, größer zu denken.

Herr Ahlers, ist es so einfach? Geht in eine große Arena, nehmt mehr Geld in die Hand? Die Netzhoppers sind ein kleiner, eher familiärer Verein.

Ahlers: Also ich stimme dem grundsätzlich zu. Auf der anderen Seite muss man das Risiko richtig einschätzen. Wir hatten uns ja vor drei Jahren auf den Weg gemacht mit dem Ziel, mehr Geld zu akquirieren und damit auch größer denken zu können. Da hat Corona natürlich nicht besonders geholfen. Wir haben trotzdem gesagt, wir versuchen es und wir machen weiter. Und jetzt versuchen wir also punktuell, zum Beispiel jetzt mit dem Spiel gegen die BR Volleys, mal in eine andere Arena zu gehen, um auch Leute anzufüttern. Und zu sagen: Guck mal, was möglich ist, wenn man in einer anderen Halle spielt als in Bestensee.

So wie in der vergangenen Saison im Pokal-Wettbewerb, als sie für das Halbfinal-Spiel gegen die Volleys Herrsching nach Potsdam ausweichen mussten, um den Anforderungen der TV-Übertragung gerecht zu werden.

Wir hätten nach (Berlin, Anm. d. Red.) Köpenick gehen können, haben uns aber bewusst entschieden, in Brandenburg zu bleiben, um den Lokal-Patriotismus zu fördern. Abgesehen von der Tatsache, dass keine Zuschauer da hin durften, war das eine positive Erfahrung. Wir können es nur noch nicht auf die Straße bringen mit Sponsoren, weil einfach wenig Zuschauer da waren in der letzten Saison. Wir haben uns aber schon damals entschieden in dieser Saison ein, zwei Spitzenspiele in der MBS-Arena (in Potsdam, Anm. d. Red.) zu machen, die eben auch die Anforderungen der Liga erfüllt. Das haben wir in Bestensee so nicht und ich sehe auch nicht, dass da eine schnelle Lösung vor Ort passiert. Wir sind in Gesprächen mit den Lokalpolitikern. Aber das ist natürlich nichts, wo man in ein oder zwei Jahren eine neue Halle stehen hat.

Das sind die BR Volleys

Bis zum Sommer 2011 unter dem Namen SCC Berlin aktiv, sind die BR Volleys das Produkt einer 1991 durchgeführten Fusion der Vereine SC Charlottenburg, VdS Berlin und SC Berlin. Seit den 2000ern gehörte der Klub zu den Top-3-Vereinen in Deutschland. Anschließend entwickelte sich der Klub zum absoluten Aushängeschild des deutschen Volleyballs. In den vergangenen zehn Jahren gewannen die BR Volleys acht Mal die deutsche Meisterschaft. Insgesamt stehen zehn deutsche Meisterschaften und vier Pokalsiege zu Buche. 2016 holten die Volleys mit dem CEV-Cup ihren ersten internationalen Titel. Kaweh Niroomand (68) ist seit 1988 in verschiedenen Funktionen eine treibende Kraft der BR Volleys und mittlerweile Geschäftsführer.

Kann man das einfach so machen, in das eine Auto-Stunde entfernte Potsdam umzuziehen? Wo man gar keine richtige Basis hat?

Ahlers: Das ist ein sensibles Thema. Behält man da noch die Bindung an die eigene Region? Auf der anderen Seite gibt es in Potsdam eine Menge Volleyball-Interessierte. Ich habe auch immer gesagt: Königs-Wusterhausen ist eigentlich als Bundesliga-Standort viel zu klein gedacht. Es geht um die Organisation, es geht um Kooperationen. Wie bildet man auch eigenen Nachwuchs aus? Das war in Berlin ein bisschen einfacher. Aber es ist nicht nur die Halle. Da ist ja viel mehr Arbeit geleistet worden und da sind die BR Volleys ein Vorbild. Aber man muss es bei uns anpassen an die lokalen Gegebenheiten. Das kann man nicht einfach kopieren.

Wie kann das gelingen?

Niroomand: Da sind natürlich auch die Verantwortlichen der Volleyball-Bundesliga gefragt. Ich denke im Frauenbereich haben sie sich tatsächlich besser drum gekümmert, haben einige Standorte neu entwickelt, stabilisiert. Das hat im Männerbereich gefehlt. Wir müssen ein Programm haben, wie wir Zweitligisten mehr in die erste Bundesliga bringen. Auf dem Papier gibt es dieses Programm, aber es wird nicht konsequent umgesetzt. Potsdam ist ja ein gutes Beispiel. Die Frauen haben es geschafft. Obwohl sie viel später auf den Markt gekommen sind als die Netzhoppers. Inzwischen haben sie sich einen Stellenwert geschaffen. Weil sie ein Stück weit angefangen haben, dieses Risiko einzugehen. In eine größere Halle zu gehen und dann auch die Kommune, die Gemeinde zu mobilisieren. Das haben die ganz gut hingekriegt, da kann man nur gratulieren. Dann ist das Thema TV-Zeiten ein großes Problem für uns. Wir gehen jetzt einen anderen Weg, ganz bewusst. Weil wir glauben, dass wir damit ein junges Publikum ansprechen. Das müssen wir uns jetzt mal ein oder zwei Jahre angucken, wie das anläuft. Aber insgesamt wird das Ganze davon leben, ob wir eine Infrastruktur bei den Männern schaffen, so dass wir für die Streamingdienste interessant sind.

Die erste Liga ist inzwischen beim Streamingdienst Twitch zu sehen.

Niroomand: Wir hatten die Möglichkeit, einige Livespiele im TV zu haben. Aber die Anzahl war viel zu wenig. Da haben wir einen Arbeitskreis gebildet, innerhalb der Bundesliga, und haben uns für diesen Weg entschieden. Die Qualität ist sehr gut. Die Rückmeldungen sind sehr positiv. Das muss sich jetzt nur rumsprechen. Damit die Einschaltquoten dort auch noch größer werden. Das ist auf einem guten Weg, aber auch eine lange Wegstrecke, die wir gehen müssen. Die Säule "Einnahmen aus den Medien" fehlt uns. Diese Einnahme-Quelle liegt bei uns gegenwärtig bei null, mehr oder weniger. Und dann wird es für uns auch schwer, weiter zu wachsen. Und Stillstand ist immer Rückschritt.

Edmund Ahlers (links), Präsident der Netzhoppers KW-Bestensee im Gespräch mit Kaweh Niroomand, Geschäftsführer der BR Volleys (rbb/Lynn Kraemer)

Wie können die Netzhoppers von einem jungen Kanal wie Twitch profitieren?

Ahlers: Der Altersdurchschnitt bei unseren Heimspielen ist relativ hoch. Und ich finde es gut, dass die kommen, aber es ist eigentlich keine gute Mischung. Wir haben jetzt ein paar Initiativen geplant, zum Beispiel mit der TH Wildau, wo auch einige unserer Spieler studieren, um ein jüngeres Publikum zu gewinnen. Auch unser Markenauftritt hat sich in den letzten zwei Jahren deutlich geändert, so dass mehr Social Media genutzt wird, um jüngere Leute zu interessieren. Im Moment sehen wir das noch nicht in der Halle. Aber das muss ein Ziel sein. Da gehört natürlich auch dazu, dass es ein richtiges Event ist und nicht einfach nur ein Spiel in einer Schulsporthalle. Wir haben immer einmal im Jahr das Vergnügen, in die Schmeling-Halle zu gehen. Und das ist für alle ein Highlight. Auch wenn wir da meistens auf den Sack kriegen, ist das einer der Höhepunkte der Saison.

Können Sie denn mit Kaweh Niroomands Forderungen nach professionelleren Bedingungen innerhalb der Liga mitgehen? Oder haben Sie Bedenken, dass es für die Netzhoppers noch schwieriger wird?

Ahlers: Es gibt ja einen Masterplan, wo vieles drin steht. Es ist nur zum Teil schwierig, diese Dinge umzusetzen. Auf der einen Seite gibt es Forderungen an die Vereine, zum Beispiel bei der Halle. Auf der anderen Seite fehlt aber die Unterstützung, um etwa die Vermarktung zu verbessern. Für Sponsoren ist es natürlich auch viel interessanter, wenn man mehr in den Medien ist. Das bedingt sich alles gegenseitig. Dann kommen auch wieder mehr Zuschauer.

Herr Niroomand, wo sehen Sie den deutschen Volleyball in fünf bis zehn Jahren und welche Rolle spielen dann die BR Volleys?

Niroomand: Ich hoffe, dass der Weg, den wir jetzt eingeschlagen haben, gerade im Bereich Streaming, dass der uns voranbringt. Von der völlig richtigen These ausgehend, dass Volleyball sehr populär ist, populärer als viele andere Hallensportarten, aber sehr fragmentiert. Aber wir dürfen nicht auf Hilfe von außen warten. Man muss sich davon völlig frei machen. Wenn es kommt, ist es schön. Aber ich muss auch ohne leben können. Es gibt ja auch in der Volleyball-Bundesliga viele interessante Projekte. Der Weg, den die Netzhoppers gehen - ich wäre den vor Jahren schon gegangen - nämlich eine kleine Metropole in meiner Nähe zu suchen, ist genau der richtige Schritt. Es darf nur nicht bei diesen zwei oder drei Spielen pro Saison bleiben. Potsdam ist eine Volleyball interessierte Region, da kann man viel rausholen. Das wäre auch für uns enorm wichtig, wenn die Lokalderbys wieder richtig heiße Duelle werden, bei denen nicht meistens von vornherein feststeht, dass die BR Volleys gewinnen. Das hört sich jetzt komisch an, wenn ich das sage, aber für die Entwicklung des Volleyballs wäre es gut. Das müssen wir gemeinsam entwickeln. Und dann sehe ich das auch ganz optimistisch.

Herr Ahlers, wo sehen Sie ihren Verein in fünf bis zehn Jahren?

Ahlers: Ich hoffe, dass wir genau bei dieser Entwicklung dabei sein können. Das muss einfach das Ziel sein, wenn ich unternehmerisch denke. Wobei das immer eine Gratwanderung ist. Der Flughafen wurde erst jetzt eröffnet, das ist ein riesiges Potential. Die Ansiedlung von Tesla, das sind alles Dinge, die für die Region sprechen. Und wir sitzen mittendrin. Das müssen wir nutzen. Vielleicht hätten wir mit der MBS-Arena früher anfangen sollen, aber wir können die Vergangenheit nicht mehr ändern, wir können nur die Zukunft gestalten. Für mich ist primär erstmal wichtig, dass wir interessante Events haben.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview ist eine leicht gekürzte und redigierte Fassung eines für das Fernsehen geführten Gesprächs. Es wurde geführt von Jakob Rüger.

Sendung: rbb24, 28.10.2021, 22 Uhr

Nächster Artikel