Verein Gesellschaftsspiele erhält Julius-Hirsch-Preis - Wo an vergessene jüdische Akteure im sportlichen Berlin erinnert wird

Di 23.11.21 | 12:23 Uhr | Von Shea Westhoff
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Führung durch den Jahn-Sportpark. (Bild: rbb24)
Video: rbb UM6 | 23.11.2021 | Johanna Rüdiger | Bild: rbb24

Der DFB hat den Berliner Verein Gesellschaftsspiele mit dem Julius-Hirsch-Preis geehrt. Der setzt sich für eine neue Erinnerungskultur ein. Etwa zwischen Jahn-Sportpark und Schmeling-Halle, wo die Rudolf-Mosse-Straße verschwand.

Rund 20 Fußballfans haben sich an einem grauen Samstag im November um Stephan Lahrem herum versammelt. Die Gruppe steht unmittelbar vor der Sportanlage Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark, dem historischen Berliner Stadion, in dem zurzeit der Fußball-Drittligist Viktoria Berlin seine Heimspiele austrägt.

Es ist kalt, Lahrem hat seine Hafenarbeiter-Mütze über die Ohren gezogen. Er muss seine klangvolle, sonore Stimme nicht anheben, um sich Gehör zu verschaffen. "Ich möchte von einer Straße sprechen, die es nicht mehr gibt, aber auf der ihr steht", sagt er.

Bewusstsein für Geschichte schärfen

Es handelt sich um die nach dem jüdischen Verleger benannte Rudolf-Mosse-Straße. Bevor sie unter den Trümmern des Zweiten Weltkriegs völlig vergraben wurde, verlief sie vom nördlichen Innenstadtring einige hundert Meter bis zu den Häuserzeilen der Sonnenburger Straße im Prenzlauer Berg. Würde die Straße heute noch existieren, so würde sie das Stadion am Jahn-Sportpark und die Max-Schmeling-Halle miteinander verbinden – deren Namen dem berühmten Turnvater und Boxer gewidmet sind. Aber wer erinnert sich heute noch an Rudolf Mosse?

Das Geschichtsbewusstsein zu schärfen, das ist einer der Aspekte, den sich der Verein Gesellschaftsspiele zur Aufgabe gemacht hat. Stephan Lahrem ist stellvertretender Vorsitzender des Berliner Vereins. Mithilfe der Fußball- und Fankultur versucht Gesellschaftsspiele, soziale und politische Vorgänge verständlich zu machen - anhand des Sports und insbesondere des Fußballs. Rund 100 ehrenamtliche Mitarbeiter egagieren sich aktuell in dem Verein.

Für seine politische Bildungsarbeit für Fußballfans ist der Verein am Montag vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) mit dem Julius-Hirsch-Preis ausgezeichnet worden. Mit dieser Auszeichnung will der DFB vor allem solche Initiativen würdigen, die einen Beitrag zur Stärkung der Zivilgesellschaft und zum Schutz von Minderheiten leisten.

Der DFB hat den Berliner Verein Gesellschaftsspiele mit dem Julius-Hirsch-Preis geehrt. (Quelle: Peter Dittmann)

Rudolf-Mosse-Straße geriet in Vergessenheit

Am Jahn-Sportpark erklärt Lahrem der Gruppe, dass der Berliner Magistrat das Gelände im Jahr 1912 gekauft hatte. "Es sollte ein Sportpark entstehen, für die Bevölkerung und für die Sportler." 1920 wurde dort eine Straße nach dem Verleger Rudolf Mosse benannt, weil der der Stadt Berlin wenige Jahre zuvor 1,7 Millionen Reichsmark gespendet hatte.

Die Dankbarkeit Berlins hielt 15 Jahre. "Nach 1935 tilgten die Nationalsozialisten alle jüdischen Straßennamen aus dem Berliner Stadtbild", erzählt Lahrem. Dann kam der Krieg, die Trümmer. Die Straße und ihr Name gerieten in Vergessenheit.

Doch vor einigen Jahren hat der Schriftsteller Holger Siemann die Straße auf einem Stadtplan von 1928 wiederentdeckt. Unter dem Dach von Gesellschaftsspiele e.V. hat sich daraufhin die Initiative "Mosse erinnern" gegründet, in deren Rahmen es unter anderem eine Ausstellung gab mit elf Litfaßsäulen, auf denen das Leben und Wirken Mosses abgebildet war.

 

Im Schatten von Jahn und Schmeling

Es sei eigentlich "ein Skandal”, sagt Stephan Lahrem den Zuhörern, dass im Sportpark eine Halle nach Max Schmeling benannt worden ist - dem legendären Boxer, der heute aber auch im Ruch steht, "Hitlers nützliches Idol" für Propaganda-Zwecke gewesen zu sein. Und daneben ein Sportpark, der nach Friedrich Ludwig Jahn benannt wurde, "einem nationalistischen Sportlehrer", wie Lahrem sagt.

Nichts erinnere hier dagegen mehr an Rudolf Mosse, dem "jüdischen Zeitungsverleger, der Teile seines Vermögens der Stadt gestiftet hat". Damit der Name Rudolf Mosse nicht in Vergessenheit gerät, will die Initiative im nächsten Jahr im Sportpark ein Fußball-Turnier um den Mosse-Pokal veranstalten.

Der Verein sehe den Julius-Hirsch-Preis als Ansporn, weiterzumachen und neue Projekte in Angriff zu nehmen, sagt Peter Dittmann von Gesellschaftsspiele e.V. "Wir wollen einen anderen Fußball, wir wollen einen besseren Fußball, wir wollen einen solidarischeren, inklusiveren, Fußball", sagt er. Das Bewusstsein für die Geschichte zu schärfen, dürfte dafür ein guter Ansatz sein.

Sendung: rbb UM6, 22.11.2021, 18 Uhr

Beitrag von Shea Westhoff

1 Kommentar

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  1. 1.

    Das ist doch künstlich aufgebauschte Empörungs-oder Erinnerungskultur, weil es schick ist. Wird denn wirklich gleichmäßig auch an andere Länder, Religionen und Gesellschaften gedacht? Die Berichterstattung liegt manchmal sehr einseitig.

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