Boxgirls Berlin - Ankämpfen gegen die Diskriminierung

Mi 24.11.21 | 15:04 Uhr | Von Fabian Friedmann
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Boxtrainerin Doha Taha Beydoun von den Boxgirls aus Kreuzberg. (Bild: rbb24/Tabea Kunze)
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Audio: Inforadio | 25.11.2021 | Tabea Kunze | Bild: rbb24/Tabea Kunze

Der Verein Boxgirls Berlin bietet Frauen und Mädchen einen Ort der Selbstbestimmung im Rahmen des Boxsports. Boxtrainerin Doha Taha Beydoun ist für viele ein Vorbild, dabei musste sie selbst lange gegen Diskriminierung ankämpfen. Von Fabian Friedmann

"Dies ist ein besonderer Ort", sagt Boxtrainerin Doha Taha Beydoun. Sie steht in der Trainingshalle der Boxgirls Berlin im Johann-Trollmann-Boxcamp in der Bergmannstraße in Berlin-Kreuzberg. "Hier sind Menschen, die offen sind und niemanden differenzieren. Alle fühlen sich wohl und kommen gut miteinander klar." Beydoun ist Muslimin, trägt Kopftuch und trainiert seit fünf Jahren im Verein. Sie habe bewusst nach einem Trainingsort wie diesem gesucht. Hier fühle sie die Sicherheit, die sie für ihren Sport brauche, meint sie.

Ein Ort der Chancengleicheit

Boxgirls Berlin e.V. ist mehr als nur ein Boxverein. 2005 gegründet hat sich der Verein das Ziel gesetzt, Mädchen und Frauen darin zu unterstützen, sich selbstständig, aktiv und mutig in ihren Kiezen und Gemeinden einzusetzen. Damit aus diesen dynamische Orte der Chancengleichheit und Sicherheit werden. Der Verein bietet Box-, Muay Thai,- und Kickboxtraining für verschiedene Zielgruppen an, aber er geht auch in Schulen, gibt Workshops und ist engagiert in verschiedenen Projekten. Die Boxgirls möchten mit der traditionellen Geschlechterrepräsentation ihrer Sportart brechen. Denn Boxen sei immer noch eine von Männern dominierte Sportart, sowohl in den Medien als auch in Sportvereinen.

Doha Taha Beydoun sei immer ein eher zurückhaltender Mensch gewesen, "mit wenig Selbstbewusstsein", wie sie selbst sagt. Bis sie zu den Boxgirls kam. "Nach drei Jahren wurde ich als Trainerin ausgewählt." Nach ihrem Abitur legte sie erfolgreich die Box-Trainerlizenz ab. Seitdem trainiert die 20-Jährige vier bis fünf Gruppen pro Woche: "Die Arbeit macht Spaß, man lernt die unterschiedlichsten Menschen kennen und man motiviert und fördert die Menschen fürs Leben." Ihre Eltern hätten sie von Anfang an dabei unterstützt, wobei es auch Familien gebe, die dem Training misstrauisch gegenüberstünden. Das versuche man Stück für Stück abzubauen.

Beydoun: "Ich breche einfach mit diesen Vorurteilen"

Die junge Boxtrainerin ist im Libanon geboren und kam als Säugling nach Deutschland. Sie spricht Deutsch, Arabisch und Englisch, ist verheiratet und studiert Gesundheitsmanagement. Aufgrund ihrer Herkunft und ihrem Werdegang sehen sie viele als Vorbild, was sie manchmal auch etwas einschüchtere. Viele Menschen glaubten aber auch, dass in ihrem Leben die Religion, die Ehe, der Sport und die Nationalität gar nicht miteinander vereinbar seien: "Aber ich breche einfach mit diesen Vorurteilen", sagt Doha Taha Beydoun.

Aktuell zählt ihr Verein 160 Mitglieder und 80 weitere Mädchen und junge Frauen, die hier trainieren. Als Berlins größter Boxverein für Mädchen und Frauen hat man sich mittlerweile etabliert. Mit den Partnerorganisationen Boxgirls Kenya und Boxgirls Südafrika ist man auch international vertreten, dazu engagiert sich der Verein in Projekten wie "My Body – My Choice", "No Borders" und "Box Queers". Viele Mädchen mit Kopftuch oder anderer Hautfarbe würden sich mittlerweile trauen, hier zu trainieren, meint Beydoun. Ihr Wunsch sei es, dass diese Mädchen keine Gewalt und keinen Rassismus erleben müssten.

Auf Druck die internationalen Wettkampfregeln geändert

Sportliche Erfolge kann der Verein ebenfalls vorweisen. Zeina Nassar, 2018 deutsche Meisterin in der Gewichtsklasse bis 57 kg, startete ihre Karriere einst bei den Boxgirls. Da Nassar mit Kopftuch kämpft, blieb ihr die Teilnahme an den U22-Europameisterschaften im Boxen wegen der internationalen Kleidervorschriften verwehrt. 2019 wurden auch auf Druck der Boxgirls Berlin hin die internationalen Wettkampfregeln geändert, sodass Frauen nun auch im Hidschab boxen dürfen. Nassar sagt: "Man muss kämpfen, um Veränderungen in der Gesellschaft herbeizuführen."

Die Boxtrainerin Doha Taha Beydoun stört sich daran, dass das Kopftuch in den Medien hierzulande häufig als ein Zeichen der Unterdrückung gesehen wird. Schon in ihrer Kindheit musste sie lernen, mit diesen Diskriminierungen umzugehen: "Es tut schon weh, aber ich versuche, dagegen anzukämpfen. Genauso wie im Ring, da versuchen wir auch gegen alles Negative anzukämpfen."

Mittlerweile ist sie auch auf Plakaten des Deutschen Olympischen Sportbundes zu sehen. "Das macht natürlich auch Druck, aber es stärkt einen auch", meint sie. Und wenn alles einmal zu viel wird, dann habe sie immer noch ihre Familie, die ihr Halt gebe. "Es funktioniert und das ist auch das Schöne."

Sendung: Inforadio, 25.11.2021, 12:15 Uhr

Beitrag von Fabian Friedmann

3 Kommentare

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  1. 3.

    Mich als mäßig praktizierendem Christen interessiert es nicht besonders, wie islamische Frauen intern ihr Kopftuch sehen. Ich sehe nur, dass kompetente Leute, wie Kacem El Ghazzali. eine ehemaliger Koranschüler aus Marokko das aus interkultureller Sicht bewertet, der da sagt "Das islamische Kopftuch ist ein Symbol des Patriarchats und nicht der Selbstbestimmung".

    https://www.nzz.ch/feuilleton/islamisches-kopftuch-kein-symbol-fuer-selbstbestimmung-ld.1321150

  2. 2.

    Der weibliche Teil der Menschheit wird getrennt und darf innerhalb seiner Blase einige Dinge tun (hier Sport, anderswo Bildung usw.) oder lassen (z.B. Kleidungsvorschriften)als außerhalb der Blase.
    Im Artikel wird uns Geschlechtertrennung kritiklos als leuchtendes Beispiel gegen Diskriminierung , Unterdrückung und Rassismus verkauft. Herr Friedmann, Absicht oder nicht gemerkt?

  3. 1.

    Weil "niemand" differenziert wird, trainieren dort keine Männer und man legt schon beim Namen wert auf Exklusion?
    Man wolle damit brechen, dass etwas geschlechterspezifisch ausgelegt wird! Indem man es geschlechterspezifisch auslegt?

    Mir ist neu, dass Frauen im Box- oder Kampfsport bisher nicht willkommen gewesen wären; eher das Gegenteil ist der Fall. Bei uns im Verein haben wir schon vor über 30 Jahren mit Jungen UND Mädchen trainiert und es war oft schwer, Damen zu finden; ähnliche wie Herren beim Tanzen unterrepräsentiert sind!Exklusion kennt Kampfsport nicht; Olympia ist da eine andere Geschichte!

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