Neue BFV-Kampagne gegen verbale Gewalt an Unparteiischen - Wenn Schiris Rot sehen würden

So 14.11.21 | 17:54 Uhr
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Ein Schiedsrichter beim Amateurfußball (imago images/Noah Wedel)
Video: rbb UM6 | 13.11.2021 | Torsten Michels | Bild: imago images/Noah Wedel

Mit über drei Millionen Aktiven ist der Fußball Deutschlands liebstes Hobby. Doch dem Sport laufen die Schiedsrichter davon. Auch, weil sie immer wieder Opfer von Gewalt werden. Eine Kampagne des Berliner Fußballverbands dreht den Spieß jetzt um.

Eigentlich ist die Sache denkbar einfach, denn: "Ohne Schiedsrichter funktioniert das Spiel nicht", sagt Theresa Hoffmann (26). Die studierte Psychologin ist seit Anfang 2021 hauptamtliche Referentin für Schiedsrichter-Wesen im Berliner Fußballverband (BFV). Ihre Stelle ist ein Pionierprojekt, welches es so in keinem anderen Landesverband Deutschlands gibt und das sich hauptsächlich mit der omnipräsenten Gewalt gegen die Unparteiischen befasst.

Eine Stelle, die laut Hoffmann als unmittelbare Konsequenz des Berliner Schiedsrichterstreiks 2019 gelesen werden kann, als die Unparteiischen mit einem Verzicht auf alle Spielleitungen unterhalb der Berlin-Liga ein Zeichen gegen die zunehmende Gewalt im Berliner Fußball setzten.

Welcher Form diese Gewalt vor allem ist, zeigte die Auswertung einer Online-Umfrage des BFV im Juni 2021 [berliner-fussball.de]. So gaben 83 Prozent der 413 teilnehmenden Schiedsrichter an, "mindestens einmal während einer Spielleitung Opfer verbaler Gewalt (hierzu zählen Beleidigungen, Bedrohungen und alle Formen diskriminierender Äußerungen) geworden zu sein", wie es im Fragebogen hieß. Auch wenn jeder Fall einer zu viel ist, nehmen sich die 38 Prozent erlebter, tätlicher Gewalt ("Stöße, Tritte, Schläge, Spuck- und Wurfangriffe") gering aus dagegen.

Es geht um den Tonfall

Eine Stellschraube, um das Problem anzugehen, sei eine verbesserte "Regelkunde bei allen Beteiligten", wie Theresa Hoffmann sagt. Die Regelkenntnis sei bei den Schiedsrichtern naturgemäß ganz gut, bei Spielern, Trainern und Zuschauern hingegen bestehe jedoch noch Potential. Die Idee hinter dem Gedanken: Wenn sich die Beteiligten schon über die Regelauslegung der Schiedsrichter aufregen, dann sollten sie diese wenigstens auch wirklich kennen. Unabhängig davon stellt sich die Frage nach einem angemessenen Tonfall.

"Emotionen gehören dazu, aber man muss einen angemessenen Ausdruck dafür finden. Und ich glaube, das ist eine große Herausforderung, die wir in den nächsten Jahren angehen müssen", so Theresa Hoffmann. Kai Kaltwaßer, dem die Leitung der Schiedsrichter-Leistungskader des BFV obliegt, sagt: "Ich glaube, dass es viele betrifft, die sich das kaum noch mehr jedes Wochenende gefallen lassen."

56.580 Unparteiische erfasste der Deutsche Fußball Bund (DFB) für die Saison 2019/20 und damit bereits 3.742 weniger als noch in der Saison 2015/16. Blickt man weitere zehn Jahre, auf das Jahr 2005, zurück, ist die Diskrepanz noch größer. 78.370 Schiedsrichter standen dem deutschen Fußball damals zur Verfügung. Demgegenüber stehen mehr als drei Millionen Aktive in rund 170.000 Mannschaften, die Woche für Woche circa 90.000 Spiele absolvieren.

Rollentausch zur Prävention

Der Berliner Fußballverband kann auf etwas mehr als 1.000 Schiedsrichter zurückgreifen. Damit die auf den Plätzen der Hauptstadt zukünftig weniger Gewalt erfahren, hat der BFV nun seine Kampagne "Sprache ist Gewalt - Zeig Respekt!" in eine zweite Runde geschickt. Nach dem Fokus auf sexistische und diskriminierende Verbalattacken gegenüber Mädchen und Frauen werden nun die Unparteiischen in den Mittelpunkt gerückt. In einem Videospot [berliner-fussball.de] kommt es dabei zu einem Rollentausch. So treffen elf Schiedsrichter auf einen Spieler, wobei die Referees in beleidigendem Ton verlauten lassen, was sie vom Spieler halten - in jeder Hinsicht.

Damit neben der Prävention auch die Interventionsfähigkeiten der Schiedsrichter gestärkt werden, sollen Konfliktmanagement und Kommunikation in der Ausbildung der Schiedsrichter noch verstärkter eine Rolle spielen. Denn, so Theresa Hoffmann, auch die Unparteiischen sind nicht fehlerlos. Vor allem aber: Ohne sie funktioniert das Spiel nicht.

Sendung: rbb UM6, 13.11.2021, 18 Uhr

4 Kommentare

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  1. 4.

    Bei Schiedsrichtern ist es sicherlich wie bei Fußballern und uns Allen , es gibt gute und schlechte Tage und Leistungen und auch unterschiedliche Stimmungslagen.
    Wenn ich aber zur Kritik am Schiedsrichter von ihm in harscher Form die Antwort " Verpiss Dich" bekomme , ist die Diskussion über Tonfall und Ausdrucksform überflüssig ( Krieschow am 13.11.21 ).

  2. 3.

    Bei den Leistungen der Schiedsrichter, wo ich war selbst als Zuschauer bei Spielen oder Mitverantwortlicher von Turnieren, habe ich selbst sehr durchwachsene Schiedsrichter- leistungen erlebt. Dies gilt sowohl für Berlin, als auch für das Land Brandenburg. Die meisten Schiedsrichter waren gerecht und legten gute bis ausgezeichnete nicht zu kritisiende Leistungen hin. Aber es gab leider auch andere stark daneben liegende Leistungen in beiden Bundesländern aus verschiedenen Ligen, ein paar Beispiele hier folgend: Abpfiff 2. Halbzeit 8 Minuten zu früh, Nachfrage beim Schiedsrichter warum: "Ich muss noch pünktlich zum Mittagessen." Anderes Spiel Aussage des Schiris vor dem Pokalspiel: "Naja ich werde schon so pfeifen, dass eine bestimmte Mannschaft gewinnt..." Oder noch ein letztes Beispiel aus Berlin: Der Schiris pfiff sehr einseitig, der Trainer wurde bereits wegen offener Kritik auf die Tribüne geschickt. Auf Anfrage von Eltern antwortete der Schiedsrichter: "Ich bin hier Herr des Fußballplatzes und Sie als Zuschauer haben hier gar nichts zu sagen!" Meine Antwort darauf: "Sie mögen zwar Herr des Platzes sein und ich bin nur Zuschauer. Ich werde nicht das Spielfeld während des Spiels betreten und ich werde nie handgreiflich. Als Zuschauer darf ich aber auch sachlich Ihre Leistung kritisieren. Aber ich bitte Sie auch, vernünftig und gerecht Ihre Entscheidungen zu treffen." Der Schiedsrichter kam ins Überlegen und pfiff dann nach weiteren 3 Minuten den Rest des Spiels gerecht...

  3. 2.

    Das Hauptproblem ist für mich das ständige herumdoktern an den Regeln und deren Auslegung!

  4. 1.

    Tja tragbare Diktiergeräte könnten zumindest gegen verbale Attacken helfen. Bodycams sind wahrscheinlich zu teuer...

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