Amateurteams im Landespokal - Vereint im Fußballspiel

So 14.11.21 | 21:57 Uhr
Beim Berliner Landespokal (rbb)
Video: rbb24 | 14.11.2021 | Simon Wenzel | Bild: rbb

Im Achtelfinale des Berliner Landespokals sind überraschend noch unterklassige Mannschaften aus der neunten und zehnten Liga vertreten. Eine Pokaltour durch den Berliner Amateurfußball. Von Shea Westhoff

Ein kalter, grauer Sonntagmorgen in Hohen Neuendorf bei Berlin. Die dort stattfindende Partie der Provinzkicker von Blau-Weiß Hohen Neuendorf gegen SFC Stern 1900 aus Steglitz bildet den Auftakt des Sonntags im Zeichen des Berliner Landespokals: der Wettbewerb aller gemeldeten Berliner Teams, die nicht in einer der beiden ersten Profiligen spielen. Hauptsächlich also: Amateure. Um die soll es heute ausschließlich gehen, statt um Profis.

Die Sportanlage von Hohen Neuendorf ist durchaus beeindruckend. An einen Waldrand schmiegen sich gleich drei Fußballfelder, daneben steht das moderne Vereinsheim. Am Spielfeldrand haben sich mittlerweile rund 150 Zuschauer eingefunden: Kinder, junge Pärchen, viele Senioren. Der 72-jährige Hans-Peter Ohlbrecht genehmigt sich einen letzten Zug von seiner Zigarette, bevor er zum Mikrofon greift. Seine angeraute Stimme dröhnt jetzt aus der Boxanlage übers Spielfeld, er verliest die Startaufstellungen beider Teams. Den Mannschaftsbogen hält ihm Uwe Freter. Mit glimmender Zigarette im Mundwinkel, ähnlich alt, gebeugt — das Rheuma.

Zwei Leben für den Verein

Einst waren beide Betreuer der Herrenmannschaft. Ohlbrecht sagt: "Wir waren auf jedem Fußballplatz von Berlin, man kennt uns. Wenn ich mal ohne Uwe als Betreuer unterwegs war, haben die anderen Mannschaften gleich gefragt: 'Wo ist dein Kollege?'" Uwe Freter grinst und deutet ein Nicken an. Zwei Leben für den Verein.

"Wir haben alles gegeben für den Klub", sagt Freter. Heute sei es schwerer, junge Vereinsmitglieder für die ehrenamtliche Klubarbeit bei Hohen Neuendorf zu begeistern.

Unterdessen kommt die drückend überlegene Gästemannschaft zum frühen 1:0. "Wenn man überlegt, dass wir mal in einer Klasse mit denen gespielt haben", sagt Ohlbrecht anerkennend zu Freter. Vor einigen Jahren waren beide Teams in der Landesliga - jetzt spielt Stern in der Oberliga und Hohen Neuendorf in der Bezirksliga. "Noch kann man hoffen", sagt Ohlbrecht. "Fußball ist immer Hoffnung."

Interessant ist ja, dass der Fußball noch echt beliebt zu sein scheint, obwohl er sich die schlechteste denkbare PR verpasst hat, mit dem ganzen Spielszenen-Totgequatsche in den keimfreien TV-Sportstudios, den egozentrischen Pseudo-Stilikonen auf dem Platz, den Markenbotschaftern und dem schmutzigen Geld.

Hans-Peter Ohlbrecht (r.) und Uwe Freter.Hans-Peter Ohlbrecht (r.) und Uwe Freter.

Zehn oder zwölf Stunden die Woche für Vereinsarbeit

Da wirkt die Szenerie der Berliner-Landespokal-Partie geradezu unschuldig. Auf der Terrasse des Vereinsheims hüpfen Jugendliche mit Blau-Weiß-Schals auf und ab und krakeelen ihre Schlachtgesänge.

Dirk Pistorius bekommt wenig vom Spiel mit. Aus einer Plastiktüte kippt er Nackensteaks und Bratwürstchen auf einen Elektrogrill. Neben dem leiblichen Wohl kümmert er sich als Zeugwart um die Trikot-Ausstattung, betreut die Jugendmannschaften, ist bei Vorstandssitzungen dabei. Zehn oder zwölf Stunden die Woche gehen drauf für Vereinsarbeit, sagt er. "Den Klub wachsen zu sehen, mitzubekommen, dass er sich entwickelt, das macht es für mich aus", sagt er während seine durch jahrelangen Straßenbau gestählte Hand die Grillzange betätigt. Dass sein Verein gerade zurückgekommen ist mit dem Ausgleichstreffer zum 1:1, das hat er gar nicht mitbekommen. Um ihn herum prosten sich die Zuschauer zu, vielleicht gelingt ja tatsächlich die Sensation gegen den drei Etagen höher spielenden Gegner aus der Oberliga.

Mit Schmerzmittel gegen den Albtraum

Die Euphorie unter den Zuschauern bekommt einen Dämpfer. Eine schnelle Kombination der Steglitzer und es steht 2:1. In der Nachspielzeit verwehrt der Schiedsrichter noch den Elfer, Gezeter am Spielfeldrand, die Jugendlichen auf der Terrasse verschmähen die Schiedsrichterleistung, doch es bleibt dabei.

Mit der S-Bahn geht es nun quer durch Berlin zum SC Union Südost nach Neukölln. Kontrastprogramm zur Berliner Speckgürtel-Idylle von Hohen Neuendorf. Neukölln, Ortsbezirk Britz. Verblichene Massen-Wohnabfertigungen.

Inmitten der grauen Gebäude dann der strahlend grüne Kunstrasenplatz des SC Union Südost. Der Britzer Verein hatte in den ersten drei Pokalrunden für Furore gesorgt, weil der Zehntligist jeweils höherklassige Klubs aus dem Turnier geworfen hatte. Heute Nachmittag geht es gegen Empor Berlin, vier Spielklassen höher.

Am Eingang des Sportplatzes kontrollieren die Ordner in gelben Leibchen die Impfnachweise und Coronatests. Der Geruch von gegrilltem Sucuk, Knoblauchwurst, steigt in die Nase.

Der Grill beim SC Union Südost.Der Grill beim SC Union Südost.

Freier Eintritt beim Spitzenspiel

Kadir Vural steht hinter einem rot-weißen Absperrband, dick eingepackt in einem Union-Südost-Anorak und beobachtet den Spielbeginn. Der Außenverteidiger ist eigentlich Stammspieler, vergangene Woche hat er sich einen "Pferdekuss" am rechten Oberschenkel zugezogen, der Schmerz strahlt ins ganze Bein aus. Vor dem Anpfiff hat sich Vural noch massieren lassen, hat sich zusätzlich eine schmerzstillende Ibuflam 600 reingehauen, aber es reichte nicht. Wie es ihm damit geht, wochenlang auf genau dieses Pokalspiel hinzutrainieren, und jetzt nicht zu spielen? "Na, scheiße", sagt er achselzuckend. "Aber das ist Fußball."

Früher sei er selten zum Training gegangen, nur zu Spielen. Das würde er sich heute nicht mehr trauen, sagt er und lacht. "Gerade weht ein neuer Wind in unserem Verein, es geht aufwärts." Dafür ist auch der Mann in grüner Steppweste verantwortlich, der sich gerade am Spielfeldrand fürchterlich über das erste Gegentor aufregt. Erdem Bekiroglu, Präsident des Vereins. Einige sind der Ansicht, dass er den einst kaputten Verein wieder flott gekriegt hat.

Frank Godau vom Berliner Fußball-Verband ist heute Spielbeobachter und kennt Bekiroglu und den Klub schon länger. "Union Südost lag am Boden, niemand wollte den Verein mehr wirklich führen", sagt er. Nun setze der Verein auf Jugendarbeit, habe auch durch Bekiroglu eine straffere Organisation mit mehr Transparenz. Dieser habe auch dafür gesorgt, dass das heutige Spitzenspiel bei freiem Eintritt stattfindet – und habe das mit dem Gegner Empor Berlin abgeklärt, denen eigentlich die Hälfte der Einkünfte zugestanden hätte.

"Da muss ich einfach mal sagen, dass der Verein hier in Neukölln ganze Arbeit geleistet hat. Der Klub hat mittlerweile eine große Akzeptanz hier im Kiez", lobt Godau. Das Spiel geht für die Heimmannschaft letztlich mit 1:2 verloren. Präsident Bekiroglu hat die Lippen zusammengepresst, geht vorbei am BFV-Vertreter, der ihm auf die Schulter klopft.

Überflüssige Reporterfrage an Bekiroglu: Enttäuscht? Große Antwort, während er auf die 250 Zuschauer am Spielfeldrand deutet: "Schau dich doch mal um! Familien, Kinder, alle sind hier. Unser Fußballplatz ist im Herzen dieses Viertels. Und die Herzen unseres Vereins sind offen."

Sendung: rbb24, 14.11.2021, 22 Uhr

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