Scout und Spielerberater Benjamin Ehresmann - Der Pendler zwischen den Fußballwelten

Do 18.11.21 | 10:17 Uhr | Von Philipp Rother
Spielerberater Benjamin Ehresmann am Spielfeldrand (Quelle: privat)
Bild: privat

Benjamin Ehresmann kannte Kylian Mbappé schon lange bevor der in Monaco zum Star reifte. Auch Joshua Kimmich beobachtete er früh intensiv. Als Scout hat Ehresmann bereits die halbe Welt bereist. Nun ist er Spielerberater. Von Philipp Rother

Benjamin Ehresmann hat die Länderspielpause für einen dienstlichen Abstecher nach Wien genutzt. Dort hat er Gespräche mit einem österreichischen Fußball-Erstligisten geführt. "Der Termin lief soweit gut", verrät der 35-Jährige im Gespräch mit rbb|24 mit einem Grinsen im Gesicht vielsagend. Vor ein paar Jahren war der Brandenburger noch Scout und hätte die Länderspiele genutzt, um europaweit möglichst viele Spieler unter die Lupe zu nehmen. Mittlerweile ist er Spielerberater.

Aber, der Reihe nach: Ehresmann ist in Frankfurt (Oder) geboren. Nach dem Abitur ging er nach Leipzig, um dort ab 2008 Sportwissenschaften zu studieren. "Ich hatte schon immer ein Faible für Leistungssport", sagt er. Sein berufliches Leben nahm aber bereits ein Jahr später die entscheidende Wendung. Der Red-Bull-Konzern stieg beim damaligen Fünftligisten SSV Markranstädt ein und suchte händeringend Sportwissenschaftler, um die Professionalisierung des neuen Vereins RasenBallsport Leipzig voranzutreiben.

"Das war vor allem aufgrund des Timings ein absoluter Glücksfall", erklärt Ehresmann, der bei den Roten Bullen zunächst Co-Trainer der U12-Nachwuchsmannschaft wurde. Schnell kamen weitere Aufgaben hinzu: Zusammen mit Danny Röhl, mittlerweile Co-Trainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft und zuvor unter anderem auch beim FC Bayern München, analysierte Ehresmann die Spieler der Männermannschaft.

Rangnick als großer Förderer

Im Dezember 2013 beförderte Ralf Rangnick Ehresmann dann zum Scout und Chef-Analysten der Scouting-Abteilung. "Er hat mein Talent erkannt und mich extrem gefördert und gefordert." Leipzig spielte zu der Zeit noch in der dritten Liga, in den Folgejahren gelang den Rasenballsportlern der Durchmarsch bis in die deutsche Bundesliga-Spitze.

"Meine Kernaufgabe bestand darin, den sogenannten Schattenkader immer wieder zu aktualisieren und zu optimieren", erklärt Ehresmann. Die Liste der Transfers, in die er involviert war, ist entsprechend lang. Die bekanntesten Namen sind Naby Keita, Joshua Kimmich, Dayot Upamecano und Timo Werner. Auch Kylian Mbappé und Ousmane Dembélé scoutete Ehresmann. Beide Spieler standen, noch bevor sie ihren Durchbruch schafften, ganz oben auf der Leipziger Liste. Es habe auch Gespräche gegeben. Dembélé wechselte aber nach Dortmund, Mbappé blieb in Monaco und wurde dort zum Profi.

Bereits vor der ersten Sichtung vor Ort werden die Spieler durchleuchtet, erzählt Ehresmann. Es werden Statistiken und Videos ausgewertet, Hintergrundinformationen eingeholt. Es sei letztlich ein Filterprozess. "Es gibt keinen unentdeckten Spieler mehr - mit ein paar Klicks bekomme ich alle Informationen im Internet", erzählt der Brandenburger. Umso wichtiger sei es heutzutage, das Entwicklungspotential des Spielers zu erkennen und den Mut zu haben, ein Talent zu verpflichten, bevor es den ganz großen Durchbruch schafft.

In Ghana und Mali unterwegs

"Anfangs war ich noch vorrangig für den deutschen Markt zuständig", erzählt Ehresmann über seine Zeit in Leipzig, "das hat sich dann nach und nach vergrößert, bis ich quasi weltweit unterwegs war." Auch in Ghana und Mali hat er sich schon Spieler angesehen. Es seien oft Reisen in eine andere Welt gewesen.

Gutes Scouting bezieht sich nicht nur auf die sportliche Komponente. "Darüber hinaus ist es auch immer wichtig, zu erfahren, wie der Spieler persönlich und mental tickt." Das sei am schwierigsten zu bewerten. Meist werden ehemalige Mitspieler und Trainer befragt, auch ein persönliches Treffen ist Bestandteil des Scoutings. "Letztlich müssen die Risikofaktoren so gering wie möglich gehalten werden." Es sei notwendig, ein möglichst komplettes Bild des Spielers zu zeichnen, erklärt Ehresmann. Die wenigsten schaffen es in die Endauswahl.

Erst als Ehresmann zum Leiter der Leipziger Scouting-Abteilung ernannt wurde, verlagerte sich seine Arbeit mehr und mehr ins Büro. Nachdem er RB Leipzig vom Nachwuchs bis in die Champions League begleitet hat, hat sich der heute 35-Jährige im Sommer 2017 ganz bewusst entschieden, ein neues Abenteuer in Angriff zu nehmen: "Ich wollte meine Komfortzone verlassen", berichtet der Fußballfachmann, der innerhalb des Red-Bull-Konzerns zum Schwesterklub nach New York wechselte. Er sollte dort eine neue Scouting-Abteilung aufbauen. Nun scoutete Ehresmann vermehrt in Süd- und Mittelamerika: Costa Rica, Jamaika, Venezuela, Argentinien und Chile hießen die Ziele.

In Philadelphia verantwortlich für die Transfers

Ernst Tanner, den Ehresmann bereits aus dem RB-Kosmos kannte, lotste ihn zwei Jahre später zu Philadelphia Union. Tanner ist dort bis heute Sportdirektor, Ehresmann agierte als seine rechte Hand und war verantwortlich für alle Transfers. Auch Philadelphia wollte junge Spieler unter Vertrag nehmen, sie ausbilden und weiterverkaufen. Zudem sollten mehr Europäer verpflichtet werden. Daher war Ehresmann nun wieder vermehrt im europäischen Raum unterwegs.

Der weltweite Ausbruch der Corona-Pandemie führte dann dazu, dass Ehresmann den Job in Philadelphia nicht in der Form weiterführen konnte, wie es eigentlich notwendig gewesen wäre. "Ich durfte nicht mehr einreisen. Und auf diesem Niveau helfen dann irgendwann auch keine Zoom-Calls mehr", erklärt Ehresmann, der schließlich in die Selbstständigkeit wechselte. "Ich hatte sowieso den mittelfristigen Plan, als Spielerberater tätig sein zu wollen - von daher war das der für mich nächste logische Schritt."

Ehresmann arbeitet nun eng mit Sascha Empacher, der schon seit 25 Jahren mit seiner Agentur SPOCS Global Sports in der Branche tätig ist, zusammen. Die Agentur betreut unter anderem Sasa Kalajdzic, Angreifer des VfB Stuttgart und der österreichischen Nationalmannschaft. Auch Ozan Kabak, aktuell vom FC Schalke 04 zu Norwich City ausgeliehen, zählt zu den Klienten. Und Kai Wagner, seit zwei Jahren Spieler bei Philadelphia Union. Er ist der namhafteste Spieler von Ehresmann.

Ehresmann will Talente ins Profigeschäft führen

Darüber hinaus betreut Ehresmann viele Talente. "Das sind Jungs, die perspektivisch, und das ist dann auch mein Job, hoffentlich den Sprung in den Profi-Bereich schaffen", erklärt der noch neu im Geschäft tätige Berater. "Sie zählen jetzt schon zu den Talentiertesten, aber das heißt noch nichts." Er könn mit seinem Know-how und seinen Erfahrungen in vielen Positionen an sehr vielen Stellen helfen, sagt Ehresmann, der natürlich auch um das negative Image der Spielerberaterbranche weiß.

Nach seiner Rückkehr aus den USA ist Ehresmann nach Potsdam gezogen. Zentrales Instrument seiner "neuen" Arbeit ist das Telefon. Er hält regelmäßig Rücksprache mit Trainern, Sportdirektoren und Chefscouts. Auch die eigenen Spieler haben immer wieder Redebedarf.

Das Reisen bleibt auch weiterhin ein Hauptbestandteil seiner Arbeit. Bis zum Ende des Jahres stehen - sofern es die Corona-Lage zulässt - noch Touren nach Belgien, Dänemark, Österreich, Ghana und in die USA auf dem Plan. Ehresmann pendelt also auch in seiner neuen Funktion zwischen den Fußballwelten.

Ob der jüngste Ausflug nach Wien wirklich in einem Transfer mündet, steht noch nicht fest. Das entscheide sich erst in den kommenden Wochen, vielleicht auch erst im kommenden Jahr. Es braucht Geduld, sagt Ehresmann, der selbst am besten weiß, wie kleinteilig das Scouting der Vereine funktioniert. Und das Geschäft.

Beitrag von Philipp Rother

Nächster Artikel