Taktik-Check vor dem Derby - Köpenicker Flügel-Power und Konter-Chancen für Hertha

So 14.11.21 | 11:47 Uhr | Von Till Oppermann
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Union-Trainer Urs Fischer und Hertha-Coach Pal Dardai. / imago images/Matthias Koch
Bild: imago images/Matthias Koch

Das Hauptstadt-Derby in der Fußball-Bundesliga wirft seine Schatten voraus. Ein Blick auf die taktische Ausrichtung beider Teams zeigt ihre Stärken und Schwächen. Hertha ist über die Außenbahn verwundbar, Union spielt zu viele Fehlpässe. Von Till Oppermann

Am kommenden Samstag steigt im Stadion an der Alten Försterei am 12. Spieltag der Fußball-Bundesliga das Stadtderby zwischen dem 1. FC Union Berlin und Hertha BSC. Zwei späte Gegentore trübten am vergangenen Spieltag die Generalproben der Stadtrivalen. Während die Köpenicker den Sieg im Gastspiel in Köln in der 86. Minute aus der Hand gaben, führten die Charlottenburger gegen Leverkusen bis zur 90. Minute, als Ex-Unioner Robert Andrich nach einem Freistoß den Ausgleich erzielte.

Es war bereits Herthas zehnter Standard-Gegentreffer der Saison - ein Minus-Rekord in der Bundesliga. Flügelspieler Maximilian Mittelstädt schimpfte danach: "Das müssen wir jetzt kräftig üben. Es kann doch nicht sein, dass wir immer so ein Ding kassieren."

Gesagt, getan. In Vorbereitung auf das Spiel gegen die Eisernen setzt das Trainer-Team um Pal Dardai besonders auf Standard-Training. Diese Sonderschichten scheinen besonders dringlich, weil Union mit durchschnittlich 18,3 gewonnenen Luftduellen pro Spiel eines der kopfballstärksten Teams in der Bundesliga stellt.

Nur Fürth und Augsburg schließen seltener ab als Hertha

Auch in der Offensive belegen statistische Werte einige Unterschiede zwischen den beiden Mannschaften. In der laufenden Saison erzielten die Herthaner erst zwölf Tore. Dardais Elf tut sich schwer, in erfolgsversprechende Abschlusssituationen zu kommen. Von ihren durchschnittlich 6,44 Schüssen pro Spiel - nur die Abstiegskandidaten Fürth und Augsburg versuchen es seltener - kamen nur 60 Prozent aus Positionen aus der Feldmitte. Zum Vergleich: Die Unionern kombinieren sich vor 73 Prozent ihrer Versuche in diese Zone.

Dass die Alte Dame gegen Leverkusen noch den Ausgleich hinnehmen musste, lag neben den Schwächen bei Defensivstandards auch am mauen Offensivspiel. In der zweiten Halbzeit blieben in Führung zahlreiche Kontergelegenheiten ungenutzt. Pal Dardai war trotzdem zufrieden. Er wolle von seiner Mannschaft in den sechs Spielen bis Weihnachten die gleiche Leistung sehen, sagte der Ungar trotz des späten Gegentreffers.

Dardais Erfolgsrezept: Neues System, neue Stabilität

In diesem Spiel hatte seine Mannschaft sowohl bei der Laufleistung als auch bei den Sprints und der Zweikampfquote die Nase vorn. Für Dardai war das sicherlich eine Bestätigung seiner Arbeit. Denn spätestens seitdem er die Mannschaft in einem 4-2-3-1-System auf den Platz schickt, das gegen den Ball zu einer engen 4-4-2-Formation wird, sind die Herthaner defensiv eines der stabileren Teams der Bundesliga.

Vorher musste Torhüter Alexander Schwolow pro Spiel ungefähr 2,8 Mal hinter sich greifen, seit der Umstellung setzt es nur noch durchschnittlich einen Gegentreffer. Gerade die linke Seite, auf der mit Mittelstädt und Marvin Plattenhardt nun gleich zwei etatmäßige Linksverteidiger spielen, wusste zu überzeugen.

Union erzeugt Gefahr über die Flügel

Auch bei den Unionern gehört ein Linksverteidiger zu den besten Spielern der bisherigen Saison. Niko Gießelmann gelangen bereits drei Tore und zwei Vorlagen - damit ist er bisher produktiver als jeder Herthaner. Er begründet das mit Urs Fischers Spielsystem: "Wir haben oft Durchbrüche über außen und sollen als Außenspieler offensiv dabei sein."

Im eingespielten 5-3-2-System den Schweizer Trainers spielen die Außenverteidiger eine wichtige Rolle. Zwar baut Union gerne durch die Mitte auf, im Angriffsdrittel spielen die Köpenicker aber viele Situationen über die Seite. Auch deshalb flanken die Unioner im Ligavergleich am vierthäufigsten. Eine gute Strafraum-Besetzung, auch durch die aufrückenden Außenverteidiger, die Top-Torjäger Taiwo Awoniyi unterstützen, sorgt dann für Torgefahr.

Gerade gegen Hertha könnte diese Ausrichtung den Unionern in die Karten spielen. Dardais Faustregel für Herthas Defensive beinhaltet, dass gegen den Ball kein Feldspieler weiter als 30 Meter von jedem seiner Mitspieler entfernt stehen darf. So gelingt es insbesondere, die Zentrale dichtzuhalten und Pässe in die gefährlichen Zonen zwischen den Linien zu verhindern. Die Kehrseite: Mit schnellen Seitenwechseln und konsequentem Flügelspiel könnten Gegner das Bollwerk aushebeln - die Blaupause lieferte die TSG Hoffenheim, die beim 2:0-Sieg über Hertha beide Tore nach solchen Spielzügen erzielte.

Kann Hertha Union auskontern?

Aber auch die Unioner sind durchaus verwundbar. Im Vergleich zur vorigen Saison fällt es den Eisernen schwerer, am Ball zu bleiben. Unions 40,2 Prozent Ballbesitz sind der drittschlechteste Wert der Liga, nur 72,8 Prozent der Pässe finden einen Mitspieler. Als Auswärts-Team wird sich Hertha wohl ganz auf die solide Abwehr verlassen und auf Konter lauern.

Unions Fehlpässe bieten die perfekte Angriffsfläche für Konter, beispielsweise über den schnellen Herthaner Marco Richter. In solchen Momenten kann sich die Stärke der angriffslustigen Außenverteidiger ins Gegenteil umkehren. Das zeigten die Unions Europapokal-Niederlagen gegen Rotterdam, als tiefe Pässe in den Rücken von Kapitän Christopher Trimmel die drei Innenverteidiger wiederholt vor akute Probleme stellten. Zumal die Köpenicker die Gegentore mit Fehlpässen vor dem eigenen Tor teilweise selbst auflegten.

Die Fans erwartet ein offenes Spiel

Herthas starke Spiele gegen Gladbach und Leverkusen hingen stark davon ab, dass es Dardais Mannschaft gelang, eine Führung zu erzielen, die es erlaubte, tief verteidigend auf Konter zu lauern. Union gab in den drei jüngsten Liga-Ansetzungen sowohl gegen Köln als auch gegen Stuttgart kurz vor Schluss den Sieg aus der Hand. Angesichts der kräftezehrenden Dreifachbelastung in den Wochen zuvor, war Trainer Fischer mit dem letzten Remis durchaus zufrieden: "Was unsere Mannschaft am Ende noch aus dem Tank geholt und aufgewendet hat, verdient ein riesiges Kompliment", sagte der Schweizer.

Für Union kam die Länderspielpause genau richtig, um zu regenerieren. Hertha nutzt sie, um weiter an den Abläufen im 4-2-3-1-System zu arbeiten. Das sind gute Nachrichten, für die Fans beider Vereine, die ein offenes Spiel zweier ausgeruhter Mannschaften erwartet.

Beitrag von Till Oppermann

1 Kommentar

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  1. 1.

    Viele Konterchancen wird es für Hertha nicht geben, da es ja gerade Union zu seinem Erfolgsmodell gemacht hat, den Gegner agieren zu lassen und initiativ zu sein, um selber Konter zu setzen. (Dies zeigt sich im Ballbesitz, der selbst gegen schwächere und spielschwache Gegner nicht dem Tabellenstand entspricht). Interessant wird das Spiel in Bezug auf Konter, wenn Hertha schnell 2-0 in Führung ginge. Da müsste Köpenick mal was machen...

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