Neue Studie zum Breitensport - Jedes fünfte Vereinsmitglied wurde schon zum Opfer sexualisierter Gewalt

Sa 06.11.21 | 22:03 Uhr
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Sportgeräte in einer Turnhalle (imago/ Kirchner-Media)
Bild: www.imago-images.de

Eine bundesweite Studie hat das Problem von sexualisierter Gewalt im Breitensport offengelegt. Nun ist auch der Landessportbund Berlin gefragt, Lösungen zu finden und Sportlerinnen und Sportler zu schützen. Von Lukas Witte

Egal ob klein oder groß - Sportvereine gehören zum Leben vieler Menschen dazu. Sie sind Orte, an denen wir zusammenkommen, um Spaß zu haben, uns zu bewegen, gesund zu bleiben und Gemeinschaft zu erleben. Eigentlich eine Umgebung, in der wir uns sicher fühlen sollten. Doch eine Studie offenbart nun ein erschreckendes Problem.

Im Rahmen des Breitensport-Forschungsprojektes "Sicher im Sport", gefördert vom Landessportbund NRW, wurden 4.400 Vereinsmitglieder aus elf Landessportbunden bei einer Online-Erhebung zu ihren Erfahrungen in Sportvereinen befragt. Dabei kamen alarmierende Zahlen ans Licht.

"Vereinssport kein ausschließlich schöner Ort"

Knapp ein Fünftel hat im Zusammenhang mit dem Vereinssport ungewollte sexuelle Berührungen oder Handlungen erlebt. Von anzüglichen Bemerkungen oder unerwünschten Text- oder Bildnachrichten berichten ein Viertel der Befragten. Sechs von zehn Personen waren im Vereinssport beschimpft oder bedroht, vier von zehn gar geschüttelt oder geschlagen worden. "Der Vereinssport ist genauso wie andere gesellschaftliche Bereiche von Gewalt betroffen. Wir können nicht so tun, als sei der Vereinssport ein belästigungsfreier, diskriminierungsfreier, ja ausschließlich schöner Ort“, sagt Bettina Rulofs, die das Projekt mit geleitet hat.

Gleichzeitig betonten die Forscher aber auch, dass die Mehrheit der Befragten überwiegend gute Erfahrungen gemacht hätten. Dies erscheint vorerst etwas widersprüchlich. Doch Dr. Marc Allroggen erklärt: "Sport hat ja viele positive Aspekte, und von daher ist es möglich, dass diese negativen Erfahrungen in Bezug auf die positiven Erfahrungen im Sport deutlich geringer bewertet werden."

Auch in Berlin und Brandenburg Fälle

Auch Berliner Vereinsmitglieder waren Teil der Studie. Für den Präsidenten des Landessportbundes Thomas Härtel ist die Forschung sehr wichtig: "Sexualisierte Grenzverletzungen, Belästigungen und Gewalt im organisierten Sport müssen konsequent aufgedeckt und bekämpft werden. Wir haben uns als Landessportbund Berlin an der Studie beteiligt, weil wir Transparenz brauchen, um zu wissen, wo wir noch gezielter gegensteuern müssen und welche weiteren Maßnahmen notwendig sind."

Schließlich gab es auch schon in Berlin prominente Fälle, bei denen vor allem junge Vereinsmitglieder zu Opfern wurden. So wurde vergangenen Dezember ein Judo-Trainer aus Tegel wegen sexueller Übergriffe in 20 Fällen schuldig gesprochen. Im Mai 2020 begann der Prozess gegen einen Angel-Trainer aus Kladow. Auch ihm wurde sexueller Missbrauch in mehreren Fällen vorgeworfen. Über Jahre hinweg soll er dazu seine Position im Verein ausgenutzt haben.

Und auch in Brandenburg kommt es immer wieder zu Vorfällen. "Es gibt momentan mehrere laufende Gerichtsprozesse, wo es um Missbrauch im Sport geht," sagt der Bildungsreferent der Brandenburgischen Sportjugend Steffen Müller.

Landessportbunde sind gefragt

Auf der Suche nach Problemlösungen werden vor allem die diversen Sportbunde eine große Rolle übernehmen müssen. In einer weiteren kleinen Teilstudie gaben immerhin mehr als die Hälfte der Verbände an, über fundierte Kenntnisse zur Vorbeugung sexualisierter Gewalt zu verfügen. "Wir nehmen die Zahlen ausgesprochen ernst. Sie sind ein weiterer Auftrag für uns, unsere bisherigen Anstrengungen auf dem Gebiet zu intensivieren und zu verfeinern," sagt die hauptamtliche Kinderschutzbeauftragte des Landessportbunds Berlin Meral Molkenthin. "Aus meinen Beratungsgesprächen mit Betroffenen, Verbänden und Vereinen können wir ein zunehmendes Bewusstsein und eine gestiegene Sensibilität für das Thema herauslesen. Das hilft uns bei der Prävention und Aufklärung von Fällen. Wichtig war, dass zahlreiche Vereine und Verbände sich sofort nach Veröffentlichung um unser Kinderschutzsiegel beworben haben und alle Auflagen dafür erfüllen wollen."

Das Kinderschutzsiegel vergibt der LSB seit vergangenem Jahr an Vereine und Verbände, die verschiedene Präventionsmaßnahmen umsetzen. Die Einhaltung dieser wird dann regelmäßig geprüft. Und genau diese Maßnahmen sind für die Kinderschutzbeauftragte entscheidend, um dem Problem entgegenzuwirken. "Wir müssen die Vereine für das Thema sensibilisieren, Kinderschutzbeauftragte benennen, Führungszeugnisse einsehen und Kinder und Jugendliche in ihren Rechten bestärken und ihnen sagen, was richtig und was falsch ist und wo sie sich Hilfe holen können," sagt Molkenthin.

Vor allem die Position der Beauftragten sei eine entscheidende in den Vereinen. Opfer von sexualisierter Gewalt würden sich als erstes oft an Vertrauenspersonen wenden. "Es wäre gut, wenn diese Personen dann von den Kinderschutzbeauftragten wissen würden und sich an diese wenden können, um weitere Schritte einzuleiten und Hilfe zu bekommen," so Molkenthin. Außerdem sollen Trainerinnen und Trainer regelmäßig und verbindlich an Schulungen zu dem Thema teilnehmen und einen Ehrenkodex unterzeichnen.

Bei den aktuellen Zahlen liegt aber noch eine ganze Menge Arbeit vor den Landessportbunden. Es bleibt zu hoffen, das die gesteigerte Sensibilität und die getroffenen Präventionsmaßnahmen so schnell wie möglich greifen und die Sportlerinnen und Sportler zukünftig besser geschützt sein werden.

Sendung: rbb24, 6.11.2021, 22 Uhr

10 Kommentare

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  1. 10.

    Gut, dass endlich nach und nach auch solche Themen mehr in Angriff genommen werden. Seine Kinder aus Angst, es könnte etwas passieren, nicht mehr in Vereine zu schicken, ist glaube ich aber nicht die richtige Lösung. Kinder sind viel stärker als man denkt und wenn man ihnen als Eltern alles mitgibt, damit sie erkennen und es den Eltern mitteilen, wenn ein Erwachsener oder Jugendlicher etwas Unangemessenes macht, kann man ihnen entsprechend helfen, denjenigen anzeigen, etc.. Es gibt heute soviele Möglichkeiten. Das Schlimmste was man tun kann, ist es, sie damit alleine zu lassen. Kinder können an allen erdenklichen Orten Verbrechern begegnen, deshalb ist dieses Risiko quasi schwer zu vermeiden, wenn man seine Kinder nicht rund um die Uhr selbst betreuen will. Traurig aber wahr.

  2. 9.

    Solche Artikel schüren irrationale Ängste und solche "Studien" sind völlig kontraproduktiv.

  3. 8.

    Es macht die Sache vielleicht nicht besser, aber die Konklusio ist dann doch ganz offensichtlich, dass man die begrenzten Ressourcen zur Bekämpfung sexualisierter Gewalt vielleicht an einer anderen Stelle effektiver einsetzen kann.

  4. 7.

    Der Artikel und die Kommentare lassen mich als Mitglied eines Schulfördervereines ratlos zurück. Kein Ehrenamtler will zu solch einem „flächendeckenden Missbrauchssystem“ dazugehören...und auch im Bekanntenkreis will man sein Ehrenamt besser verbergen?

  5. 6.

    So hart es klingt; ich weiß schon, warum ich meine Kinder nie in einen Verein gelassen habe. Ich habe zu sehr Angst davor.

  6. 4.

    Sie meinen, wenn es außerhalb noch mehr sind, macht es die Sache besser? Nach dem Motto, wo anders ist es noch schlimmer? Es geht hier um Sportvereine.

  7. 3.

    Onlineerhebungen sind doch wertlos. Selection bias pur.

    @rbb, ihr müsst doch bei solchen Meldungen wenigstens noch dazuschreiben wie viele Menschen ausserhalb des untersuchten Lebensbereichs Opfer von sexualisierter Gewalt werden. Vielleicht ist es ja in den Vereinen viel besser als im restlichen Leben, ohne Vergleichszahlen kann man das als Leser doch gar nicht einschätzen.

  8. 2.

    Woher wissen Sie, dass Ihre Freunde nie belästigt oder missbraucht wurden? Denken Sie wirklich, die hätten Ihnen das erzählt? Viele Mädchen und Jungen schämen sich, fühlen sich schuldig, haben fürchterliche Angst und fühlen sich schlecht noch Jahrzehnte später. Manche schaffen es nie darüber zu reden, manche erst im Erwachsenalter oder wenn sie selbst Kinder bekommen.
    Es ist schön, dass Sie selbst nicht Opfer wurden. Doch seihen Sie sich bitte bei Ihrem Umfeld nicht so sicher. Ich habe auch erst 30 Jahre später geredet. Zu spät.

  9. 1.

    Ich war als Kind in mehreren Sportvereinen ( Tischtennis ,Leichtathletik, Judo , Turnen ) , ich hatte immer tolle Trainer . Ich hatte auch nur Sportlehrer , nie , nie wurden ich oder meine Freunde von einem Trainer /Lehrer belästigt , es gab keine Übergriffe oder Missbräuche !
    Ich bin immer wieder schockiert so etwas zu lesen . Die Quantität dieser Straftaten ist enorm !

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