Im Rang des Schachgroßmeisters - Auf der Suche nach Konkurrenz

Sa 20.11.21 | 12:30 Uhr | Von Shea Westhoff
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Schachspielerin Elisabeth Pähtz. Quelle: Sascha Fromm
Bild: Sascha Fromm

Vor Kurzem erreichte die Berliner Schachspielerin Elisabeth Pähtz sensationell den Titel des Schachgroßmeisters. Hierzulande fliegt sie dennoch weitgehend unterm Radar, genau wie die Sportart. Das müsse sich ändern, findet Pähtz. Von Shea Westhoff

Die Wahl-Berlinerin Elisabeth Pähtz führt seit diesem Monat den ultimativen Adelstitel im Welt-Schach: "Großmeister". Eine weitere Ehrung für Deutschlands beste Schachspielerin. Eigentlich eine Sensation. Allerdings wohl weit größere Bekanntheit erlangte Elisabeth Pähtz hierzulande mithilfe eines TV-Sketchs – den sie in ihrer Kindheit gemeinsam mit dem Entertainer Hape Kerkeling aufzog. Herausgekommen ist eine der hochkarätigsten Blödeleien, die Kerkeling je verzapft hat.

Die 14-jährige Pähtz besiegte den FC Bayern

20 Jahre später kann man den Sketch online schauen [youtube.com]. Und der kleine Film verrät bereits einiges über ihre unbekümmerte, teils forsche Spielweise, für die sie heute bekannt ist. Im Clip zu sehen ist Hape Kerkeling mit Topf-Frisur und gewaltigem Schnurrbart. Der Komiker mimt einen Schachgroßmeister, setzt in dieser Rolle reihenweise ambitionierte Bundesliga-Schachspieler des FC Bayern matt – quasi im Vorbeigehen. Und schickt noch hanebüchene Spötteleien hinterher ("Sind Sie Schwede? Sie spielen wie ein Schwede.").

Was seine fassungslosen Rivalen nicht ahnen: Über einen Knopf im Ohr ist der vermeintliche Großmeister mit der damals 14 Jahre jungen Elisabeth Pähtz verbunden, die ihm jeden Zug souffliert.

"Ich musste bei dieser Sendung extrem lachen, weil er sich so sehr daneben benahm - ich konnte mich fast nicht mehr konzentrieren", erinnert sie sich beim Telefonat mit rbb|24. Zum Glück, sagt sie, war ihr Vater Thomas zur Unterstützung dabei, ebenfalls ein Schachgroßmeister. Vor der Sendung hatte sie sich noch mit Kerkeling für etwa zwei Stunden getroffen, damit sie ihm zur Vorbereitung die Grundbegriffe des Spiels erklären konnte. "Er wusste wirklich sehr wenig von Schach", erzählt sie.

Gleichzeitig "Großmeisterin" und "Großmeister"

Damit geht es Kerkeling allerdings wie den meisten Deutschen, die den jüngsten Coup von Pähtz gar nicht mitbekommen haben dürften. Die 36-Jährige erreichte vor knapp zwei Wochen bei der WM-Vorausscheidung im lettischen Riga sensationell den zweiten Platz. Und sicherte sich damit ihre dritte Titelnorm zum Großmeister.

Großmeisterin darf sie sich schon seit ihrem 16. Lebensjahr nennen. Der Rang des "Großmeisters" erfordert zusätzliche 200 der sogenannten "Elo-Punkte" – vereinfacht: Turnierpunkte. Der Rang des Großmeisters wird in der deutschen Sprache nicht gegendert. Im Klartext: Pähtz führt nun die beiden unterschiedlichen Titel "Großmeisterin" sowie "Großmeister" gleichzeitig.

"Mein Ziel in Riga war eigentlich nur, gut genug abzuschneiden, damit ich mich für den höher gestuften Grand Prix qualifizieren kann", sagt Pähtz. "Das war meine Priorität." In der letzten Runde fiel ihr dann auf, dass die favorisierte Gegnerin Bibisara Assaubajewa aus Kasachstan zu Spielbeginn ein paar taktische Fehlentscheidungen traf. Der Berlinerin wurde plötzlich bewusst, dass sie die Partie tatsächlich gewinnen kann – und spielte auf Sieg. Mit Erfolg. Es war der nötige Schub zum Großmeister-Rang.

Geld machte sie außerhalb von Deutschland

Dass davon die wenigsten Notiz nahmen hierzulande, liege vor allem an dem vergleichsweise geringen Status, welchen man dem Schachspiel beimisst. "In Russland und vielen anderen ehemaligen Sowjetrepubliken hat das ja einen ganz anderen Stellenwert", sagt sie. Ikonen wie Garri Kasparow und Anatoli Karpow dienten als prominente Gesichter einer ganzen Sportart, die in den entsprechenden Nationen einen zusätzlichen Boom auslösten. In Deutschland würden diese Identifikationsfiguren weitgehend fehlen.

Bezeichnend auch, dass Pähtz ihr Geld hauptsächlich bislang außerhalb von Deutschland verdienen musste, etwa mittels der Teilnahme an den Schach-Ligen Russlands, Frankreichs oder der Türkei. Durch die Pandemie herrschte dann auch dort Stillstand. Als alternative Einnahmequelle gab Pähtz Schachkurse. "Das hat mir sehr viel Freude bereitet", sagt sie. Nur könne sie es derzeit nicht mehr machen, weil die Schachsaison wieder Fahrt aufgenommen hat. "Die Schach-Lehre will ich aber wieder aufnehmen."

Noch keine Gratulation erhalten

Gerade ist sie in Slowenien bei der Team-Euromeisterschaft. Gut laufe es, das Ziel, unter die Top-6 zu kommen, sei für die deutsche Mannschaft nach wie vor erreichbar.

Doch den deutschen Schachsport sieht sie insbesondere im Frauen-Schach noch auf einem weiten Weg. Bei den Frauen ist sie unbestrittene Nummer eins, was ihr allerdings fehlt, ist die nationale Konkurrenz. Nur etwa zehn Prozent der Schachspieler hierzulande seien weiblich, sagt sie. Ein Nachwuchs-Shootingstar - wie bei den Männern der aufstrebende Vincent Keymer - fehle bei den Frauen bislang.

Immerhin, sagt sie, der Deutsche Schachbund (DSB) erhöhe mittlerweile seine Anstrengungen, um das Frauen-Schach zu fördern. Aber Pähtz betont, dass der Verband alleine nicht ausreiche, um Schach und insbesondere Frauen-Schach in die Gesellschaft hineinzutragen. Bezeichnend: Während die Fußballer hierzulande teilweise für zweite und dritte Plätze von Politikern geehrt werden, habe sie bislang für keinen ihrer Titel eine Gratulation erhalten.

Es ist die Hoffnung auf mehr Popularität für die gesamte Sportart, auch ohne Hape Kerkeling.

Sendung: Inforadio, 16.11.2021, 10:15 Uhr

Beitrag von Shea Westhoff

7 Kommentare

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  1. 7.

    ...auch die den Strom leiten? ... Zu schnell geantwortet? Die Mehrdeutigkeit macht es aus ;-)
    #“HarryFuncore“: im Schach-Wettkampf gibt es keine Geschlechtertrennung. De facto aber schon, weil die Verbände einfach Frauenmeisterschaften ausgerufen haben, um leichter an Titel und Fördertöpfen zu kommen...Ein solcher Nachteil für Frauen ist kurioserweise dann eine riesige Anerkennung, wenn man den Großmeistertitel, so wie hier beschrieben, erringt.Die Aufwertung ist so gesehen, größer als bei Männern wahrgenommen.

  2. 5.

    Mich wundert es vor allem, dass es beim Schach überhaupt eine Geschlechtertrennung gibt. Beim Fussball und beim Boxen sehe ich das ja ein, aber beim Schach sollte das >Geschlecht eigentlich keine Rolle spielen...

  3. 4.

    Aber alle die es wissen, fühlen sich angesprochen... Das ist der Beweis, dass Bildung ...
    Das sehr elegant geschlechtsneutrale Plural ist so gut, dass sogar Funktionsbezeichnungen sich dahinter verbergen können: So können „die Leiter“ Menschen sein aber auch Metall. Besser geht es nicht.

  4. 3.

    Ich finde es höchst interessant, dass Sie meinen zu wissen, dass beim Plural in der männlichen Form alle mitgemeint sind. Ich als Frau fühle mich sogar häufig nicht mitgemeint oder angesprochen. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch - ich bin nicht dafür unsere Schriftsprache konsequent durchzugendern - Stichwort Lesefluss usw.
    Aber es gibt auch elegantere Wege, alle anzusprechen, die die deutsche Sprache nicht unlesbar machen. Lehrende statt Lehrer zB.

  5. 2.

    Na ja, der rbb24 berichtet ja hier über eine großartige Leistung. Nur suggeriert er auch fälschlicher- und absurderweise am Begriff "Großmeister", das es eine "Gendersprache" gibt. Es gibt nur eine richtige Grammatik! "Im Plural sind ja wirklich alle gemeint: "Die Doktoren"; "Die Professoren" und "Die Großmeister" schließt alle Geschlechter ein und für Frauen ist es sehr diskriminierend und manche fühlen sich sogar gehänselt, wenn weibliche "Gender*innen" mit ihrer eigenen, regellosen und willkürlichen Sprachform die Männer ausschließen würden und somit dann titelabwertend daher kommen. Noch diskriminierender wird es, wenn man Negatives nur Männern zuordnet: "Mörder*innen" z.B.

  6. 1.

    Gratulation. Und mit der Bekanntheit von Schach ist es genauso wie mit andern Sportarten. Die Deutschen ( Sender und Streaminganbieter ) kennen ( fast ) nur Fußball.

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