Gleichberechtigung von Frauen im Sport - Mann hat es überall leichter

Sa 13.11.21 | 10:29 Uhr | Von Ilja Behnisch
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Das olympische Feuer wird in Peking präsentiert (imago images)
Audio: Inforadio | 11.11.2021 | Tabea Kunze | Bild: imago images

Bei den Olympischen (Sommer-)Spielen von Tokio 2021 waren immerhin 48,3 Prozent der insgesamt knapp 11.000 Startplätze für Frauen reserviert. Doch an anderer Stelle im Sport kann von Gleichberechtigung noch lange keine Rede sein. Von Ilja Behnisch

"Dabei sein ist alles", lautet das inoffizielle Motto der Olympischen Spiele. Es stammt vom französischen Baron Pierre de Coubertin, der als Wegbereiter der Olympischen Spiele der Neuzeit gilt. Und hätte einen Zusatz gut vertragen: "Sofern man ein Mann ist." Frauen waren bei der Erstauflage der Spiele im April 1896 schließlich nur als Zuschauerinnen zugelassen.

Gleichberechtigung als Stückwerk

Erst nach und nach öffnete sich das Internationale Olympische Komitee (IOC) für den Gedanken der Gleichberechtigung. Auch dank der französischen Ruderin Alice Milliat, die ihr Schicksal 1921 selbst in die Hand nahm, den Frauensportbund FSFI (Fédération Sportive Féminine Internationale) gründete und zwischen 1922 und 1934 Weltfrauenspiele veranstalte. Die Konkurrenz-Unternehmung ließ den IOC umdenken.

Mit den Olympischen Spielen 1928 in Amsterdam durften Frauen auch in Wettbewerben der Leichtathletik starten. Mit der vollständigen Gleichberechtigung war es aber auch dann nicht sonderlich weit her. So durften Frauen erst seit 1996 auch olympisch Fußball und seit 1998 Eishockey spielen. Seit 2012 dürfen sie in den Boxring und seit 2002 in den Bob steigen. Mit den Spielen von London 2012 gab es erstmals in allen olympischen Sportarten auch Frauen-Wettkämpfe.

Kaum Trainerinnen im deutschen Olympiateam

Dass trotzdem noch immer viel zu tun ist, verdeutlichte unlängst Petra Tzschoppe, Vizepräsidentin für Frauen und Gleichstellung des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB). Auf einer vom Landessportbund Berlin initiierten Podiumsdiskussion sprach Tzschoppe von "ernüchternden Zahlen".

Zwar sei bei den Olympischen (Sommer-)Spielen in Tokio 2021 erstmals eine Parität erreicht worden bei der Anzahl der Athleten und Athletinnen. Abseits davon sind die Zahl jedoch in der Tat ernüchternd. "Im Team Deutschland waren acht Prozent Trainerinnen", so Tzschoppe.

Schaut man auf alle Teilnehmerländer der Spiele in Japan, so ergibt sich ein Anteil von durchschnittlich 13 Prozent. Aus deutscher Sicht ließe sich immerhin noch darüber freuen, dass acht Prozent schon ein gehöriger Zuwachs ist zu den überhaupt nur zwei weiblichen Trainern des deutschen Teams bei den Winterspielen 2018 (2,5 Prozent von 80).

Für Britta Steffen, zweifache Olympia-Siegerin im Schwimmen, die ebenfalls auf dem Podium zum Thema "Gleichstellung von Frauen* im Sport?!" saß [youtube.de], liegt diese Diskrepanz auch in der gesamtgesellschaftlichen Aufgabenverteilung begründet. Gerade Mütter schrecke das viele Reisen und die Arbeit am Wochenende ab. Und auch Leistungssportlerinnen mit Kind hätten es noch immer sehr schwer: "Selbst wenn die Väter viel Elternzeit übernehmen, ist das für die weniger schädigend in der Karriere und im Lebenslauf", so Steffen.

 

Deutliche Benachteiligung auch in der Berichterstattung

Doch nicht nur auf den Trainerposten, auch bei den Funktionären und Schiedsrichtern sähe das Bild nicht anders aus, so Petra Tzschoppe vom DOSB. Immerhin, der IOC besteht inzwischen zu 37,5 Prozent aus Frauen. Ganz ordentlich für einen Weltverband, der erst 1981 damit begann, nicht nur Männer zuzulassen.

Doch die Ungleichbehandlung von Frauen im Sport zieht noch weitere Kreise. So offenbart der Bericht der 16. Frauenvollversammlung des DOSB [gleichstellung.dosb.de] unter der Schirmherrschaft von Petra Tzschoppe, dass lediglich "zehn bis 15 Prozent der Sportberichterstattung Athletinnen gewidmet ist". Demnach seien Frauen im Sport nicht nur immer noch schlechter bezahlt als ihre männlichen Kollegen, sondern auch weniger sichtbar. Kein Wunder, dass zwar 42 Prozent der in Deutschland lebenden Jungen im Alter von sechs bis 13 Jahren sportliche Vorbilder benennen könne, aber nur vier Prozent der Mädchen.

"Dabei sein ist alles" gilt eben auch 125 Jahre nach den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit nur bedingt.

Sendung: inforadio, 11.11.2021, 19.15 Uhr

Beitrag von Ilja Behnisch

1 Kommentar

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  1. 1.

    Danke für den Artikel! Es ist nicht als Benachteiligung von Frauen zu sehen, dass es überwiegend Männer sind, die sich für sportliche Ereignisse besonders interessieren und eben mehr für den Sport in ihrer "Gewichtsklasse"! Das ist m. E. Der Grund für weniger Berichterstattung, weil es weniger Publikum interessiert und Quoten zahlen und zählen daher.
    Die Frauen müssen sich Respekt und Interesse eben auch erobern, genau wie Männer in sogenannten "Frauenberufen" bisher kaum etabliert sind! Es dauert leider etwas, aber es kommt. Etwas mehr Optimismus wäre hier schön! Schönes WE

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