Union verliert gegen Rotterdam - "Wir haben uns selbst geschlagen"

Fr 05.11.21 | 08:38 Uhr | Von Till Oppermann
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Fußball: UEFA Europa Conference League, 1. FC Union Berlin - Feyenoord Rotterdam, Gruppenphase, Gruppe E, 4. Spieltag, Olympiastadion. Berlins Genki Haraguchi (l) kämpft gegen Fredrik Aursnes von Feyenoord Rotterdam um den Ball. (Quelle: dpa/Andreas Gora)
Audio: Inforadio | 05.11.21 | Stephanie Baczyk | Bild: dpa/Andreas Gora

Die 1:2-Niederlage gegen Feyenoord Rotterdam lässt den 1.FC Union frustriert zurück. Individuelle Fehler und eine passive Anfangsphase kosteten die Eisernen wichtige Punkte im Europacup. Nicht die bessere, sondern die reifere Fußballmannschaft gewann. Von Till Oppermann

Will man Union Berlins bisherige Auftritte im Europapokal mit einem Schlagwort zusammenfassen, lautet es "Lehrgeld". Das knappe 1:2 am Donnerstagabend gegen Feyenoord Rotterdam am vierten Spieltag der UEFA-Conference-League war bereits die dritte vermeidbare Niederlage der Eisernen in diesem Wettbewerb.

Zum Start einer Bundesligasaison mit 34 Ansetzungen kann man sich solche Startschwierigkeiten problemlos erlauben. Weil im Europapokal aber bekanntlich sechs Partien über den Einzug in die nächste Runde entscheiden, steht Union vor einer schweren Aufgabe. Das weiß auch der Mittelfeldmann Rani Khedira, der nach dem Abpfiff im Olympiastadion auf die verbleibenden Spiele gegen Haifa und Prag blickte: "Wir müssen weitermachen und versuchen unsere Minichance zu nutzen."

Union fehlt die nötige Disziplin

Ähnlich niedergeschlagen wie Khedira, dem man seine Enttäuschung ansah, als er mit leiser Stimme und schlammiger Hose die Fragen der Reporter beantwortete, wirkte auch sein Trainer Urs Fischer. "Vor allem das Ende, das gefällt mir gar nicht", schimpfte der Schweizer und meinte damit keinen der zahlreichen verheerenden individuellen Fehler seiner Hintermannschaft, sondern "die beiden roten Karten." Mitten in der Schlussphase, als die Berliner auf den Ausgleich drückten, kassierten Kapitän Christopher Trimmel und Cedric Teuchert innerhalb von zwei Minuten zwei unnötige Platzverweise für Unsportlichkeiten.

Weil Trimmel einen Ball wegwarf und seine zweite gelbe Karte sah und Teuchert fünf Minuten nach seiner Einwechslung nachtrat, fehlen beide nicht nur im wichtigen nächsten Spiel, sondern raubten ihrem Team auch die Chance, in den verbleibenden Minuten noch den Ausgleich zu erzielen. Diese Disziplinlosigkeit stand stellvertretend für Unions größten Nachteil gegenüber den abgezockten Niederländern.

Verglichen mit Feyenoord, das Dauergast im Europapokal ist, ließen die Eisernen wie schon im Hinspiel wichtige Merkmale ihres Spiels wie Konzentration und Ruhe sowohl gegen den Ball als auch bei der Chancenverwertung vermissen. Am Donnerstag gewann nicht die bessere, sondern die reifere Fußballmannschaft. Urs Fischer analysierte den Spielverlauf gewohnt schnörkellos: "Wenn du keine Tore schießt und dann den Gegner noch so einlädst, verlierst du internationale Spiele."

Taktisch hat Union zu wenig aus dem Hinspiel gelernt

Schon in der Anfangsphase entstand der Eindruck, dass Fischer und seine Spieler nicht genug aus der Hinspielniederlage gelernt hatten. Denn bereits vor zwei Wochen offenbarte sich, dass Feyenoord zwar mit kombinationsstarken Offensivspielern wie Linssen, Sinisterra, Til oder Toornstra gesegnet ist, aber die Abwehr um die Innenverteidiger Senesi und Trauner zu Fehlern neigt. Trotzdem verzichteten die Unioner darauf, aggressiv in der gegnerischen Hälfte anzulaufen, um Druck zu erzeugen. Das passive Pressing ab der Mittellinie gab den Rotterdamern genug Platz, um in Ruhe das Spiel aufzubauen. Union gelang es in dieser Phase selten, Gegenspieler in Zweikämpfe zu verwickeln. Anstatt aktiv zu stören, bewegte sich die Fischer-Elf passiv rückwärts. Der nach seiner Covid-Erkrankung wiedergenese Marvin Friedrich mokierte: "Wir haben die ersten 25 Minuten verschlafen."

Diese Erkenntnis ist besonders bitter, wenn man den ersten Gegentreffer durch Sinisterra genauer betrachtet. In der gesamten Szene befanden sich die Unioner in der Rückwärtsbewegung. Erst störten weder der am eigenen Strafraum postierte Stürmer Kevin Behrens noch Mittelfeldspieler Levin Öztunali im Rückraum Feyenoords Kökcü, der sich in der Folge zwanzig Meter vor dem Tor im Stand aussuchen konnte, welchen seiner Mitspieler er einsetzen wollte. Weil gleichzeitig Union-Innenverteidiger Paul Jaeckel als letztes Glied seiner lethargischen Mannschaft viel zu tief im Strafraum das Abseits aufhob, spielte Kökcü Linssen an, dessen ungestörter Abschluss aus der Drehung am Pfosten landete. Sinisterra verwandelte dann den Nachschuss. Robin Knoche, der als einziger Köpenicker auf den Abpraller reagierte, kam zu spät.

Am Ende schlägt Union sich selbst

Erst nach dem Rückstand schienen die Berliner Rotterdams Schwächen zu erinnern. Während Union in den ersten 20 Minuten nach jedem gewonnenen Zweikampf einen oft unerreichbaren langen Ball in die gegnerische Hälfte schlug, begann die Mannschaft angetrieben vom umtriebigen Mittelfeldmotor Genki Haraguchi trotz der schlechten Platzverhältnisse nach dem Dauerregen am Donnerstag flach zu kombinieren und mehr Druck auf Rotterdams Spielaufbau einzuüben.

Erfolgreich, denn noch vor der Pause wurde eine der Druckphasen nach mehreren Flanken in den Strafraum und schnellen Ballgewinnen in der gegnerischen Hälfte belohnt. Kapitän Trimmel erzielte mit einem herrlichen Distanzschuss den Ausgleich. Mit dem Erfolgserlebnis im Rücken sei die Mannschaft echt gut aus der Halbzeit gekommen, beteuerte Friedrich, aber: "Wir hatten viele Chancen, nutzen die aber nicht." Auch bei der Chancenauswertung und den zahlreichen Kontern fehlte die Konzentration, zu viele Abschlüsse waren zu hektisch oder zu ungenau.

Und so kam es, wie es kommen musste. Nachdem Torwart Andreas Luthe in der 71. Minute mit einem Chipball auf Friedrich sehenswert Feyenoords erste Pressingreihe ausgehebelt hatte, spielte Empfänger Friedrich nicht nach vorne, sondern entschied sich trotz der schlechten Platzverhältnisse und der aufgerückten Rotterdamer dafür, zurück nach hinten zu spielen.

Eine Station später war der Ball wieder bei Luthe, der ausrutschte und so Feyenoords Stürmer Dessers die leichte Chance zum Siegtor servierte. Khedira nahm ihn in Schutz: "Auf so einem Platz passiert sowas." Alle Fans der Eisernen können sich nur wünschen, dass die Mannschaft die Gründe für die Niederlage ebenso reflektiert bespricht. Denn die Niederlagen gegen Feyenoord resultierten nicht aus fehlender fußballerischer Klasse. Robin Knoche machte den Anfang: "Wir haben uns selbst geschlagen."

Sendung: rbb24, 04.11.2021, 21:45 Uhr

Beitrag von Till Oppermann

8 Kommentare

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  1. 8.

    Ja, das Spiel wirkte vor allem in der 1. HZ etwas unentschlossen. Und wie es in der Kurzanalyse richtig beschrieben wird, brachte dieser Mischmasch aus Lang- und Kurzspiel zunächst kaum Erfolg. Wobei Rotterdam das in dieser Phase aufgrund seiner internationalen Erfahrung schon clever gespielt hat. Später wurde es besser, aber uns fehlt doch noch einiges für Spiele gegen Gegner, die solche Wettbewerbe schon häufiger bestritten haben.

    Ich würde das jetzt nicht mal unbedingt auf eine falsche Taktik von Fischer schieben wollen, denn im Prinzip waren beide Mannschaften insgesamt gesehen ziemlich gleichwertig - und ein Unentschieden wäre angemessen gewesen.

  2. 7.

    Zitat: "Sobald man Union nicht in den höchsten Tönen lobt, wird man von vielen Unionern gleich als "Hater" oder - noch besser - Herthaner abgestempelt."

    Versuchen Sie es doch einfach mal mit fundierter Kritik an der Spielweise oder mw. auch am Verein oder den Fans. Ich bin mir sehr sicher, dass Sie dafür nicht als Hater o. ä. abgestempelt werden. Und dass an der zumeist unsachlichen Kritik am Verein und dessen Fans hier - auf das Spiel der Mannschaft wird ja so gut wie nie eingegangen, weil das wohl zu anstrengend ist - Gegenrede der Unioner erfolgt, ist doch klar, ne Karl.

  3. 6.

    Ich bin seit einigen Jahren Union-Fan aus vollem Herzen. Aber immer noch kritisch genug, die Realität zu sehen. Und die besagt: Europacup ist (momentan) einfach eine Nummer zu groß. Und die Taktik, die Urs Fischer verordnet hat (pressen, ein bisschen, und das erst ab der Mittellinie, ist mir vollkommen schleierhaft. Auch, dass Gießelmann und Awo erstmal auf der Bank saßen - großes Fragezeichen. Bei mir.

  4. 5.

    Im Text nirgends, dass Union ein herausragendes Spiel abgeliefert hat und trotzdem verloren hat. Besser ist ein Vergleich (eine 5+ ist besser als eine 5) und sagt nichts über die eigentliche Qualität aus. Und ja, Union war besser vom Spiel her, war aber schlechter im Abschluss und hat Chancen über Chancen ausgelassen. Rotterdam war einfach abgezockter und hat aus diesem Grund gewonnen. Nicht weil sie besser als Union gespielt haben. Im übrigen war vor 2 Wochen Rotterdam wirklich besser. Gestern nicht.

  5. 4.

    Ich merke nur mal an, dass ich nicht auf seine Union-Kritik geantwortet habe, denn es interessiert mich wirklich reichlich wenig, was er dazu zu sagen hat, wenn er denn was dazu sagen würde.
    Ich habe lediglich auf die pauschale, grund- und haltlose "Feststellung" bzw. rethorische Frage zum Umgang das RBB bzw. "der Unioner" geantwortet.

    Zu Ihrer Aussage mit "Hater" oder "Hearthaner" kann ich nichts sagen. Habe das so noch nicht festgestellt, aber könnte sein, dass Ihre Beobachtung richtig ist.

  6. 3.

    Nein, "Herr" hat schon Recht. Sobald man Union nicht in den höchsten Tönen lobt, wird man von vielen Unionern gleich als "Hater" oder - noch besser - Herthaner abgestempelt. Und ob Union kritisiert wird, interessiert eben doch nicht nur "Herr" selber, so wie Sie es schreiben, sondern auch Sie selbst - sonst hätten Sie "Herr" ja nicht geantwortet, oder?

  7. 2.

    weil es über das gesamte Spiel betrachtet eben nicht so war. Schon mal daran gedacht?

    In einigen Aspekten war Feyenoord deutlich besser, z.B. im Kurzpassspiel, beim Umgang mit diesem versifften Rasen. Über das gesamte Spiel gesehen machte Rotzendamm eben den reiferen, aber nicht besseren Eindruck. Ich finde die Analyse des Autors kompetent, detailreich und treffend.

    und ob du Union oder den RBB oder sonstwen kritisierst, interessiert doch keinen ausser dich selbst ;-)

  8. 1.

    Mal wieder sehr subjektiv… „nicht die bessere, sondern die reifere“. Warum kann seitens des rbb und auch Unions nicht einfach mal zugegeben werden, dass Feyenoord besser ist?

    Rhetorische Frage. Erwarte vom RBB eh keine Antwort und die der Unioner kann ich schon vorhersagen. Das übliche Blabla mit persönlichen Anfeindungen gegen alle, die Union auch nur ansatzweise kritisieren.

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