Gerechtes Remis gegen Freiburg - Union und Freiburg sind die Zwillinge der Bundesliga

Do 16.12.21 | 08:37 Uhr | Von Till Oppermann
  4
Mehrere Spieler des 1. FC Union Berlin bedanken sich am 15.12.2021 bei den Fans (Bild: imago images/Matthias Koch)
imago images/Matthias Koch
Bild: imago images/Matthias Koch Download (mp3, 2 MB)

0:0 im letzten Heimspiel der Hinrunde - da könnte man denken, der 1. FC Union kann nicht zufrieden sein. Doch es war ein 0:0 gegen den SC Freiburg - hier bestimmten die Ähnlichkeiten beider Teams das Spiel. Auch wenn Union mehr wollte: Das Remis ist gerecht. Von Till Oppermann

Der Freiburger Keven Schlotterbeck machte dem 1. FC Union am späten Mittwochabend nach seiner Rückkehr ins Stadion an der Alten Försterei eines der größten Komplimente, die es für die Eisernen geben kann: "Hier einen Punkt mitzunehmen, ist Gold wert."

Nach umkämpften 90 Minuten gegen den SC Freiburg endete das Spiel mit 0:0. Ein gerechtes Remis, räumte Unions Rani Khedira ein. Aber: "Es hätte auch 2:2 oder 3:3 ausgehen können". In der Tat lieferten sich beide Mannschaften ein unterhaltsames Spiel mit vielen Chancen. Schon in der 70. Minute, als die Köpenicker ihren 13. Abschluss hatten, übertraf Union den eigenen Saisonschnitt von zwölf Torschüssen pro Spiel. Aber auch die Freiburger hatten klare Gelegenheiten. Die letzte vereitelte Torwart Andreas Luthe, nachdem sein Kollege Nico Gießelmann ausgerutscht war und Gäste-Rechtsverteidiger Lukas Kübler in der Nachspielzeit frei im Strafraum auftauchte.

Das Unentschieden ist trotz Unions Engagement gerecht

Betrachtet man nur die Expected Goals (erwartete Tore), verwundert die Zufriedenheit Khediras mit dem Punkt. Schließlich hatten die Unioner in dieser Statistik mit 3,18 zu 0,87 klare Vorteile. Zurecht kritisierte Kapitän Christopher Trimmel, seiner Mannschaft habe die Effizienz gefehlt. "Ein Tor musst du hier machen", klagte der Österreicher. Aber auch er merkte an: "Sowohl wir als auch Freiburg hatten gute Chancen." Dass sich darüber trotz der statistischen Diskrepanz von 18 zu neun Schüssen für Union alle Akteure einig waren, erklären die Zeitpunkte der besten Gelegenheiten der Freiburger. Denn neben Küblers Großchance kurz vor Spielende waren die Badener auch direkt nach der Halbzeit klar im Vorteil.

Wer weiß, wie die zweite Hälfte verlaufen wäre, wenn Vincenzo Grifo die Gäste 30 Sekunden nach Wiederanpfiff in Führung gebracht hätte. Obwohl Union in der Nachbetrachtung mit 73 Prozent Ballbesitz die deutlich aktivere Mannschaft war, dominierten die Freiburger zwischen der 46. und 65. Minute das Spiel. Sie setzten sich am Strafraum vor Luthe fest, Union konnte sich nicht befreien und es schien, als sei ein Gegentor nur eine Frage der Zeit. Erst eine eher zufällig entstandene Dreifach-Chance im Fünfmeterraum brachte Urs Fischers Team zurück in die Partie. Er resümierte: "Im zweiten Durchgang hätte das Spiel in beide Richtungen kippen können."

Mit Haraguchi kommt die Intensität

Dass seine Mannschaft das verhindern konnte, war nicht zuletzt Fischers Verdienst. Gegen Freiburg verzichtete er auf seinen Spielmacher Max Kruse. Nach der langen Vorrunde habe das mit dessen fehlender Frische zu tun, rechtfertigte sich der Schweizer.

Kruses Ersatz, der etwas defensivere Genki Haraguchi läuft im Durchschnitt pro Spiel knapp zwei Kilometer mehr als sein Kollege. Insbesondere gegen den SC Freiburg war das ein Vorteil, der die fehlende Genialität des Max Kruse aufwog. Einerseits in der Defensive, wo es Haraguchi mit seinen Kollegen Grischa Prömel und Rani Khedira durch kluges Verschieben gelang, den Freiburger Aufbau über die spielstarken Innenverteidiger Philipp Lienhardt und Kevens kleinen Bruder Nico Schlotterbeck zum Erliegen zu bringen. Andererseits in der Offensive, wo Haraguchi mit Tiefenläufen hinter Vincenzo Grifo und Christian Günther immer wieder Räume für seine Mitspieler öffnete.

"Die wussten genau, wie sie spielen müssen", lobte Keven Schlotterbeck am Sky-Mikrofon ebenjene Sprints von Haraguchi. Diese Einsatzfreude fiel Urs Fischer nicht nur bei Haraguchi positiv auf. Er hoffe, man hätte gesehen, mit welcher Intensität beide Mannschaften gespielt haben, sagte er.

Auch Christopher Trimmel und Andreas Luthe benutzten diese Vokabel in ihren Interviews. Der Torhüter wartete nebenbei mit einem interessanten Vergleich auf: "Freiburg ist uns in seiner Spielweise und in der Intensität gar nicht so unähnlich." Tatsächlich eint beide Teams mehr als nur die taktische Formation mit drei Innenverteidigern und die ähnliche Platzierung in der Tabelle.

Freiburg ist Unions Vorbild

Sowohl Freiburg als auch Union versuchen ihre vergleichsweise geringen finanziellen Mittel mit kontinuierlicher Arbeit auszugleichen. Mit Christian Streich und Urs Fischer trafen die beiden dienstältesten Trainer der Bundesliga aufeinander. Obwohl beide Klubs regelmäßig Spieler verkaufen müssen, spielen ihre Mannschaften im Kern seit Jahren zusammen. Der SC Freiburg ist längst in der Bundesliga etabliert, der 1. FC Union befindet sich auf dem besten Weg dahin. Auch weil sich beide Trainer darauf verlassen können, dass ihre Spieler zumindest "talentfreie" Tugenden wie Laufbereitschaft, Disziplin und angemessene Zweikampfhärte in jedem Spiel abrufen. Vielleicht erklärt diese Parallele, warum letztlich auch Christopher Trimmel trotz der mangelhaften Chancenauswertung versöhnliche Worte fand: "Es war ein gutes Spiel von zwei Mannschaften, die eine sehr gute Mentalität haben."

Sendung: Inforadio, 16.12.2021, 7:45 Uhr

Beitrag von Till Oppermann

4 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 4.

    Der SCF hat im sportlichen Bereich ja auch einen gewissen zeitlichen Vorlauf. Wenn Union weiterhin so gut arbeitet, wird man dort in einigen Jahren ebenfalls einen höhren Gesamtwert des Kaders haben, noch dazu die Transferpolitik - wie auch in Freiburg - in den letzten Jahren eine sehr gute ist.

    Aber es stimmt schon, als Zwillinge würde ich aufgrund der zeitlich zueinander versetzten Abläufe in beiden Vereinen die beiden auch nicht unbedingt beschreiben. Als Geschwister im Geiste allerdings schon. Wobei in manchem der SC und in anderen Dingen der 1.FC Union der/die ältere ist, je nachdem um welchen Bereich es geht.
    Es waren gestern so viele Eindrücke im Stadion, die mich an meinen Heimatverein erinnert haben und auch andere Freiburger haben das Gespräch mit mir in diese Richtung gelenkt.

    Jedenfalls war es ein sehr schöner Abend, man hat sich als Gast willkommen bei Freunden gefühlt. Und an diesem Eindruck hätte auch eine Niederlage des SC nichts geändert.

  2. 3.

    Sehr ungleiche Zwillinge!
    Marktwert der Freiburger Spieler: 132 Mio. €
    Marktwert der Unionspieler: 78 Mio. €
    (Quelle: Stadionheft von gestern)

  3. 2.

    Sehr guter Artikel, Till Oppermann.

  4. 1.

    Damit ist alles gesagt.Ein herausragender Bericht.

Nächster Artikel