Interview | Berliner Poker-Weltmeister Koray Aldemir - "Das Pokerface wird überschätzt"

Di 07.12.21 | 12:15 Uhr
Koray Aldemir nach seinem Sieg bei der Poker-WM in Las Vegas. Quelle: imago images/ZUMA Wire
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Acht Millionen Dollar gewann der Berliner Koray Aldemir bei der Poker-WM in Las Vegas. Wie es für ihn mit dem Pokern damals losging, warum er so erfolgreich ist und wie er die Weltmeisterschaft erlebt hat, erzählt er im Interview.

rbb|24: Koray Aldemir, wo erreichen wir Sie?

Koray Aldemir: Ich bin immer noch in Las Vegas. Beziehungsweise schon wieder. Ich war nach der WM für ein paar Tage in Florida, dort fand eine andere Turnier-Serie statt. Es waren aber auch einige meiner Freunde vor Ort, sodass ich die Turniere gespielt, aber auch ein bisschen die Sonne genossen habe. In Las Vegas habe ich jetzt noch ein paar Dinge zu organisieren, spiele allerdings auch noch ein paar Turniere.

Zur Person

Koray Aldemir nach der Poker-WM in Las Vegas. Quelle: imago images/ZUMA Wire
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Koray Aldemir wurde 1990 in Berlin geboren.

Für ein BWL-Studium zog es ihn zunächst nach Cottbus.

Anschließend begann er ein Studium der Psychologie in Wien, wo Aldemir seitdem lebt.

2016 erzielte er erstmals große Gewinne im Pokern.

Bei der WM vor zwei Wochen in Las Vegas setzte er sich im Finale gegen den US-Amerikaner George Holmes durch und gewann rund acht Millionen Dollar.

Nach dem großen Gewinn der Poker-WM geht es also mehr oder weniger ohne Pause für Sie weiter.

Ja, zumindest ein bisschen. Hier gibt es jeden Tag Turniere, die werde ich natürlich nicht alle mitspielen, aber eben ein paar. Hier sind die Covid-Zahlen im Moment auch niedriger als in Europa, deswegen bleibe ich schon noch ein bisschen hier. Weihnachten möchte ich dann aber zurück sein. Ich wohne jetzt schon seit einigen Jahren in Wien, ich bin dort 2012 zum Studium hingegangen. Meine Heimat bleibt aber Berlin, meine Eltern leben dort, deswegen bin ich auch an Weihnachten gerne dort.

Ihr Gewinn der Poker-Weltmeisterschaft vor einigen Wochen hat große Schlagzeilen gemacht. Sie haben acht Millionen Dollar gewonnen, damit - und darüber reden wahrscheinlich die meisten Menschen - auf einen Schlag für das ganze Leben ausgesorgt. Wie geht es Ihnen damit?

Mir geht es gut. Das hat auf jeden Fall einige Dinge verändert. Man muss dazu sagen, dass ich auch in den Jahren zuvor viel und um hohe Summen gepokert habe. Die WM war aber schon mit Abstand das Größte. Zum einen ist der Weltmeister-Titel, der zwar nicht unbedingt mit anderen Sportarten vergleichbar ist, weil er "nur" ein großes Turnier von vielen ist, das ich gewonnen habe. Zum anderen ist natürlich die Geldsumme super - das ist klar. Ich verstehe auch, dass darüber beim Pokern immer am meisten geredet wird.

Wir haben es schon angesprochen: Sie sind in Berlin aufgewachsen. Wann und wie haben Sie Ihre Liebe fürs Pokern entdeckt?

Ungefähr 2006 wurde Pokern in Deutschland populärer und lief zum Beispiel im Fernsehen. Ich wollte eigentlich nur Fußball gucken, da lief aber Pokern und ich dachte mir: Was soll der Blödsinn? (lacht) Wir haben dann aber auch mal mit Freunden gespielt und ich hatte das Gefühl, dass ich ganz gut darin bin. Ich war schon immer ganz gut mit Zahlen und habe gerne Spiele gespielt. Das ist eine ganz gute Mischung. Es wurde dann Schritt für Schritt mehr. Wir haben mit Freunden gespielt und während meines ersten Studiums in Cottbus habe ich jemanden kennengelernt, der mehr oder weniger professionell gepokert hat. Dadurch wurde es dann immer mehr, in Wien habe ich dann schließlich noch mehr Menschen aus der Szene getroffen.

Sie sagten bereits, dass Sie gut mit Zahlen umgehen können. Was ist insgesamt die Eigenschaft, die Ihnen beim Pokern am meisten weiterhilft?

Das ist gar nicht so einfach zu beschreiben. Wenn man so will, ist es alles Mathe. Aber nicht erschrecken: Ich muss keine Formeln auswendig lernen oder Karten mitzählen. Es ist eher intuitive Mathematik. Es hilft auf jeden Fall sehr, ein Gefühl für Wahrscheinlichkeiten zu haben. Ich rechne am Tisch aber nicht groß herum. Auch Erfahrung und die Fähigkeit, seine Gegner einschätzen zu können, hilft natürlich. Wobei das Pokerface immer ein bisschen überschätzt wird - das spielt eigentlich keine so große Rolle. Die Wenigsten verraten mit ihrem Blick, was sie für Karten haben.

Wann wurde Ihnen klar, dass Sie vom Pokern leben können?

Ich habe angefangen, in Cottbus BWL zu studieren. Ich habe mich dann aber doch dagegen entschieden und in Wien mit Psychologie gestartet. Zu der Zeit habe ich schon ein bisschen gepokert - hauptsächlich online. Da ging es noch nicht um die ganz großen Beträge, ich habe mir aber schon ein bisschen fürs Studium dazuverdient. Peu à peu wurde es dann mehr. 2013 waren dann auf einmal einige Freunde von mir sehr erfolgreich. Die haben schon sehr viel Geld damit gemacht. Da habe ich mir gedacht: Wenn die das können, kann ich es vielleicht auch. (lacht) Irgendwann musste ich mich entscheiden, ob ich das Pokern - zu Lasten des Studiums - intensiver verfolgen möchte. 2016 hatte ich dann die ersten richtig großen Gewinne. Da wurde klar, dass es eine gute Entscheidung war.

Behält man während eines Turniers die Relationen im Überblick? Macht man sich darüber Gedanken, dass gerade Hunderttausende Dollar über den Tisch wandern?

Es ist natürlich schwer, das ganz auszublenden. Idealerweise macht man sich darüber natürlich gar keine Gedanken, sondern versucht, perfekt zu spielen (lacht). Es ist aber trotzdem eigentlich immer mit dabei. Insbesondere ab dem vierten, fünften Tag, wenn die Beträge immer größer werden. In den USA ist Poker noch etwas populärer und wird auch im Fernsehen übertragen. Dann ist eben immer eine Kamera-Crew dabei. Man ist also schon voller Adrenalin, nachts schläft man schlechter während eines solchen Turniers.

Im WM-Finale gegen den US-Amerikaner George Holmes spitzte sich das Turnier dann zu, das Endspiel ging rund viereinhalb Stunden. Es ging um alles. Wie fühlt sich das an?

Nach dem fünften Tag waren nur noch 100 Leute von insgesamt 6.600 Spielern im Turnier. Am siebten Tag waren schon nur noch neun Leute dabei. Da weiß man dann schon: Okay, ich bin jetzt unter den besten neun von 6.600. Zu diesem Zeitpunkt hatte dann auch schon jeder eine Million Dollar sicher. Da kann man dann nicht mehr wirklich verlieren. Ich hatte allerdings die beste Ausgangsposition. Ich war sehr aufgeregt, es kamen schon sehr viele Nachrichten von der Familie und Freunden und ich wollte gewinnen. Mir ging sehr viel durch den Kopf und trotzdem versucht man, sich zu konzentrieren. George ist übrigens kein Profi, sondern ein Amateur. Der hat echt gut gespielt. Es war nicht einfach und der Druck im Finale war sehr hoch. Ich bin schon relativ bekannt in der Poker-Szene und habe eben gegen einen Amateur gespielt. Da erwarten alle von einem, dass man gewinnt. Zum Glück hat das am Ende auch geklappt.

BWL-Studium in Cottbus, Psychologie-Studium in Wien, jetzt Poker-Weltmeister in Las Vegas. Da treffen schon recht deutliche Gegensätze aufeinander. Wie geht es jetzt für Sie weiter?

Das stimmt schon. Ich wollte früher immer in Berlin bleiben. Ein Psychologie-Studium wäre mit meinem NC in Berlin aber nicht möglich gewesen. Wie es weitergeht, weiß ich noch gar nicht. Die WM ist jetzt zwei Wochen her und ich war noch nicht zuhause. Ich werde jetzt nicht mit dem Pokern aufhören, aber es ist auch nichts, was ich mein ganzes Leben lang machen will. Dass ich noch weiter studiere, ist auch unabhängig von dem Turnier unwahrscheinlich. Mal gucken, darüber mache ich mir in Ruhe Gedanken.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Shea Westhoff.

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