Martin Schindler vor Darts-WM - "Ich habe gekämpft, das hat sich bezahlt gemacht"

Do 09.12.21 | 06:10 Uhr | Von Shea Westhoff
Martin Schindler
Bild: imago images/Beautiful Sports

Nach zweijähriger Abwesenheit hat sich Martin Schindler erneut für die Darts-Weltmeisterschaft qualifiziert. Eine neue Form des Trainings hat ihm dabei geholfen. In der ersten Runde trifft der Brandenburger gleich auf einen geschätzten Rivalen.

Seinem Höhepunkt steuert der Dartssport regelmäßig zum Jahresende entgegen, wenn die Metallpfeile durch den "Ally Pally" sausen, den ehrwürdigen Alexandra Palace im Londoner Norden. Dort feiern die Fans eine berüchtigte Party, mit Verkleidung und ordentlich Alkoholpegel. Und für den Randsport am wichtigsten: Die TV-Quoten schießen in die Höhe. Neben Christbaumschmücken und Weihnachtsgans hat sich das Darts-Weltturnier in vielen Wohnzimmern zur Familientradition gemausert.

"Pfeilschnell in die Weltspitze"

Auch deswegen sagt Martin Schindler im Gespräch mit rbb|24 vor der anstehenden WM (15. Dezember bis 3. Januar): "Die Vorfreude ist riesig." Der gebürtige Strausberger kann es kaum erwarten, "wieder auf der größten Dartsbühne der Welt zu stehen". Man spiele zwar als Dartsprofi das ganze Jahr über, aber das eigentliche Ziel jedes Spielers sei es, zum Jahresende in England dabei zu sein. In diesem Jahr, dem die Pandemie erneut ihren Stempel aufdrückte, sollen wieder die üblichen 3.000 Zuschauer den einzelnen Sessions beiwohnen können. Aus Deutschland sind außer Schindler auch Gabriel Clemens, Florian Hempel und Fabian Schmutzler bei der WM vertreten. Dort kämpfen insgesamt 96 Dartsspieler um das Preisgeld von 2,5 Millionen Pfund.

Schindler war bislang zweimal dabei im Ally Pally, 2018 und 2019. Beide Male musste er nach der ersten Runde seine Koffer packen. Trotzdem machten ihn die Teilnahmen bekannt. "Pfeilschnell in die Weltspitze", titelte der Spiegel. Und als Schindler 2019 bei den German Masters in Köln noch den damaligen Weltranglistenersten Michael van Gerwen aus dem Turnier warf, da gab es einen regelrechten Hype um den damals 22 Jahre jungen Brandenburger.

Doch dann lief es plötzlich nicht mehr für Schindler, der aktuell auf dem 69. Platz der Weltrangliste steht. Zweimal in Folge verpasste er die Weltmeisterschaft. Nach der vergeigten WM-Quali im vorigen Jahr ging Schindler hart mit sich ins Gericht: Ihm fehle "so ein Selbstbewusstsein oder Selbstvertrauen, enge Spiele zu gewinnen", sagte er damals. Der deutschen Dartshoffnung waren plötzlich ihre Grenzen aufgezeigt.

"Ein bisschen trainingsfaul"

Im Darts müssen Profis über eine wahnsinnige mentale Stärke verfügen, vielleicht noch mehr als in anderen Sportarten. Und Schindler konnte sein großes Talent zeitweise nicht mehr vollständig ans Board - die Scheibe - bringen. "Ich schaff das schon irgendwie", das sei damals seine Haltung gewesen, berichtet er im Gespräch mit rbb|24. Doch die Wahrheit war eine andere: "Ich war wirklich einfach ein bisschen trainingsfaul."

Mit der Zeit fand er einen neuen Zugang zu den Übungseinheiten: Weniger besinnungsloses Zielwerfen aufs Board, mehr Trainingsspiele, in denen er versuchte, genau wie unter Wettkampfbedingungen mehrere Stunden am Stück die Konzentration hochzuhalten. Außerdem begann er, praktische Situationen aus Matches zu simulieren. "Das effiziente Training hat mich vorangebracht", sagt er. Es "brachte eine ganz andere Sicherheit ans Board." Und: "Ich habe gekämpft, ich habe viel Arbeit reingesteckt, das hat sich bezahlt gemacht."

Die Nummer eins der Weltrangliste besiegt

Am 23. April 2021 gab es den Lackmustest. In der Europe Super League konnte er sich in einem packenden Fight mit 11:10 nervenstark gegen den von ihm sehr geschätzten Kontrahenten aus Dessau, Florian Hempel, durchsetzen – und sicherte sich damit das vorzeitige Ticket für seine dritte WM-Teilnahme. "Ich bin komplett over the moon", sagte der überglückliche Schindler damals.

Nun also das WM-Comeback, doch genau hier muss er in der ersten Runde wieder gegen Hempel antreten im unbarmherzigen K.o.-Modus der WM. Mit Hempel trifft sich Schindler auch abseits von Wettkämpfen gerne und tauscht sich aus. Einer von beiden wird die erste Runde nicht überstehen. "Eine gute Paarung ist das definitiv nicht", sagt Schindler deshalb. Aber: "Mein Ziel ist dasselbe, das sicher auch Florian hat: zu gewinnen."

Der Sieger des deutschen Duells trifft im Sechzehntelfinale auf den derzeit überragenden Belgier Dimitri Van den Bergh, Nummer fünf der Weltrangliste. Doch dass Schindler durch seinen neuen Trainingsehrgeiz wieder auf Betriebstemperatur ist und für Überraschungen sorgen kann, zeigte er vor wenigen Wochen: Beim Grand Slam of Darts im November besiegte er sensationell Gerwyn Price – den amtierenden Weltmeister.

Sendung: Inforadio, 08.12.2021, 12:15 Uhr

Beitrag von Shea Westhoff

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