E-Sports - Wie in Spandau das neue Zocker-Mekka entstehen soll

Do 02.12.21 | 11:03 Uhr | Von Shea Westhoff
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League of Legends
rbb UM6 | Philipp Büchner | Bild: League of Legends

Mit Eintracht Spandau entsteht im Berliner Randbezirk gerade das neue Zentrum der deutschen Gamer-Szene. Die Macher des Teams sind bereit, Millionen dafür zu investieren. Mit geschickter Strategie soll daraus eine Marke werden. Von Shea Westhoff

Noch sind die Büroräume des neuen E-Sports-Klubs Eintracht Spandau ein kahler Komplex. Ein blanker Betonboden, an vielen Stellen sind die Wände noch unverputzt. Und genau in diesem unvollendeten Gebilde sagt Johannes Gorzel selbstbewusst: "Das Thema E-Sports in Deutschland muss in unseren Augen weitergebracht werden." Gorzel ist Geschäftsführer des Klubs. "Das tun wir auch, indem wir geschäftlich neue Maßstäbe setzen."

Von Spandau aus die Szene aufwirbeln

Ab Januar 2022 soll der Klub in der höchsten deutschen Spielklasse des Computerspiels "League of Legends" antreten, in der sogenannten Prime League. Von Spandau aus soll der Verein die E-Sports-Szene aufwirbeln, so der Plan. Bis zu zwei Millionen Euro sollen investiert werden für Spieler und Marketing, es sind hierzulande neue Sphären für den E-Sports.

Ins Rennen geschickt wird das neue Gaming-Rhinozeros von der renommierten Marketingagentur Jung von Matt sowie der Spandauer Influencer-Agentur Instinct3. Da stellt sich die Frage: Was versprechen sich die Strippenzieher davon?

Um die Motive des Zocker-Start-Ups in Spandau besser einordnen zu können, sollte man sich die Dimensionen des Hypes um "League of Legends" (LoL) vor Augen führen, einem Computerspiel, bei dem es – vereinfacht gesagt – darum geht, auf einem virtuellen Spielfeld die Basis eines anderen Teams zu zerstören. 2015 fand das Finale der LoL-Weltmeisterschaft in der Berliner Arena am Ostbahnhof statt. 90 Sekunden brauchte es, dann waren sämtliche der 12.000 Zuschauer-Tickets vergriffen. Vor den Bildschirmen belief sich die Publikumszahl damals auf insgesamt 36 Millionen.

Das ist ein großer Markt mit nach wie vor immenser Werbekapazität, die es noch auszuschöpfen gilt. Eintracht Spandau - das im juristischen Sinne kein "Verein" ist, eher ein "Joint Venture" - will da nun ran.

Sein wie St. Pauli

Dabei ist die Mannschaft, die bei League of Legends aus fünf Spielern plus Ersatzleuten besteht, noch gar nicht komplett. Alles, was den neuen Klub derzeit ausmacht, ist eine großmaulige Imagekampagne, die über Pressemitteilungen, Instagram und Youtube läuft.

Eintracht Spandau "das St. Pauli des E-Sports", heißt es in einer Mitteilung, bezogen auf den hippen Hamburger Fußballverein. Mit Eintracht Spandau sei ein Team zu erwarten, das "identitätsstiftend", "emotional", "stylish" und vor allem "authentisch” sei. Es sind alles Attribute, die man normalerweise nicht mit E-Sports verbindet - und die natürlich auch im Fall Eintracht Spandau aus der Luft gegriffen sind. Aber darum geht es vor allem: den Klub bekannt zu machen, ihn zu einer Marke zu entwickeln. Dann, so das Kalkül, kommen auch die Geldgeber. "Wir haben ein Produkt, das einfach auch einen Wert hat für Werbetreibende", sagt Gorzel.

Gezielt wird in den Videos mit dem piefigen, kleinstädtischen Image des Berliner Randbezirks Spandau gespielt [youtube.com]. Dort soll das Team fest verwurzelt sein. "Wenn man sagt, das ist hier ein Seniorenheim als Bezirk, dann muss man sagen, nein, wir sind cool, wir sind hip", sagt Johannes Gorzel. Er ordnet in Zahlen ein, wie zentral das Marketing ist: Bis zu anderthalb Millionen Euro wolle der Klub im ersten Jahr allein dafür auszugeben. "Wir haben eine Content-Maschinerie", sagt er. Mit "Content" meint er unterhaltsame Videos und Social-Media-Posts über das Team – diese medialen Inhalte sollen Eintracht Spandau bekannt machen und ein positives Bild des Klubs zeichnen.

Influencer Max Knabe als Zugpferd

Die Gallionsfigur und das Gesicht des Klubs ist dabei Max Knabe, einer der Mitgründer von Eintracht Spandau, seit 2014 im Berliner West-Bezirk wohnhaft. In der Gaming-Szene firmiert er als "HandOfBlood" und gilt als solcher in Deutschland als reichweitenstärkster Gaming-Influencer. Seine mehr als zwei Millionen Follower, die er allein bei Youtube verzeichnet, bedeuten so auch reichlich Abnehmer für die Vermarkter rund um das E-Sports-Projekt.

Dass Eintracht Spandau unter den zehn E-Sports-Teams in der LoL-Prime League sportlich wohl zunächst keine allzu große Rolle spielen wird, geht bei dem Tamtam fast ein wenig unter. Aber das scheint bei Vorbild St. Pauli ja auch nicht oberste Prioritäten zu haben.

Sendung: rbb UM6, 02.12.2021, 18 Uhr

Beitrag von Shea Westhoff

3 Kommentare

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  1. 3.

    Ich kann den Gedanken verstehen. Sie müssen aber erkennen, dass zwischen zocken/daddeln und E-Sport Welten liegen. Auch renommierte Sport Universitäten ordnen E-Sport als Sport ein. Denn fürs spielen ist körperliche und vor allem geistige Leistungsfähigkeit enorm wichtig. Natürlich lässt es sich nicht mit Fußball, Handball oder anderen "klassischen" Sportarten vergleichen, aber dennoch kann man es als Sport einordnen.

  2. 2.

    Wie definiert man Sport eigentlich heute? Ich bin wohl zu altmodisch und denke immer noch an Körperertüchtigung in irgendeiner (möglichst gesunden) Weise. Und ja, mir ist klar, dass das schon vor dem Zocken am Bildschirm nicht bei allen "Sportarten" gegeben war. Aber hier kommt mir das Wort "Sport" ganz besonders verfehlt vor. Können unsere Kinder jetzt sagen "Ich mach jetzt mal Sport", wenn sie die Daddelkiste anwerfen?

  3. 1.

    Das werden wir ja sehen

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