Analyse zum Jahresausklang - Warum Union weiterhin so erfolgreich ist

Mo 27.12.21 | 12:05 Uhr
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Unions Trainer Urs Fischer gestikuliert, es schneit. Bild: imago-images/Contrast
Audio: Inforadio | 23.12.2021 | Lars Becker | Bild: imago-images/Contrast

Erfolgreiche Bundesliga-Saisons werden langsam zur Köpenicker Normalität. Union bleibt trotzdem beim Klassenerhalt als Ziel. Dabei entwickelte sich die Mannschaft in der Hinrunde spielerisch und wird jetzt mehr Ruhephasen bekommen. Von Till Oppermann

Wer regelmäßig die Bundesligaspiele des 1. FC Union verfolgt, wird sich kaum über Urs Fischers Musikauswahl vor selbigen wundern: "Ich höre immer die gleichen Lieder", berichtete der Schweizer im Podcast des Kickers und von Dazn über seine Playlist am Spieltag. Womöglich stimmt er sich damit auf seine Taktik-Ansprache ein. Fischer stellt seine Unioner so konsequent wie kein anderer Bundesligatrainer in ähnlichen Formationen auf.

In allen 17 Partien der Hinrunde setzte er auf drei Innenverteidiger, die von zwei sehr offensiv ausgerichteten Außenverteidigern auf den Flügeln flankiert wurden. Mit Erfolg. Obwohl die Eisernen wegen ihrer Teilnahme an der Uefa Conference League die meisten Pflichtspiele aller deutschen Profimannschaften absolviert haben, rangieren sie mit 27 Punkten in Schlagdistanz zu den europäischen Plätzen.

Enge finanzielle Grenzen für Union

Das Ziel lautet trotzdem weiter "Klassenerhalt". Man bleibe sich treu, rechtfertigte Fischer diese konservative Kommunikation kürzlich. Manchmal mag man es vergessen, aber die souveränen Köpenicker spielen erst die dritte Saison ihrer Vereinsgeschichte. Und trotz der Teilnahme im Europapokal bewegt sich Manager Oliver Ruhnert bei seiner Kaderplanung weiterhin in engeren finanziellen Grenzen als die meisten Konkurrenten.

Nicht zuletzt deshalb plant er, den großen Kader im Januar-Transferfenster zu verkleinern. Die ideale Größe seien 26 oder 27 Spieler, so Ruhnert. Um sich für die Dreifachbelastung aus Europacup, DFB-Pokal und Liga zu rüsten, bestritten die Eisernen die Hinrunde noch mit 31 Spielern.

Wie geht es auf dem Transfermarkt weiter?

Neben Laurenz Dehl, Suleiman Abdullahi, Keita Endo und Antony Ujah kamen auch Sommer-Neuzugänge wie Pawel Wszolek und Rick van Drongelen in der Hinrunde kaum zum Zug. Kapitän Christopher Trimmel sagte dazu: "Wir haben viele unzufriedene Spieler und die Conference League ist jetzt vorbei." Leihen und sogar feste Abgänge sind deshalb gut denkbar. Im Zweifel würden die Unioner wohl auf Ablösesummen verzichten, um Gehälter zu sparen.

Als erster Neuzugang kommt der gestandene Innenverteidiger Dominique Heintz vom SC Freiburg. "Er bringt uns mehr Variationsmöglichkeiten", kommentierte Oliver Ruhnert am Mittwoch. Vielleicht ist seine Verpflichtung bereits ein Vorgriff auf Marvin Friedrichs drohenden Abgang. Sowohl der Vertrag des Vizekapitäns als auch das Arbeitspapier des Dauerbrenners Robin Knoche laufen im Sommer aus.

Unions Präsident Dirk Zingler im Gespräch mit Manager Oliver Ruhnert. Bild: imago-images/Matthias KochViel zu tun? Unions Manager Oliver Ruhnert (rechts) will im Januar den Kader verkleinern.

Wo besteht weiterer Bedarf?

Ob ein neuer Innenverteidiger für die drittbeste Kopfballmannschaft der Liga (405 Duelle gewonnen) und eine der stabilsten Defensiven (sechs Spiele zu null) die nötigste Ergänzung war, darf durchaus diskutiert werden. Aber weil Heintz wegen seiner Reservistenrolle in Freiburg und seines bald auslaufenden Vertrages wohl sehr günstig war und er im Gegensatz zu seinen neuen Teamkameraden Paul Jaeckel, Timo Baumgartl sowie Friedrich und Knoche Linksfuß ist, wirkt der Transfer insgesamt sinnvoll.

Im Hinblick auf weitere Neuzugänge formulierte Ruhnert eine Bedingung: "Jemanden zu holen, der uns nur für die Rückrunde zur Verfügung steht, ist sicher nicht das Ziel." Sprich: Anders als noch bei den Leihen von Spielern wie Carlos Mane, Yunus Malli oder Petar Musa, sucht der Verein nur langfristige Verstärkungen.

Handlungsbedarf besteht dabei vor allem im Mittelfeld. Hier konnten Genki Haraguchi (4 Vorlagen) und Rani Khedira (4 Gelbe Karten) gemeinsam den Abgang des sowohl offensiv als auch defensiv schwer zu ersetzenden Robert Andrich abfangen. Obwohl Union mit 44 Prozent im Ligavergleich den drittwenigsten Ballbesitz verzeichnet, erspielte sich die Mannschaft mit einem guten Umschaltspiel zahlreiche Chancen.

Die Niederlage gegen Greuther Fürth gegen Ende der Hinserie zeigte allerdings schmerzlich, dass Union große Probleme bekommt, wenn ein Gegner tief steht und Räume für die Tiefenläufe der schnellen Stürmer Taiwo Awoniyi und Sheraldo Becker schließt. Aktuell fehlt im Spieler ein Kader, der sich mit seinem Dribbling im Eins-gegen-Eins durchsetzen kann, um enge Abwehrreihen zu knacken.

Die Entwicklung der Mannschaft

Sollte Ruhnert einen solchen Spieler im Januar nicht finden, wird sich Urs Fischers Mannschaft auch in der Rückrunde auf ihr gefährliches Flügelspiel verlassen müssen. Seit dieser Saison schalten sich die Außenverteidiger Christopher Trimmel und Nico Gießelmann noch regelmäßiger in die Offensive ein. Beide glänzten sowohl als Flankengeber als auch als Abnehmer am langen Pfosten.

Union schlug die drittmeisten Flanken der Liga (191), in der Folge gab die Mannschaft 69 Prozent der eigenen Torabschlüsse im Sechzehner ab. Im Aufbauspiel suchen die drei Innenverteidiger regelmäßig den langen Pass entlang der Seiten, um schnell in die gegnerische Hälfte vorzustoßen. Kaum eine Mannschaft in der Liga ist so gut darin, die gesamte Breite des Spielfeldes zu nutzen.

Auch gegen den Ball zeigten die Berliner in der Hinrunde ein verändertes Gesicht. Während sie in der Vergangenheit noch für ihr besonders hartes Spiel bekannt waren, kam Union in der Vorrunde defensiv mit weniger Zweikämpfen und Fouls aus. Mit 1.547 gewonnenen Zweikämpfen weist Fischers Team den geringsten Wert auf, 173 Fouls sind die drittwenigsten in der Bundesliga.

Das spricht einerseits dafür, dass sich das Positionsspiel der Mannschaft verbessert hat, die seltener in Duelle gehen muss, um den Ball zu gewinnen. Eine weitere Erklärung ist die gestiegene Belastung durch die zusätzlichen Spiele im Europapokal, die eine weniger intensive Spielweise erforderten.

Unterstützt wird diese These durch einige späte Punktverluste, als der Mannschaft beispielsweise gegen Köln oder Stuttgart die Kraft ausging. Nach dem Sieg in Bochum zum Abschluss der Hinserie sagte Urs Fischer: "Die Mannschaft ist phasenweise übers Limit gegangen." Gut möglich, dass Union sich durch längere Regenerationsphasen nach der Winterpause noch steigern wird.

Sendung: Inforadio, 23.12.2021, 8:15 Uhr

5 Kommentare

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  1. 5.

    Ja,eine gute Analyse.Jedes Jahr 7 - 8 Spieler zu holen ,die auch BL tauglich und zu Union passen,birgt ein gewisses Risiko.Corona u. der verschobeneStadionausbau hemmen die Entwicklung und der Rest (H1) ist für einige die Hoffnung u. Kaffeesatz Leserei.

  2. 4.

    Richtig starke sowie informative Analyse und Einschätzung! Bitte mehr davon.

  3. 3.

    Meine Einschätzung ist das Union genau so eine Rolle spielen könnte wie sc Freiburg Mainz 05 von denen man auch nicht gedacht hätte ,das sie sich in der Liga halten könnte
    Natürlich, ein bisschen recht haben sie auch,den Weg den sie beschreiben könnte Union gehen, wenn sie übermütig werden und die Einigkeit verloren geht
    Das passiert bei Hertha aber eher als bei Union
    Ich sehe es nicht, das Union abwärts geht

  4. 2.

    Meine Einschätzung ist es, dass Union noch zwei, drei Jahre Bundesliga genießt und dann wieder mit um den Abstieg spielt bzw. auch absteigen wird. Der Hype um Union ist schon ab bröckeln, da können auch Zinglerzynski und Co. nur auf Glück hoffen, dass der Abstieg nicht schneller kommt als einem lieb ist.

  5. 1.

    Weil bei Union eine Mannschaftliche und Vereinsinterne Geschlossenheit besteht, und das Geld, das sie haben gut investiert wird

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