Analyse | Hertha-Remis in Stuttgart - Licht und Schatten bei Korkuts Debüt

So 05.12.21 | 20:45 Uhr
Hertha-Trainer Tayfun Korkut beim Spiel in Stuttgart
Video: Max Zobel | Bild: imago images/Robin Rudel

Hertha BSC hat beim Debüt des neuen Trainers zum ersten Mal seit der vorletzten Saison nach einem Zwei-Tore-Rückstand gepunktet. Tayfun Korkuts Umstellungen sorgten für eine verbesserte Offensive, nach Ballverlusten war Hertha dagegen anfällig. Von Till Oppermann

Man sah Herthas neuem Trainer Tayfun Korkut nach den 90 Minuten am Sonntag gegen den VfB Stuttgart durchaus an, dass er einen anstrengenden Nachmittag hinter sich hatte. Anders als sein Vorgänger Pal Dardai trug Korkut an der Seitenlinie Anzug. Doch sein strahlend weißes Hemd war an der Seite etwas aus der Hose gerutscht.

"Man hat ja gesehen, was heute alles passieren kann", seufzte der Trainer im Interview bei DAZN. Angesichts des Spielverlaufs mit einem frühen Zwei-Tore-Rückstand ist Korkuts offensichtliche Erschöpfung nach Spielende nur verständlich. Man müsse der Mannschaft ein großes Kompliment machen, dass sie nach dem 0:2 so weitergespielt habe, sagte er. Es sei zwar mehr drin gewesen, aber "wichtiger als das ist, dass wir umsetzen konnten, was wir in der Woche trainiert haben." Viele Hertha-Fans werden ihm dabei wohl zustimmen. Zum ersten Mal seit 21 Monaten gelang es der Mannschaft, in einer solchen Situation noch zu punkten.

Der Mann des Spiels: Stevan Jovetic

Böse Zungen könnten behaupten, dass das Comeback nur wegen der Nachlässigkeit des Gegners möglich war. "Wir haben aufgehört, Fußball zu spielen, sind nicht mehr angelaufen", schimpfte etwa Stuttgart-Torwart Florian Müller. Aber das allein reicht nicht als Erklärung für Herthas Aufschwung. In seinem ersten Spiel hatte Korkut das Team in einer flachen 4-4-2-Formation aufs Feld geschickt. In der Doppelspitze durften Stevan Jovetic und Ishak Belfodil gemeinsam auflaufen. Eine goldrichtige Entscheidung.

Belfodil erzielte ein Abseitstor und bereitete Jovetics Ausgleich vor. Der wiederum war nicht nur weil er beide Hertha-Tore erzielte der beste Mann auf dem Platz. Jovetic zeigte, dass er der entscheidende Baustein für die Lösung von Herthas größtem Problem sein könnte. Vor Korkuts Amtsantritt befand sich der Ball nur 22 Prozent der Zeit in Herthas Angriffsdrittel. Das war der schlechteste Wert der Liga. Mit 9,8 Schüssen pro Spiel kamen die Berliner deshalb seltener zum Abschluss als alle anderen Teams.

Lob vom Mitspieler

Gegen Stuttgart gelangen den Herthanern 15 Torabschlüsse. Stevan Jovetic hatte daran großen Anteil. Denn der Stürmer lauerte nicht am Strafraum auf den entscheidenden Pass seiner Mitspieler, sondern ließ sich immer wieder in die Halbräume zwischen Mittelfeld und Abwehr fallen, um Angriffe selbst einzuleiten. Schaut man sich Jovetics Tore genauer an, wird klar wen Korkut meint, wenn er lobt, Hertha habe sich gut in den Räumen bewegt.

Vor dem 1:0 holte sich der Montenegriner den Ball von Innenverteidiger Jordan Torunarigha ab, bevor er aufdrehte, bis zu Stuttgarts Strafraum dribbelte und mit einem schönen Schlenzer in den Winkel traf. Vor dem Ausgleich setzt Jovetic 30 Meter vor dem Tor erst Linksverteidiger Marvin Plattenhardt ein, sprintete in den Strafraum und versenkte eine technisch anspruchsvolle Ablage seines Partners Belfodil im Tor. "Eine tolle Stürmerkombination", schwärmte Flügelmann Marco Richter.

Defensiv fehlte die Absicherung

Im Spiel nach vorne zahlte sich Tayfun Korkuts Systemumstellung also aus. Gerade die spielfreudigen Belfodil und Jovetic gaben ihren Mitspielern durch ständige Bewegung ganz neue Anspielstationen. Wie gut sie harmonieren, zeigte der Jubel nach dem Ausgleich. Anstatt abzudrehen und sich für seinen ersten Bundesliga-Doppelpack zu feiern, zeigte Jovetic freudestrahlend auf den Vorlagengeber und fiel Belfodil in die Arme. Man habe Charakter gezeigt, lobte der Goalgetter nach dem Spiel. Ganz zufrieden war Jovetic trotzdem nicht. "Natürlich wollten wir gewinnen", sagte er.

Dass es dazu gegen schwache Stuttgarter nicht kam, lag auch an zwei Schwächen vorn Korkuts 4-4-2. Während die Spieler im eigenen Ballbesitz sehr variabel verschoben und ihre Positionen wechselten, sollte die Mannschaft gegen den Ball mit zwei flachen Viererketten und engen Abständen verteidigen. Der Nachteil dieses Systems ist die fehlende Absicherung zwischen diesen Ketten. Gewinnt der Gegner den Ball, muss er höchstens zwei Reihen überspielen, um frei vor Alexander Schwolow in Herthas Tor aufzutauchen.

Ein altbekanntes Problem

Genau das geschah in der 15. Spielminute, als Jovetic am gegnerischen Strafraum gestoppt wurde und der VfB mit einem Pass durch die Mitte Stümer Omar Marmoush freispielte, der das zwischenzeitliche 1:0 erzielte. Anstatt ins Gegenpressing zu gehen, liefen alle Herthaner nur rückwärts. Wegen der fehlenden Staffelung in den flachen Viererreihen in Mittelfeld und Abwehr bestand keine Chance, den Konter so zu verteidigen.

"Wir machen vorne leichte Fehler und haben hinten nicht konsequent geschlossen", analysierte Marco Richter. Nur vier Minuten nach dem ersten Gegentor folgte das zweite durch Philipp Förster. Er verzichtete ganz auf den Pass, dribbelte 40 Meter durch eine große Lücke in der Feldmitte, während sich vier Herthaner vor ihm erneut nur nach hinten bewegten und traf zum 2:0. Das Loch in Herthas defensivem Mittelfeld ist ein altbekanntes Problem. Pal Dardai löst es zuletzt durch enge Abstände und einen Zehner im 4-2-3-1, dessen Hauptaufgabe es war, nach Ballverlusten ins Pressing zu gehen.

Die Arbeit geht weiter

"Das Spiel heute hat uns neue Erkenntnisse geliefert", kommentierte Korkut vielsagend. Bei seiner bisher letzten Trainerstation setzte er meist auf ein 4-4-2 mit Mittelfeldraute. Diese Formation könnte durch eine bessere Staffelung Abhilfe schaffen. Spätestens wenn Lucas Tousart und der kurzfristig erkrankte Suat Serdar wieder fit sind, wird er das wohl auch bei Hertha probieren.

Vielleicht sogar schon in der nächsten Trainingswoche. Man werde weiter an den Dingen trainieren, die ihm wichtig seien, kündigte Korkut an. Auf dem Plan stehen also Ballbesitzspiel und die defensive Stabilität. Die Motivation seiner Spieler scheint dem neuen Trainer dabei vorerst sicher zu sein. "Das Spiel macht Mut für die nächsten Wochen", sagte der kämpferische Marco Richter.

Sendung: rbb24, 05.12.2021, 22:00 Uhr

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