Groundhopping während Corona - Reisende Romantiker

Mi 22.12.21 | 12:13 Uhr | Von Shea Westhoff
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Sebatian Thiel und sein Sohn im Stadion von Piła (Polen)
Nachwuchs-Groundhopper: Der vierjährige Sohn von Sebastian Thiel im polnischen Piła | Bild: Privat

Groundhopping zählt zu den spezielleren Hobbys. Fußballverrückte tingeln zu den entlegensten Sportplätzen, sammeln sie wie andere Menschen Briefmarken. In Zeiten der Pandemie ist das besonders kompliziert. Warum tut man sich das an?

Bei einem Viertligaspiel auf Fuerteventura zeigte sich auf einem Fußballplatz, wie verrückt die Zeiten gerade sind. Im November machte Glen Roters auf der kanarischen Insel Urlaub, und natürlich besuchte er dort Fußballspiele, so, wie er es als sogenannter Groundhopper schon in mehr als 20 Ländern getan hat.

Bei diesem Hobby geht es darum, so viele Stadien wie möglich kennen zu lernen, egal welche Liga, egal welcher Verein. Was zählt, sind die besonderen Erlebnisse, Bekanntschaften zu schließen mit anderen Fans, die Eigenheiten einer fremden Fußballkultur kennenzulernen.

Spieler und Schiedsrichter mit Schutzmasken

Auf dem Fußballplatz von Fuerteventura sah Roters also, wie bei der Partie des CD El Cotillo gegen Las Longueras 22 Spieler dem Fußball hinterherjagten – und jeder von ihnen dabei eine Corona-Schutzmaske trug. Gleiches galt für den Schiedsrichter. Was bereits seltsam genug ist.

Allerdings hätten die Männer, wie Roters sich erinnert, die Masken nicht einmal über Mund und Nase gezogen, sondern lediglich übers Kinn. "Vielleicht, um sie schnell hochzuziehen, wenn die Polizei kommt?", überlegt Roters. Seine Spanischkenntnisse genügten jedenfalls nicht, um das seltsame Schauspiel zu enträtseln.

Das Stadion des CD Mensajero auf La Palma
Eines von Glen Roters' Lieblingsstadien: Der Platz des CD Mensajero auf La Palma, aufgenommen im Jahr 2016 | Bild: Privat

"Fahre nicht um jeden Preis irgendwohin"

Es ist eine der lustigeren Begebenheiten, die zeigen, dass natürlich auch das Groundhopping von der Pandemie betroffen ist. Im Gespräch mit rbb|24 berichten die Groundhopper Glen Roters sowie Sebastian Thiel davon, sie sind gute Freunde, beide Fans von Tennis Borussia Berlin. Sie touren, meist getrennt, durch die Stadien Europas und der Welt. Ihr ohnehin spezielles Hobby hat sich durch die Pandemie nochmals verkomplizert.

Das Coronavirus hat die Fußball-Arenen der Welt leergefegt, hat zeitweise den gesamten Spielbetrieb lahmgelegt, zudem hat sich vor allem über Europa ein Maßnahmen-Flickenteppich gelegt. Allein in Deutschlands Stadien gab es zuletzt wieder unterschiedlichste Einlassauflagen und Zuschauerbeschränkungen. All das sind große Hindernisse für Betreiber eines Hobbys, dessen Essenz das Reisen in andere Länder ist und der Besuch fremder Arenen.

Zu Vor-Corona-Zeiten seien die Planungen einer Stadiontour bereits kompliziert genug gewesen, berichtet Roters. Nun komme noch der Faktor Gesundheit hinzu. "Ich fahre nicht um jeden Preis irgendwohin", sagt der 45-Jährige. Hochinzidenzgebiete meide er. "Ich bin nicht wahnsinnig." Wenn ihm eine Gegend zu riskant vorkomme – das könne auch innerhalb Deutschlands sein – dann verzichte der aus dem brandenburgischen Falkensee stammende Roters lieber auf eine Reise.

Der vierjährige Sohn war schon 298 Mal dabei

Eine besonders harte Zeit war es, als im vergangenen Jahr plötzlich die Phase der Geisterspiele eingeläutet wurde. "Dann sitzt man plötzlich auf dem Trockenen", sagt Roters. Er konnte von Glück sprechen, dass er ab und zu für die "Fußballwoche" schreibt, dem traditionsreichen Berliner Fußball-Magazin. Im Zuge dieser Tätigkeit konnte er immerhin zu den Heimspielen der Fußballerinnen von Turbine Potsdam gehen – der zweiten Mannschaft. Seinen Sehnsuchtsort, die USA, wo er insbesondere die New Yorker Fußballklubs gern bereiste, kann er seitdem gar nicht mehr besuchen.

Die Leidenschaft für fremde Hobbys nachzuvollziehen, ist ja ohnehin eine komplexe Angelegenheit: Warum angeln Menschen? Warum betätigen sich andere im Seifengießen? Besonders herausfordernd ist es, die Motive von unerschütterlichen Stadiontouristen wie Glen Roters und Sebastian Thiel nachzuvollziehen: Es ist kostspielig, extrem zeitaufwändig, ja, es ist eigentlich kein Hobby mehr, sondern eine Lebensaufgabe.

Sebastian Thiel unternimmt seine Stadiontouren mittlerweile oft mit seinem vierjährigen Sohn. Um genau zu sein: 298 Mal waren sie schon gemeinsam bei Fußballspielen. Das startete zunächst in Berlin und dem Brandenburger Umland. "Meine Partnerin fand das gut", sagt der 41-Jährige. "Dann hatte sie auch mal freie Zeit von uns beiden", ergänzt er mit einem Lächeln. Und dem Vierjährigen gefalle es auch richtig gut. Auf einem Blog mit dem Titel "Der Nachwuchshopper" [facebook.com] berichtet Thiel von den gemeinsamen Vater-Sohn-Erlebnissen auf Fußballplätzen.

Probleme bei 2G-Regelung

Doch die familiären Fußball-Erlebnisse bleiben nicht unberührt von teils seltsamen Auslegungen der Corona-Schutz-Richtlinien: Neulich hat es Thiel und seinen Sohn nach Nordhessen verschlagen, zum TSV Steinbach-Haiger. "Beim Regionalligaspiel gab es eine 2G- und eine 3G-Tribüne", erinnert er sich. Das bedeutete: Auf einer Tribüne waren alle Zuschauer geimpft oder genesen. Der andere Rang war, so drückt Thiel es aus, die "Seuchentribüne", mit den Ungeimpften. Thiel ist geimpft, aber sein Sohn ist dafür noch zu jung. Auf Thiels Nachfrage, ob er mit dem Sohn dennoch auf die 2G-Tribüne dürfe, verneinten die Ordner. "Dann sind wir lieber gegangen, das war mir zu doof."

Radikale Fußball-Ästheten

Der spezielle Lebensstil wird unter Corona-Bedingungen noch unwägbarer. Was treibt Groundhopper wie Thiel und Roters an? Man würde sich wohl nicht allzu weit aus dem Fenster lehnen, wenn man beide als radikale Fußball-Ästheten bezeichnet.

Oder wie ist es anders zu erklären, wenn Roters folgendes vernichtendes Urteil über die Architektur von Deutschlands Fußballstadien fällt: "Wenn du samstags die Sportschau guckst, und du würdest die Farbe aus dem Fernseher rausdrehen - würdest also die Vereinsfarben nicht mehr sehen – dann bräuchtest du schon sehr gute Augen, um zu erkennen, ob das gerade in Duisburg oder Köln oder Hoffenheim stattfindet. Es sind alles langweilige Kasten-Stadien, alle gleich", sagt er. Im Prinzip habe das 2006 angefangen, "in der Zeitenwende", wie Roters sagt, wo die genormten Einheits-Stadien für die Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland aus dem Boden schossen.

Kumpel Sebastian Thiel pflichtet ihm bei: "Der individuelle Charakter, der die Stadien einst ausgezeichnet hat, der geht verloren", sagt er. Er nennt die Arena des Ostwestfalen-Klubs SC Paderborn als Beispiel: "Das Stadion gibt es baugleich noch mal in Polen, wirklich komplett nach dem selben Bauplan." Tatsächlich ist das "Städtische Stadion" der Stadt Gliwice dem recht rustikalen Paderborner Stadion-Quader eins zu eins nachempfunden.

Außerdem, so Thiel, befänden sich viele Stadien nun zehn Kilometer außerhalb des jeweiligen Stadtlebens, auf irgendeiner Weide. "Das macht dann keinen Spaß mehr, hinzufahren."

Yankee Stadium, New YorkEin Sehnsuchtsort von Roters: Das Yankee Stadium in New York. Quelle: privat

Comeback des Abenteuers

Lieber nimmt Thiel da die Reise nach Tschechien auf sich, das Land ist sein Lieblingsziel. "Das ist mittlerweile wie nach Hause kommen", sagt er. Sich eine tschechische Grillwurst und ein Bierchen besorgen, auf eine abgerockte Tribüne setzen, ein Fußballspiel anschauen, egal ob erste oder zwölfte Liga: "Es ist immer schön."

Thiel habe sogar etwas Tschechisch gelernt, um sich am Spielfeldrand mit den anderen Zuschauern zu unterhalten. Für die Bewohner sei dieses Setting das normalste der Welt. "Aber für mich ist es außergewöhnlich." Dann schickt er noch diesen schönen Satz hinterher: "Das ist es, warum man die Reise macht und mit einem unerklärlichen Glücksgefühl wieder nach Hause fährt."

Und in Zeiten der Pandemie? Natürlich müsse man da besonders vorsichtig sein, sich testen, Maske tragen, auf die unterschiedlichsten Einreisebestimmungen achten, betont Roters. Und wo vor der Pandemie alles so vergleichweise leicht planbar war, könne es nun immer passieren, dass neue Reise- oder Stadionbestimmungen die Planungen über den Haufen werfen. Aber da ließe sich immerhin, positiv ausgedrückt, sagen: "Es ist ein Comeback es Abenteuers." So, wie es der Ursprungsgedanke des Groundhoppings war.

Beitrag von Shea Westhoff

3 Kommentare

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  1. 3.

    Ja, ein Lockdown für die Umwelt wäre gut, dann verteilen sich die Viren nicht!

  2. 2.

    Alle bleiben zu Hause...für immer. Das ist die Lösung.
    Gute Nacht

  3. 1.

    Genau, wegen Corona schränkt er sich ein (wie nett), aber die Umwelt, ach das ist doch egal - sollen das doch die Kinder von heute ausbaden :-( Soviel zur Solidarität!

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