Hertha-Fan Helmut Klopfleisch in der DDR - "Das war wie Urlaub von der Diktatur"

Mi 01.12.21 | 08:23 Uhr | Von Lynn Kraemer
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Hertha-Anhänger Helmut Klopfleisch Foto: rbb/Hans-Jürgen Büsch
Bild: rbb/Hans-Jürgen Büsch

Helmut Klopfleisch ist sein Leben lang Herthaner. An seiner Fußballliebe konnten weder der Bau der Berliner Mauer noch die Stasi etwas ändern. Doch sie machte ihn zum Staatsfeind. Von Lynn Kraemer

Helmut Klopfleisch steht im Mittelkreis des Olympiastadions. Der 73-Jährige stützt sich links auf seiner Krücke ab. Er ist alleine im Stadion. Obwohl er im Laufe seines Lebens viele Stadien besuchte, blieb dem Berliner Fußballfan ein Abstecher ins Olympiastadion lange Zeit verwehrt.

Klopfleisch wurde in ein Berlin geboren, in dem es zwar die Sektoren gab, er aber aus Pankow in den Westen fahren konnte. Mit drei Jahren entdeckte er die Liebe zum Fußball. Als ihn sein Vater das erste Mal mit in die Plumpe nahm, kam die blau-weiße Liebe dazu: "Wenn damals Hertha angegriffen hat, dann war richtig Stimmung im Stadion und wenn der Gegner am Ball war, war Totenstille." Mit dem ASK oder Dynamo konnte er nichts anfangen: "Da gab es für mich eben nur Hertha."

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Hertha-Anhänger Helmut Klopfleisch, Bild: rbb/ Hans-Jürgen Büsch
rbb/Hans-Jürgen Büsch
43 min

Ein Herthaner und die Stasi

Ein glühender Hertha-Fan, ein leidenschaftlicher Anhänger der DFB-Elf und Bürger der DDR: Helmut Klopfleisch reiste nach dem Bau der Mauer seinen Lieblingsmannschaften hinterher – und geriet so ins Visier der Stasi.

Der Herthaner im Osten

Mit dem Mauerbau fielen die kurzen S-Bahn-Fahrten zu Hertha-Spielen im Stadion am Gesundbrunnen weg. Klopfleisch versuchte trotzdem, so nah wie möglich ans Stadion ranzukommen. Ausgestattet mit einem kleinen Kofferradio, das ihm seine Mutter Lilli geschenkt hatte: "Und dann habe ich stellenweise noch den Spielbericht gehört und dann noch die Geräusche von Hertha." Doch auch diese Freude wurde ihm und seinen Freunden bald genommen. "Dann wurden wir leider immer weggetrieben und weggeprügelt. Dann haben sie nachher sogar so einen Maschendrahtzaun gezogen", erzählt Helmut Klopfleisch.

Wenn ich Hertha BSC im Ostblock geguckt habe, das war wie Urlaub von der Diktatur.

Helmut Klopfleisch

Seine Hertha-Liebe schmälerte das nicht. Eher im Gegenteil. Seine Mutter nähte ihm aus FDJ-Hemden ein eigenes Trikot und eine blau-weiße Fahne. Klopfleisch nahm in seiner Jugend an heimlichen Fantreffen teil und begann später, der Mannschaft für ihre Spiele im Ausland hinterher zureisen. So lernte er auch die Spieler langsam besser kennen. "Wenn ich Hertha BSC im Ostblock geguckt habe, das war wie Urlaub von der Diktatur", sagt der Herthaner. Um an der Grenze nicht direkt abgewiesen zu werden, kamen auch seine Frau Marita, Sohn Ralf oder Mutter Lilli mit. Ein Familienurlaub war unauffälliger.

Bei Klopfleischs im Wohnzimmer

Trotzdem wurde die Stasi in den 70ern auf Helmut Klopfleisch aufmerksam. Ein Fußballfan, der unter großem Aufwand West-Teams anfeuerte, war nicht gerne gesehen. Der Kontakt zum Verein war so eng, dass auf dem Sofa der Klopfleischs auch immer wieder Spieler, Trainer und Offizielle Platz nahmen. "Wenn du in Westberlin rumgelaufen bist, hast du nie so Kontakt zu Fans gehabt, wie zu Kloppi. Weil da warst du ja abgeschirmt. Da kam ja nichts raus", erzählt Ex-Profi Jochem Ziegert, der heute Herthas U15 mittrainiert. Auch von diesen Besuchen wusste die Stasi. Im Haus lebte ein Spitzel.

Sogar zum FC Bayern und der Nationalmannschaft baute Helmut Klopfleisch Kontakte auf. Weil sich der Fan nicht von seinen Reisen abhalten ließ, wurde Klopfleisch der Ausweis entzogen. Er musste einen PM 12, auch bekannt als Verbrecherausweis, mit sich führen. Doch auch diese Einschränkung hielt ihn nicht von seinen Unterfangen ab. "Die wollten, dass ich Angst kriege", sagt der 73-Jährige, der oft spontan abgeholt wurde: "Und dann haben sie gefragt nach Namen. Ich habe nicht einen einzigen Namen gesagt. Dann wurde ich irgendwo hingebracht, angestrahlt, den Verhörmenschen hat man ja nur im Dunklen gesehen." Teilweise verschwand Helmut Klopfleisch tagelang. "Man musste einfach abwarten. Man war vollkommen verzweifelt", sagt seine Frau Marita.

Sohn Ralf gerät ins Visier

Die Akte von Helmut Klopfleisch soll sogar auf dem Schreibtisch von Erick Mielke gelegen haben. So sehr störte sich der Staat an dessen Freundschaft zu Beckenbauer, Rummenigge und Co. Irgendwann wurde auch Druck auf Ralf, den Sohn von Helmut und Marita, ausgeübt: "Ich sollte meine eigenen Eltern bespitzeln." Auf dem Schulweg wurde ihm damit gedroht, dass sein Vater ins Gefängnis kommen könne oder man ihm das Studium verweigern werde. Die Klopfleischs stellten einen Ausreiseantrag. Beide verloren ihre Arbeit. Helmut putzte Toiletten.

Am 29. Juli 1989 wurde die Familie schließlich vorgeladen. Gegen eine Gebühr von 25 Ostmark bekamen sie die Möglichkeit, noch am Tag auszureisen. Helmuts Mutter lag zu diesem Zeitpunkt im Sterben. Einen Aufschub gewährte die DDR nicht. Lilli gab Helmut ihren Segen, in den Westen zu gehen: "Dann kann ich in Ruhe einschlafen." Vier Tage nachdem die Familie über den Übergang Invalidenstraße die DDR hinter sich gelassen hatte, starb Lilli.

Familie Klopfleisch (Bild: rbb/Hans-Jürgen Büsch)Familie Klopfleisch: Helmut mit seiner Frau Marita und Sohn Ralf.

Freiheit aber kein Frieden

Für die Klopfleischs begann ein neues Leben. Helmut Klopfleisch konnte sein erstes Spiel im Olympiastadion besuchen. "Wir waren froh und glücklich, dass wir hier in der Freiheit waren. Und konnten endlich mal frei überall hinfahren, konnten frei zum Fußball ohne Angst zu haben, dass einer einen fotografiert oder anschwärzt." Wenig später fiel die Mauer. Beim Aufstiegsspiel war der Hertha-Fan als Ordner im Stadion dabei.

Wir konnten endlich mal frei überall hinfahren, konnten frei zum Fußball ohne Angst zu haben, dass einer einen fotografiert oder anschwärzt.

Helmut Klopfleisch

Doch eine gewisse Frustration und Wut über das Erlebte bleibt. Helmut, Marita und Ralf Klopfleisch wollen als Opfer der Diktatur anerkannt werden und eine Entschädigung. Bisher hatten sie keinen Erfolg. "Anders als Verhöhnung kann ich das nicht nennen. Ich bin total enttäuscht von der Handhabung", sagt Ralf Klopfleisch. Die Familie besitzt mehrere prallgefüllte Aktenordner mit abgelehnten Anträgen. Auch sie sind Teil der Fußballgeschichte von Helmut Klopfleisch.

Der Film "Ein Herthaner und die Stasi" von Jens Arndt läuft am Mittwoch, 01.12.2021, um 22:15 Uhr im rbb Fernsehen.

Sendung: rbb Doku & Reportage, 01.12.2021, 22:15 Uhr

Beitrag von Lynn Kraemer

8 Kommentare

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  1. 8.

    Sehr geehrter Stefan H.,
    so sehe ich es auch. Mich hatte man Mitte der 1987 auch als „Staatsfeind“ degradiert, indem man mir den Perso entzog und eben diesen PM12 gab. Mir wurde ebenfalls ein Spitzel in den Nacken gesetzt. Im Oktober 1988 kam ich in die Kinder-unbd Jugendpsychiatrie Uchtspringe bei Stendal und dann im Januar 1989 in den Jugendwerkhof „August Bebel“ nach Burg/b. Magdeburg. Ich kann mich quasi in die Situation von Herrn Klopfleisch reinversetzen da ich es selber durchmachen musste.
    Mit freundl. Grüßen

  2. 7.

    Wollen wir als Wessi wirklich urteilen ?
    Moralisch finde ich es mies, aber mehr wie 24 Stunden war ich damals nie drüben

  3. 6.

    Auch Ihnen empfehle ich, den Text noch einmal ganz langsam zu lesen. Achten Sie dabei auf die Worte: "prallgefüllte Aktenordner". Das fällt ihm sicher nicht "jetzt nach 31 Jahren" ein.

  4. 5.

    Ich gehe davon aus, dass Sie lesen können. Also fehlt Ihnen anscheinend tatsächlich die Empathie, um sich in die Situation der Familie hineinzuversetzen. Die sterbende Mutter war nicht so hartherzig.

  5. 4.

    Ganz zum Schluß wird die Katze aus dem Sack gelassen.
    Es geht letztendlich um eine Entschädigung, um "Knete". Fällt ihm jetzt nach 31 Jahren ein.
    Kann er sich aus dem "beschlagnahmten" SED Vermögen auszahlen lassen, hat ja auch bei TESLA in Grünheide geklappt.

  6. 3.

    Wollen Sie besser noch mal langsam lesen?
    Aber der Entschädigungswunsch scheint nicht ausreichend begründet. Abgelehnte Anträge sind nirgendwo ein Grund...

  7. 2.

    Die sterbende Mutter allein zurücklassen? Wie pervers ist das denn? Solche Typen dürfen NIE irgendeine Entschädigung erhalten!

  8. 1.

    Das was uns in der Ostzone, der sogenannten "DDR", angetan worden ist sollten wir niemals vergessen! Danke nochmal an RIAS und SFB!

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