Fußball - Wie Viktoria Berlin mit 41 Teams auf die Jugend setzt

Sa 25.12.21 | 11:48 Uhr | Von Stephanie Baczyk
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Pierre Tampier, Jugendspieler bei Viktoria Berlin. / rbb
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Audio: Inforadio | 08.12.2021 | Stephanie Baczyk | Bild: rbb

Viktoria Berlin hat die größte Jugendabteilung der Hauptstadt. Seit dem Einstieg der finanzstarken Karajica-Brüder wird der Nachwuchs noch mehr gefördert. Der Drittliga-Aufstieg ist für die Jugendlichen Extra-Motivation. Von Stephanie Baczyk

Die Wintermonate sind zuweilen wie eine Notiz, ein Memo ans Gedächtnis: Wer sich am Abend draußen aufhält, sollte nicht nur rumstehen. Andernfalls frieren die Füße, egal wie klobig die Schuhe sind, einfach ein. Da hilft auch nachträgliches Hüpfen nicht.

Pierre Tampier scheint die Kälte an jenem Dienstag um kurz vor 18 Uhr nicht zu spüren. Er geht mit langsamen Schritten einmal quer über den Kunstrasenplatz, auf dem das Training der U14 von Viktoria Berlin stattfindet - unter dem Licht der Flutlichtstrahler, der den Rasen seltsam grünlich schimmern lässt.

Pierre trägt seine Trainingsklamotten unter der dicken Winterjacke mit dem Viktoria-Emblem, heute hat er neue Fußballschuhe dabei. "Let me see those boots", fordert einer seiner Kumpel. Alle lachen, ziehen sich gegenseitig auf. Dann tragen sie gemeinsam die Tore auf den Platz. "Ich möchte natürlich Fußballprofi werden", sagt Pierre. "Halt in einer besonders guten Liga, so in der Premier League oder der Bundesliga." Er ist nicht der einzige 13-Jährige mit diesem Traum. Um ihn zu erreichen, trainiert Pierre vier Mal die Woche, dazu kommt ein Spiel am Wochenende.

41 Jugend-Mannschaften unter dem Label Viktoria

Der FC Viktoria 1889 Berlin hat 1.200 aktive Mitglieder, die größte Jugendabteilung der Hauptstadt. Durch die Fusion des BFC Viktoria und des Lichterfelder FC im Jahr 2013 ist sie noch mal gewachsen - Lichterfelde, damals ein reiner Amateurverein, hat das Gros an Nachwuchsteams mitgebracht.

Beim BFC spielen zu der Zeit lediglich vier Jugend-Mannschaften. Heute sind es unter dem Label Viktoria 41 Teams. "Der Unterbau ist da", sagt Zeljko Karajica. Er ist seit Mai 2020 geschäftsführender Gesellschafter bei der SEH Sports & Entertainment Holding - einem Unternehmen, das sein Bruder Tomislav gegründet hat. Und der wiederum ist seit März 2019 Hauptinvestor bei den Himmelblauen.

Mit dem Einstieg der Karajica-Brüder beim Traditionsverein aus Lichterfelde hat sich einiges verändert - nicht nur im Profi-, sondern auch im Jugendbereich. "Ich erinnere mich noch an Tage, wo wir hier trainiert haben mit 28 Mann auf einem Viertelplatz", erzählt Semih Keskin, Viktorias U19-Coach. "Jetzt haben wir mit dem Wildspitzweg super Möglichkeiten, die uns der Investor natürlich auch geschaffen hat."

Professionalisierung schreitet voran

Seit diesem Sommer trainieren die erste Mannschaft, die U19, die U17 und das erste Frauen-Team auf einem multifunktionalen Gelände in Mariendorf, gekauft von Tomislav Karajica. Eigentürmer ist die "Home for Viktoria Berlin GmbH", gebaut wurde auch ein neuer Kabinentrakt mit Büroräumen. Es gibt zwei Naturrasenplätze, eine Sporthalle und ein Klubheim.

Wir sind in der U19 teilweise mit elf Leuten aufgestellt, die dann das Rundum-Paket für die Spieler haben - vom Athletiktrainer über den Physiotherapeuten zum Videoanalysten.

Semih Keskin

Bei Viktoria tut sich etwas. "Das merkt man alleine am Personal, das jetzt in der Betreuung der Jugendspieler ist", sagt Keskin. "Wir sind in der U19 teilweise mit elf Leuten aufgestellt, die dann das Rundum-Paket für die Spieler haben - vom Athletiktrainer über den Physiotherapeuten zum Videoanalysten." Ein klarer Schritt in Richtung Professionalisierung - vor dem Einstieg des Investors wurde dasselbe Team von vier Personen betreut. "So wie es Gang und Gebe ist im Profi-Fußball, entwickelt sich das auch bei uns."

Seit dieser Saison ist die erste Mannschaft von Viktoria in der dritten Liga vertreten - aufgestiegen im Sommer nach einer Corona-bedingt abgebrochenen Spielzeit in der Regionalliga Nordost, mit einer Visitenkarte von knackigen elf Siegen aus elf Spielen im Gepäck.

Die Himmelblauen wollen peu à peu in Berlin durchstarten, setzten dabei auch auf den eigenen Nachwuchs. Drei Spieler werden jedes Jahr von der U19 in die erste Mannschaft hochgezogen, heißt: Sie trainieren so oft es geht beim Team mit, bekommen dort auch ihre Einsätze.

Wer schafft wirklich den Sprung ins Profi-Geschäft?

"Hier auf den Bänken saßen immer die Eltern, die Mütter und haben uns angefeuert", erinnert sich Tobias Gunte mit einem dicken Schmunzeln beim Spaziergang über die Sportanlage am Ostpreußendamm. Der 24-Jährige Innenverteidiger ist heute Teil des Drittligakaders, sogar Stammspieler, hat 2006 in der E-Jugend des Lichterfelder FC angefangen.

"Also Viktoria, damals vor der Fusion noch Lichterfelde, war immer eine sehr gute Adresse, was Jugendarbeit anging. Das hat man daran gemerkt, dass man viele Spiele hatte gegen Hertha und Union und auf großen Turnieren unterwegs war und um die Berliner Meisterschaft auf den Kleinfeldern mitgespielt hat."

Gunte hat es geschafft. Aber wo landen die meisten Jungs, deren großer Traum der ist, eines Tages berühmt zu sein? Schaut man sich Viktorias Statistik der vergangenen Jahre auf dem Portal transfermarkt.de an, sind dort Spieler wie Lawrence Ennali (jetzt Hannover 96, 2. Liga) gelistet, der mal für eine Saison Station im Nachwuchs der Himmelblauen gemacht hat, bevor er ins Nachwuchsleistungszentrum des FC Schalke 04 gewechselt ist.

Oder Lino Kasten (aktuell ausgeliehen von Bundesligist Wolfsburg an den österreichischen Zweitligisten SKN St. Pölten), der 2015 - aus der Jugend des Lichterfelder Klubs kommend - seine fußballerische Ausbildung beim VfL Wolfsburg abgeschlossen hat. Einige ehemalige Viktoria-Spieler finden sich in der vierten Liga wieder.

Hertha BSC im Berlin-Vergleich das Nonplusultra

Im Berlin-Vergleich ist die Zahl derer, die im Klub ausgebildet wurden und jetzt im Profibereich höherklassig unter Vertrag stehen, bei Hertha BSC deutlich höher. Die Boateng-Brüder, Dortmunds Nico Schulz, Wolfsburgs John-Anthony Brooks oder Leverkusens Robert Andrich sind nur einige, die seit Jahren in der Bundesliga kicken. Die Charlottenburger legen in diesem Bereich, gehören mit ihrer Erfolgsquote in Sachen Jugendarbeit deutschlandweit zu den Besten. Beim 1. FC Union ist Steven Skrzybski von Zweitligist Holstein Kiel einer der wenigen Aktiven, der die komplette Jugendabteilung der Eisernen durchlaufen hat und bis heute höherklassig spielt.

Auch Union zieht regelmäßig Nachwuchsspieler in den Bundesligakader hoch - der Unterschied: Hertha hat eine U23, die in der Regionalliga Nordost spielt. Die Köpenicker haben jenes Team vor einigen Jahren abgemeldet, setzen auf die Durchlässigkeit von der U19 in den Profikader. Durchgesetzt haben sich in der jüngsten Vergangenheit aber wenige. Die meisten werden verliehen, um Erfahrung zu sammeln - oder aber verkauft.

Weg wie eine Ketchupflasche

"Ich glaube, wir müssen ganz unten anfangen", sagt Semih Keskin, der mittlerweile seit elf Jahren bei Viktoria für die U19 zuständig ist. "Wir sind bekannt dafür, sehr gute Kleinfeld-Mannschaften zu haben. Es hat sich aber auch in den letzten zehn Jahren stetig weiterentwickelt. Ich würde uns aber nicht in der Rolle sehen, dass wir hier Geldscheine in die Hand nehmen und verteilen. Auch wenn der eine oder andere einen Vertrag kriegt - der ist nicht so dotiert, dass man davon leben kann."

Das sei Teil der Philosophie: Die Schule habe absolut Vorrang, der Wert einer Ausbildung oder eines Studiums werde immer wieder angesprochen. Die Himmelblauen haben eine Kooperation mit der Otto-Hahn-Gesamtschule in Neukölln, die Sport fördert, aber keine reine Sportschule wie beispielsweise die Poelchau-Schule ist. Was den Weg der Jugendlichen betrifft: Er ist vergleichbar mit einer Ketchupflasche - nur die wenigsten schlüpfen, je höher es geht, durch den engen Flaschenhals und sichern sich einen der begehrten Plätze im Profibereich eines Vereins.

Wenn ich bei Freunden bin und sage: 'Ja, ich spiel bei Viktoria!' - dann heißt es ganz oft: 'Oh, Du spielst bei Viktoria?'. Das ist schon was anderes als davor.

Pierre Tampier

Viktoria hat sich einen Namen gemacht

Der 13-Jährige Pierre darf von der großen Karriere träumen, in dem Alter gehört das dazu. Und seitdem Viktoria in die dritte Liga aufgestiegen ist, nimmt er auch andere Reaktionen von seinen Kumpels wahr. "Wenn ich bei Freunden bin und sage: 'Ja, ich spiel bei Viktoria!' - dann heißt es ganz oft: 'Oh, Du spielst bei Viktoria?'. Das ist schon was anderes als davor." Den Erfolg der ersten Mannschaft, dass es ein Lichterfelder Junge wie Tobias Gunte aus dem eigenen Nachwuchs bis zum Stammspieler in der dritten Liga gebracht hat, sieht er durchaus als Motivation. "Das spornt einen auf jeden Fall an. Ich fänd's gut, wenn ich den gleichen Weg gehe", sagt er und lacht. "Aber ein besserer Verein wäre auch gut."

Aus Pierres Sicht ist die U14 der Übergang vom Klein- auf das Großfeld, er macht den nächsten Schritt. Die Trainer achten aber in dem Alter neben der fußballerischen Komponente auch verstärkt auf die soziale Entwicklung der Jungs.

"Für mich ist das Wichtigste, viel Verständnis zu haben und Empathie zu zeigen", ordnet Coach Kon-Ho Lee seinen Job ein. "Mir geht es in erster Linie gar nicht darum, denen fußballerisch alles beibringen zu wollen. Ich möchte, dass die Jungs in dem Altersbereich auch Kinder sein dürfen." Auch der 30-jährige bekommt mit, dass Viktoria seit dem Einstieg des Gesellschafters und des Investors von außen anders wahrgenommen wird. "Trotzdem achtet man hier auf den Spagat, gleichzeitig ein familiäres Verhältnis zu schaffen im Umfeld. Das ist schon spannend. Obwohl der Verein ja schon nach oben will, den nächsten Step machen."

Jugendarbeit als nachhaltiges Investment

Die U19 der Lichterfelder findet sich gerade im Mittelfeld der A-Junioren-Bundesliga Nord/Nordost wieder. Auf Platz eins: die U19 von Hertha BSC. Pierres U14 spielt in der Landesklasse, der höchsten Spielklasse Berlins für die 2 C - den jüngeren Jahrgang der C-Junioren. Das Team ist Tabellenerster. Gesellschafter Zeljko Karajica hat im Sommer noch betont, was für ihn mit Viktoria Berlin entscheidend ist: "Das Investment in 13-, 14-, 15-Jährige, die gerne Fußball spielen und dann nachhaltig in den Profifußball wechseln können, ist aus meiner Sicht nachhaltiger und deutlich günstiger, als dann ältere Spieler ohne die Gewähr einzukaufen, ob sie jemals hier funktionieren werden." Der Plan bei den Himmelblauen steht.

Sendung: Inforadio, 8.12.2021, 12:15 Uhr

Beitrag von Stephanie Baczyk

1 Kommentar

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  1. 1.

    Die 1.C Mädchen von Viktoria spielen in der Verbandsliga und sind momentan Herbstmeister.Es gibt einige Spielerinnen die im U-16 Kader oder Förderkader des Berliner Fußballverbandes spielen. Leider wird auch bei Viktoria die Geschlechtergleichheit noch nicht großgeschrieben. Die 1.C Mädchen bekommt als Leistungsmannschaft leider nicht annähernd die Trainingsplatz - und Zeitenangebote , oder etwa Trainingskleidung gestellt, wie die Jungsmannschaften.Da ist noch viel Luft nach oben!

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