Berliner Kirchen als Sportstätten - Rumtoben im Gotteshaus

Fr 24.12.21 | 10:12 Uhr | Von Friedrich Rößler
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Der Berliner Verein Pfeffersport in der Paul-Gerhardt-Kirche in Pankow(Bild:rbb)
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Video: rbb24 | 19.12.2021 | Johanna Rüdiger | Bild: rbb

Viele Kirchen bleiben vormittags ungenutzt, gleichzeitig fehlen in Berlin Sportstätten. Um die Gotteshäuser zu füllen, wird in einem Projekt gerade ausgelotet, wie sich Kinder- und Jugendsport dort realisieren lässt. Von Friedrich Rößler

Ungewohnte Szenen spielen sich da auf dem heiligen Boden der Paul-Gerhardt-Kirche in Berlin Pankow ab. Unweit der Kreuzung Wisbyer Straße/Schönhauser Allee ruft sonst die Kirchturmglocke die Gemeinde zum Gebet, doch was an diesem Tag unter dem Kirchendach passiert, hat weniger mit Beten, sondern eher mit Bewegung zu tun.

Sechs Menschen balancieren auf ihren nach oben gestreckten Armen mit ihren Händen einen großen Gummiball vom Altar über die Gebetsbänke hinweg Richtung Ausgang. Plötzlich wird ein bunt gestreiftes Tuch gespannt, das den gesamten Sitzbereich bedeckt und erneut fliegt ein großer Ball durch die Luft.

Mangel an Sportstätten entgegenwirken

Als das Licht weniger wird und neonbunte Leuchtstäbe den Gummiball ersetzt haben, stellt sich dann doch eine besinnliche und weihnachtliche Stimmung ein. Sport und Gott sei Dank nennt das der Geschäftsführer vom Kinder- und Inklusionsverein Pfeffersport Jörg Zwirn. "Wir haben Inklusion als eines unserer Hauptthemen und das ist ja ein urchristlicher Gedanke, dass alle teilhaben können an einem Sport- und Bewegungsangebot."

Der Berliner Verein Pfeffersport und die Gemeinde der Paul-Gerhardt-Kirche in Berlin Pankow haben sich zusammengetan, um dem Mangel an Sportstätten in der Bundeshauptstadt entgegenzuwirken. Anfang 2018 fehlten laut Berliner Senat mehr als 300 Sportstätten in der Spreemetropole. Passiert ist wenig. Da kommt die Idee mit den ungenutzten Gotteshäusern genau richtig.

Andere in die Kirchen mit hineinnehmen

"Statt immer die Kirchen nur dicht zu machen, nehmen wir einfach andere mit hinein und gucken, was wir zusammen gestalten können", sagt Tobias Kuske, der Pfarrer der Paul-Gerhardt-Kirche. Das bunte Treiben an diesem kalten Wintertag in der Vorweihnachtszeit dient allerdings einem ersten Belastungstest, denn so ein Gotteshaus ist ja nicht fürs Laufen oder Springen, geschweige denn für Ballsportarten konzipiert.

Mit Capoeira und Parcours der Kälte trotzen

Damit schon Anfang 2022 der Traum dieser kirchlich-sportlichen Gemeinschaft wahr werden kann, sollen die Gebetsbänke denkmalgerecht eingelagert werden und zusätzlich ein Sportboden verlegt werden. Auf diesem Untergrund soll dann auch in Zukunft gebetet werden und zwar stehend. Vormittag steht die Kirche oft leer, dann möchte der Verein Pfeffersport für Groß und Klein Sportangebote machen.

"Wir wissen noch nicht, wie es mit der Temperatur in diesem Raum sein wird, daher werden wir mit bewegungsintensiven Sportarten Anfang nächsten Jahres starten", blickt Pfeffersport-Geschäftsführer Zwirn voraus. Er denke da an die Hindernislaufsportart Parcours oder die Kampfsportart Capoeira.

Anderen Mut machen

"Auch in der Evangelischen Kirche in Deutschland könnte es sein, dass dieses Projekt Mut macht", sagt Pfarrer Kuske. In Berlin stehen fast 300 evangelische Kirchen. Wenn viele von denen nur teilweise genutzt werden und das Projekt aus Pankow erfolgreich angenommen wird, könnte die Evangelische Gemeinde der Bundeshauptstadt mit ihren Immobilien die Sportstättenknappheit an der Spree verkleinern.

Beim Pfeffersportverein glauben alle Beteiligten fest daran, dass ihr Plan aufgeht. Und manchmal kann der Glaube ja Berge versetzen, wobei es in diesem Fall ja eher um große rote Gummibälle geht.

Sendung: rbb24, 19.12.2021, 21:45 Uhr

Beitrag von Friedrich Rößler

13 Kommentare

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  1. 13.

    Warum nur erinnert mich dieser angeblich fortschrittliche Einfall an die protestantische Arbeitsethik ... Sport hat immer etwas mit Leistung und Kräftemessen zu tun, mit Schweiß und Anstrengung oder "Austoben". Das gehört sonstwohin, aber nicht in ein Gotteshaus in dem Einkehr und Konzentration, die völlige Hinwendung zum Glauben seinen Sinn begründen. Musikalische Erziehung wäre passend, denn sie hat hier - in der Kirche - ihren Ursprung. Vermutlich aber wäre die Umsetzung passender Angebote einfach zu anspruchsvoll.

  2. 12.

    "Sport gehört nicht in die Kirche. "
    Warum nicht?
    Orandum est ut sit mens sana in corpore sano.
    „Beten sollte man darum, dass ein gesunder Geist in einem gesunden Körper sei.“
    Und ganz sachlich bei https://www.kirchliche-dienste.de/arbeitsfelder/sport/sport-und-theologie
    Was spricht also gegen gemäßigte Sportarten in Kirchenhäusern? Übrigens - neu ist das nicht wirklich.

    Aber vermutlich treten sich manche nur auf die "alten Bärte".

  3. 11.

    Oje, ist die Kirche so verzweifelt? Vielleicht kann man dort zukünftig auch noch eine Clownschule unterbringen. Lächerlich.

  4. 10.

    Moscheen sind da praktischer. Da ist der Boden frei. Aber da klappt natürlich der gemeinsame Sport von Mädchen und Jungs nicht. Kreativität ist ja ganz toll, aber hier ist sie etwas übertrieben. Der Gottesdienst, speziell der römisch-katholische bringt auch mal das hinknien mit sich.

  5. 9.

    Andacht im Stehen. Beten im Stehen. Und auf dem Sportboden dann noch Straßen-Schuhe ausziehen, wie bei anderen Sportböden auch? Das isr nicht sehr durchdacht.

  6. 8.

    „ Damit schon Anfang 2022 der Traum dieser kirchlich-sportlichen Gemeinschaft wahr werden kann, sollen die Gebetsbänke denkmalgerecht eingelagert werden und zusätzlich ein Sportboden verlegt werden. Auf diesem Untergrund soll dann auch in Zukunft gebetet werden und zwar stehend.“

    Das ist wohl ein schlechter Scherz. Tendenz Gebetsteppich?

  7. 7.

    Bin seit langem schon nicht mehr Mitglied der RKK. Aus gutem Grund. Kirchenaustritt.de

  8. 6.

    Sport gehört nicht in die Kirche.

  9. 5.

    Ist das spirtuelle Vakuum nun auch im Herzen der Kirche angekommen? Es ist nicht zu fassen, wie unbedarft die Entweihung der sacralen Räume vorgenommen wird. Dann lasst die Kirchen doch am Tag auf für jene die zum Gebet hinein oder einfach mal kurz zu sich kommen und inne halten wollen. Die Aktion ist ein völlig überflüssiger Tabubruch und ich frage mich wirklich einmal mehr, was mich mit der Kirche noch verbindet.

  10. 4.

    Zuerst einmal möchte ich hier klarstellen, dass nur die Mitglieder beider Christlichen Konventionen auch Kirchensteuer entrichten müssen und nicht alle Steuerzahlenden Bürger*innen in Deutschland. Zum freigeben des „Sakralen Raumes“ wie hier auch schon angedeutet wird, halte ich dagegen, es ist ein Versammlungsort von Gläubigen und nicht nur ein Gebetsraum. Viele Gläubige denken aber noch so einseitig. Aber was hat Jesus auch gesagt: Lasset die Kindlein zu mir kommen. Und zu guter letzt noch etwas dazu. Beide, insbesondere die kath. Kirche, müssen sich dem Wandel der Zeit endlich annähern u.nicht weiterhin wie im tiefsten Mittelalter stehenbleiben. Sonst laufen ihnen eines schönen Tages noch Alle Schäfchen davon. Ich finde diese Idee einfach nur gut. Besonders jetzt in der Corona Pandemie. Aufeinander zugehen sollte doch nun wahrlich nicht schwerfallen. Wird doch immer wieder auch gepredigt.

  11. 3.

    Im Gemeindesaal kein Problem, aber im Gotteshaus selber, seltsam
    Dann entwitmen, anderer Zukunft zuführen, vielleicht sogar sls Sportstudio, aber nicht einfach so.
    Das kann man den wenigen noch verblieben Glaeubigen, noch dem allgemeinen Steuerzahler zumuten, die ja bei einer Sportstaette /Kirche für den Unterhalt aufkommen müssten. Schon garnicht on Absprache.

  12. 2.

    Haben Gotteshäuser nicht immer eine sacrale und damit herausgehobene Funktion? Oder hab ich da was falsch verstanden? Ich frag ja nur.

  13. 1.

    Ich finde es eine Frechheit. Die Gemeinde ist davon einfach überfahren worden. Die Verantwortlichen sollten sich schämen.
    LG eines ehemaligen Gemeinde Mitglids.

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