Analyse | Union besiegt Leipzig - Urs Fischers Plan geht auf

Sa 04.12.21 | 10:21 Uhr | Von Till Oppermann
1. FC Union Berlin - RB Leipzig, 14. Spieltag, An der Alten Försterei. Unions Timo Baumgartl jubelt nach seinem Treffer zum 2:1 (Quelle: dpa / Andreas Gora).
Video: Stephanie Baczyk | Bild: dpa

Union Berlin bezwang RB Leipzig am Freitagabend mit 2:1 und übernachtete auf einem Champions League-Platz. Champions League-Platz? Ja, weil der Trainer umstellte, das Team eine Stärke wiederentdeckte - und ein Verteidiger überragte. Von Till Oppermann

Timo Baumgartl war nach dem Heimsieg gegen RB Leipzig im Stadion an der Alten Försterei der glücklichste Köpenicker. Nicht nur, weil er mit einer Vorlage in der ersten Halbzeit und seinem Siegtreffer nach dem Seitenwechsel Unions Matchwinner wurde. Für ihn sei diese Woche ein Traum in Erfüllung gegangen, berichtete der "glühende Fan" der Vorabend-Soap “Gute Zeiten – Schlechte Zeiten". Denn Baumgartl hatte am Donnerstag einen Gastauftritt in seiner Lieblingsserie. Nach dem Spiel am Freitag scherzte er: "Wenn die Resonanz gut war, hoffe ich auf eine weitere Beschäftigung."

Aber die Union-Fans müssen sich nicht sorgen, ihren Innenverteidiger nun an RTL zu verlieren. Denn Baumgartl schwärmte weiter: "Ein Sieg am Freitagabend vor so einem geilen Publikum, was will man mehr?"

03.12.2021, Stadion Alte Foersterei, Berlin, DEU, DFL, 1. FBL, 1.FC Union vs. RB Leipzig, im Bild Cheftrainer (Head Coach) Urs Fischer(1.FC Union Berlin), Co-Trainer Markus Hoffmann (1.FC Union Berlin), Co-Trainer Sebastian Boenig (1.FC Union Berlin) (Quelle: dpa/nordphoto GmbH/Engler).
Bild: nordphoto GmbH

Fischer verändert etwas und behält Recht

Tatsächlich könnte die Laune der Unioner gerade kaum besser sein. Nach dem 2:1-Heimerfolg gegen Leipzig steht der 1. FC Union zumindest über Nacht auf einem Champions League-Platz. Und zwar zu Recht. Denn der Sieg gegen den aktuellen Vizemeister aus Leipzig war hochverdient.

Obwohl die Sachsen 64 Prozent Ballbesitz hatten, mehr Zweikämpfe gewannen und mit 79 Prozent knapp zwölf Prozent mehr Pässe an den Mann brachten als Union, strahlten nur die Gastgeber konstant Gefahr aus. Folgt man den sogenannten Expected Goals (3,78 zu 1,13) hätte Union das Spiel deutlich höher gewinnen müssen. So fasste auch das Schauspieltalent Baumgartl das Spiel zusammen: "Sieht man unsere Konterchancen, hätte das Spiel auch drei oder vier zu eins ausgehen können."

Schon vor der Partie hatte der Berliner Trainer Urs Fischer auf Räume hinter Leipzigs Abwehrkette spekuliert. Er blieb zwar bei seiner bewährten 5-3-2-Formation, zog aber den Spielmacher Max Kruse aus dem Sturm zurück ins Mittelfeld, um mit Sheraldo Becker neben dem Torjäger Taiwo Awoniyi einen weiteren schnellen Stürmer zu bringen. Diese offensivere Aufstellung folgte einem Plan, den Max Kruse hinterher zusammenfasste. Man habe gewusst, dass man gegen RB häufiger mit langen Bällen agieren müsse, sagte Kruse. "Wir wollten zwei schnelle Spieler in der Spitze haben und ich sollte dahinter den letzten Pass spielen", erklärte er weiter.

In dieser Position weiter hinten konnte der 33-Jährige seine Übersicht und Kreatitvität optimal ausspielen. Immer wieder setzte er Becker und Awoniyi mit brillanten Steilpässen in Szene. Bis zu Kruses Auswechslung in der 72. Minute lief jeder Angriff über den ehemaligen Nationalspieler. Die meisten Konter spielte Union allerdings zu unsauber. "Negativ ist ein bisschen, dass wir dieses Spiel nicht früher entschieden haben", kritisierte Urs Fischer.

Gegen Unions Abwehr hat Leipzig keine Chance

Dass sie es überhaupt entscheiden konnten, verdanken die Eisernen der Rückbesinnung auf eine Stärke aus der Vorsaison. Den Toren durch Awoniyi (6. Minute) und Baumgartl (59. Minute) ging jeweils eine Ecke voraus. Vor dem 1:0 spielte Becker kurz auf Kruse, der im Rückraum den freistehenden Julian Ryerson sah. Dessen Flanke verlängerte Baumgartl mit dem Kopf zu Awoniyi, der den Ball am langen Pfosten versenkte.

Diese Variante war kein Zufall, wie das zweite Tor zeigte. Diesmal spielte Nico Gießelmann die Ecke zwar direkt in den Strafraum, aber wieder flach in den Rückraum. Von dort schoss Kruse, ein Leipziger fälschte ab und Baumgartl krönte seine Leistung. Auch abgesehen von seiner Vorlage und dem Tor überzeugte der 25-Jährige als Anker eines stabilen Defensivverbunds. Er gewann mit vier Kopfballduellen die meisten in seiner Mannschaft, fing drei Pässe ab und verlor keinen einzigen Ball.

Man habe engmaschig verteidigt, lobte Baumgartl auch seine Kollegen. "Ich glaube die Leipziger wussten gar nicht, was sie machen sollen", sagte er über die Mühen des Champions-League-Teams. Dessen Tor fiel nach einem Distanzschuss, bei dem der Torwart Andreas Luthe patzte. Abgesehen davon hatte RB im gesamten Spiel nur zwei Chancen im Strafraum. "Das reicht dann auch einfach nicht, um hier zu gewinnen", fasste Kruse die Bemühungen der Gäste zusammen.

Am Donnerstag geht es gegen Slavia Prag

Am Ende zeigte sich der Trainer Urs Fischer trotz der schlechten Chancenauswertung zufrieden mit seinem Team: "Das waren wichtige drei Punkte und ein mutiger Auftritt meiner Mannschaft", sagte er. Schon am Donnerstag steht für die Unioner das nächste Highlight an. Im Europapokal muss der 1. FC Union Slavia Prag bezwingen, um in die nächste Runde zu kommen. Vorher belohnt der Trainerstab die Spieler mit einem trainingsfreien Wochenende. Timo Baumgartl will diese Zeit mit seiner Familie genießen. Von den letzten Tagen wird er viel zu erzählen haben.

Sendung: Inforadio, 04.12.2021, 8 Uhr

Beitrag von Till Oppermann

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