Analyse | Tabellenführer der DEL - Fünf Gründe, warum die Eisbären aktuell Deutschlands bestes Eishockey-Team sind

Do 06.01.22 | 09:07 Uhr | Von Johannes Mohren
Jubel bei den Eisbären Berlin. / imago images/Andreas Gora
Bild: imago images/Andreas Gora

Vergangene Saison wurden die Eisbären Berlin Meister - und stehen in dieser schon wieder an der Spitze der Deutschen Eishockey Liga. Die Dominanz von München und Mannheim ist gebrochen. Johannes Mohren hat nach den Gründen des Erfolgs gesucht.

Der Trainer

Es war eine verzwickte Situation, als die Eisbären Berlin im Mai 2019 die Verpflichtung von Serge Aubin verkündeten. Hinter dem Klub lag damals eine für die eigenen Ansprüche lausige Saison. Und Stéphane Richer - als Sportdirektor und eingesprungener Interimstrainer gleich doppelt für die Misere mitverantwortlich - vertraute seine Nachfolge als Coach ausgerechnet einem alten Weggefährten aus Zeiten bei den Hamburg Freezers an. Es war eine kritisch beäugte Personalentscheidung. Einige sprachen da von Vetternwirtschaft.

"Ich kenne Serge seit langem. Aber ich habe ihn geholt wegen seiner Qualität als Trainer", sagt Richer nun im Gespräch mit rbb|24. Die vergangenen zweieinhalb Jahre geben ihm Recht. Denn in Berlin hat Serge Aubin sich und die Mannschaft weiterentwickelt. Als seine Premieren-Saison abgebrochen wurde, waren die Eisbären Vierter. Es folgte der erste Titelgewinn für den Klub seit acht Jahren. Und aktuell sind Aubin - längst mit verlängertem Arbeitspapier in der Tasche - und sein Team Tabellenführer. "Es ist immer wichtig, dass du eine gute Mannschaft mit Leadern hast. Aber der große Leader - so sage ich immer - ist der Trainer", sagt Richer. Und: "Serge findet immer die richtigen Worte, damit die Mannschaft seine Vorstellungen vom Eishockey umsetzt und jeder seine Rolle versteht. Er ist ein sehr wichtiger Teil des Erfolgs."

Die individuelle Qualität

Es sind fraglos auch besondere Einzelspieler, mit denen der Aufschwung verbunden ist. Mit Mathias Niederberger etwa steht bei den Berlinern seit eineinhalb Jahren einer der Top-Goalies der DEL im Tor. Es war ein Königstransfer auf einer Schlüsselposition. "Mathias war ein wichtiger Teil der Meisterschaft und ist es auch in dieser Saison", sagt Richer. Das belegen auch die Statistiken. Kein anderer Keeper hat bislang in dieser Spielzeit eine bessere Fanquote als der 29-Jährige (93,29 Prozent) und nur der Mannheimer Felix Brückmann liegt beim Gegentorschnitt minimal vor ihm.

Auch in den anderen Rankings finden sich überall Eisbären in den Top-Positionen. Unter den Verteidigern sind die Berliner Kai Wissmann und Jonas Müller beim Plus/Minus-Wert unangefochtene Spitze, sprich: Wenn sie auf dem Eis standen, schossen die Berliner deutlich mehr Treffer, als sie kassierten. Und Matt White und Marcel Noebels finden sich in der Scorerliste ligaweit auf Platz vier und fünf wieder. Das viele für sich glänzen, liegt auch daran, dass das gesamte Konstrukt harmoniert - und bestens eingespielt ist. Denn bislang kommen die Eisbären weitestgehend verletzungsfrei durch die Saison. Ein wichtiger, aber wenig planbarer Erfolgsfaktor: "Du brauchst auch das Glück auf deiner Seite", sagt Richer.

Einsatzbereitschaft

Es geht auch in dieser Spielzeit eng zu in der DEL. "Jedes Jahr muss man bis zum letzten Spieltag abwarten, um zu sehen, wie die endgültige Tabelle ausschaut", sagt Richer. Es sind aber nicht nur die reinen Zahlen, die diese Leistungsdichte zeigen. Es sind auch Spiele wie das der Eisbären gegen Bietigheim. 4:5 verlor der Tabellenführer vor einigen Tagen gegen den abstiegsbedrohten Aufsteiger - und das keinesfalls unverdient. "Ich will nicht sagen, dass das gegen Bietigheim ein schlechtes Spiel von uns war. Aber sie waren an dem Abend besser. Das kann passieren, egal wer der Gegner ist - und das spricht für die Qualität der Liga", sagt Richer.

Das liegt auch daran, dass die finanzielle (Etat-)Kluft zwischen Bietigheim und Berlin zwar zweifelsohne groß, aber nicht im Ansatz mit der zwischen Bayern München und Greuther Fürth in der Fußball-Bundesliga zu vergleichen ist. "Es ist egal, gegen wen du spielst. Wenn du nicht bereit bist, wirst du nichts gewinnen", sagt Richer. Reine Qualität reicht nicht aus, es gilt in der eng getakteten 52-Spiele-Hauptrunde immer wieder aufs neue Kräfte zu mobilisieren.

Das gelingt den Eisbären häufiger als den hoch gehandelten Konkurrenten aus dem Süden. "Unser Erfolg ist der der Mannschaft: Wie sie zusammensteht und zusammenspielt", sagt Richer. Von ihrem Trainer wird sie dabei immer wieder herausgefordert. Aubin spricht gerne vom "Berliner Stil" und meint damit "einfaches, hartes, effektives Eishockey". Nach der jüngsten Niederlage gegen Bietigheim klagte er: "Das war definitiv nicht der Einsatz, den ich erwartet hatte." Der Kanadier steht nicht auf Show, sondern akribische Arbeit. Das Team hat das verinnerlicht.

Das wir ein Teil der AEG sind, kommt uns sehr zu Gute.

Thomas Bothstede, Geschäftsführer der Eisbären Berlin

Die Anschutz Entertainment Group im Rücken

Es ist inzwischen mehr als zwei Jahrzehnte her, dass die Anschutz Entertainment Group (AEG) die Eisbären Berlin übernahm. Das Unternehmen des US-Milliardärs Peter Anschutz war finanziell schon oft wichtig für den Klub - und in Pandemiezeiten ist es das erst recht. "Das wir ein Teil der AEG sind, kommt uns sehr zu Gute", sagt Eisbären-Geschäftsführer Thomas Bothstede im rbb|24-Interview. Das heiße nicht, dass "wir mit Geld um uns schmeißen können".

Und doch sichert es den Klub in den schwierigen Zeiten ab. Genaue Summen möchte Bothstede nicht nennen; eine Bürgschaftshöhe der AEG von 4,5 Millionen Euro für diese Saison, von der die "B.Z." kürzlich berichtete, dementiert er. Fakt ist aber: Die AEG im Rücken hilft den Eisbären, besser durch die Corona-Pandemie zu kommen, als weite Teile der Konkurrenz es tun. Das könne man "zu hundert Prozent so sagen", betont der Geschäftsführer. Dazu zählt etwa, dass die Berliner ihren Spielern aktuell weiterhin ihr volles Gehalt zahlen können.

Auch die Mercedes-Benz-Arena als Heimstätte ist in den Händen der AEG. 2.000 Zuschauer dürfen dort derzeit zu den Spielen kommen, mit den steigenden Corona-Zahlen drohen erneut Geisterspiele. Verhandlungen um (Miet-)Vergünstigungen sind in dieser Situation die logische Konsequenz. Bei den Eisbären finden sie gewissenmaßen zwischen AEG und AEG statt. Ein weiterer Vorteil? "Es ist wirklich gut, dass man sich persönlich kennt. Aber die Arena ist ihre eigene GmbH mit Zielvorgaben und Budgets", sagt Bothstede. Die Gespräche seien keineswegs leichter. "Wir finden zwar immer eine Lösung. Aber dass es von der Arena jetzt übertrieben gesagt heißt: 'Ihr könnt hier kostenlos spielen!' Das auf gar keinen Fall so."

Das Netzwerk der Los Angeles Kings

Der Draht der Eisbären-Verantwortlichen nach Amerika ist eng. Genauer gesagt an die Westküste nach Los Angeles. Die LA Kings werden ebenfalls von der Anschutz Entertainment Group geführt. Und gab es vor 2017 schon einen Austausch, so sind die NHL-Klubverantwortlichen seitdem (mit-)verantwortlich bei den Berlinern. Sie schickten unter anderem den neuen Aufsichtsratsvorsitzenden Luc Robitaille (gleichzeitig Kings-Präsident) und mit ihm die Botschaft: "Wir erwarten, dass wir mit den Eisbären um Titel spielen. Jedes Jahr".

Das erhöhte den Druck, die Luft für den Hauptstadt-Klub könne - bei einem Scheitern an diesen Erwartungen - dünn werden. Doch es bot und bietet auch Chancen. "Es ist sicher, dass die Unterstützung der LA Kings ein großer Teil des Schritts ausmacht, den wir in den letzten paar Jahren gemacht haben", sagt Richer, der selbst seit 2010 in verschiedenen Rollen im AEG-Imperium arbeitet. Es war ein Schritt hin zum Titel. Die Kings wollten Meistermacher in Berlin werden und sind es schnell geworden. Die Kooperation ist eng. "Wir telefonieren jede Woche mit LA - nicht nur meine sportliche, sondern alle Abteilungen", sagt Richer.

In diesen Gesprächen geht es auch um Scouting und Spieler. In den vergangenen Jahren etwa stürmten zunächst Giovanni Fiore und dann Blaine Byron von Ontario Reign nach Berlin. Es ist das Farmteam der Kings in der zweithöchsten nordamerikanischen Liga. Sie sind mit 24 (Byron) beziehungsweise 19 (Fiore) Scorerpunkten aus dem Eisbären-Team nicht wegzudenken. Und damit ein Beweis, dass Mannheim und München auch aus Los Angeles gefordert werden.

Sendung: rbb24, 04.01.2022, 21:45 Uhr

Beitrag von Johannes Mohren

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