Berliner Eiskunstlauf-Paar Hase/Seegert - Raus aus der Komfortzone

Sa 01.01.22 | 08:00 Uhr | Von Johannes Mohren
Minerva Hase und Nolan Seegert bei der DM in Neuss. / imago images/Uwe Kraft
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Video: rbb UM6 | 17.12.2021 | Johanna Rüdiger | Bild: imago images/Uwe Kraft

Minerva Hase und Nolan Seegert aus Berlin sind Deutschlands bestes Eiskunstlauf-Paar. Zuletzt holten sie souverän den nationalen Titel - und wollen nun bei den Olympischen Spielen auftrumpfen. Mit neuer Stärke vom Schwarzen Meer. Von Johannes Mohren

Nolan Seegert grinst. "Du kennst deinen Reisekoffer irgendwann auswendig", sagt er. Der 29-Jährige steht auf dem Eis im Sportforum in Hohenschönhausen. Früher haben der Berliner und seine Eiskunstlauf-Partnerin Minerva Hase hier immer trainiert. In den vergangenen Monaten war das anders. Seit September pendeln die besten deutschen Paarläufer nun schon zwischen ihrer Heimat und dem knapp 2.200 Kilometer entfernten russischen Sotschi.

"Man gewöhnt sich daran - irgendwie", sagt Hase, "aber am Anfang war das schon ganz schön viel Stress." Direktflieger aus der deutschen Hauptstadt in den Bade- und Kurort am Schwarzen Meer gibt es keine. Der Weg zur Eisfläche der Wahl führt über Moskau - mindestens drei bis vier Stunden Aufenthalt am Flughafen inklusive. Es sind Strapazen, die sie jedoch ganz bewusst auf sich nehmen. Denn in Russland soll die Basis für den Berliner Erfolge liegen.

Das Paar im Porträt

Minerva Hase und Nolan Seegert wurden beide in Berlin geboren - sie am 10. Juni 1999, er sieben Jahre zuvor am 11. Juli 1992.

Die beiden sind seit 2014 ein Eiskunstlauf-Paar.

Über viele Jahre war der Olympiastützpunkt in Berlin-Hohenschönhausen die sportliche Heimat der beiden, seit dieser Saison trainieren sie mit ihrem russischen Coach Dmitri Savin vor allem in Sotschi.

2019 holten sie ihren ersten deutschen Meistertitel, es folgten zwei weitere.

International machten sie etwa mit einem dritten Platz beim Grand Prix Cup of Russia auf sich aufmerksam.

Auf der Suche nach dem nötigen Kitzel

"Wir haben gemerkt, dass wir ein bisschen eingefahren sind. Wir waren unser ganzes Leben in dieser Eishalle in Berlin", sagt Hase. Der Entscheidung für Sotschi war eine gegen die eigene Komfortzone. Gegen das Eis in Hohenschönhausen, über das jeder für sich schon immer und beide zusammen seit 2014 glitten. Es war das Gefühl, mehr wagen zu müssen, um mehr erreichen zu können. "Es fehlte der letzte nötige Kitzel, um noch mehr Potenzial aus uns herauszuholen."

So fern das Schwarze Meer geografisch ist, so naheliegend war der Schritt dorthin. "Wir wussten, was wir bekommen, wenn wir nach Sotschi gehen", sagt Hase. Die bekannte Größe in den Überlegungen: Dmitri Savin. Schon öfter hatten die beiden mit dem russischen Coach gearbeitet, "in der Regel für die Hilfe von technischen Elementen", beschreibt Seegert. Es ist genau der Bereich, in dem die Berliner zulegen müssen, um noch enger an die Weltspitze im Paarlauf heranzurücken.

Hase: "Noch nie so stark gestartet"

Und bislang zahlt sich der Ortswechsel aus. "Wir sind mit der Saison bisher sehr, sehr zufrieden", sagt Hase, "wir sind noch nie so stark gestartet." Sie sind konstanter als in den vergangenen Jahren - und: Leistungsfähig auf den Punkt. Die Zahlen belegen das. "Wir haben noch nie so viele Wettkämpfe mit über 180 Punkten bestritten."

In Neuss waren es zuletzt sogar 197,64. Bei den deutschen Meisterschaften gelang dem Eiskunstlauf-Paar damit ein persönlicher Rekord. Nervös waren sie in den Wettkampf gegangen und hatten dennoch fast alles abliefern können. Die eigene Bestmarke bedeutete gleichzeitig den souveränen Titelgewinn. Es war bereits der dritte in Folge nach 2019 und 2020. "Es war noch einmal das i-Tüpfelchen für uns", sagt Hase. Eine Bestätigung des neuen Weges.

An den Besten wachsen

Mit Savin am Schwarzen Meer feilen sie an den technischen Elementen. Doch es ist mehr als nur das. Es ist die Chance auf den Vergleich mit Top-Paaren. "Die russische Eisslaufschule ist - gerade im Paarlaufen - sehr erfolgreich", sagt Seegert. Die meisten Athletinnen und Athleten, die in Sotschi auf dem Eis stehen, sind genauso gut oder sogar besser. Es ist eine tagtägliche Herausforderung, ja: der vermisste Kitzel.

Er soll die letzten Prozente für Peking bringen. Mit dem deutschen Meistertitel in Neuss haben Hase und Seegert die interne Qualifikation für die Olympischen Spiele in der chinesischen Hauptstadt gewonnen. "Wir haben auch schon die Information erhalten, dass wir jetzt von der Deutschen Eislauf-Union für die Nominierung vorgeschlagen werden", sagt Seegert. Die finale Entscheidung durch den Deutschen Olympischen Sportbund in den nächsten Tagen ist da nur noch Formsache - und doch ist noch eine minimale Rest-Anspannung da. "Der letzte Rest Freude kommt, wenn wir es wirklich schwarz auf weiß haben und nichts mehr daran gerüttelt werden kann", sagt Hase.

Sotschi - Tallinn - München - Sotschi - Frankfurt - Peking

Der Plan bis zu den Spielen steht bereits. Er beinhaltet wie gewohnt viel Flugzeit. Seit Dienstag sind Hase und Seegert wieder in Sotschi - mit leichter Verzögerung. Die coronabedingten Einreise-Bestimmungen hatten sich geändert und verhinderten kurzfristig die eigentliche Anreise am zweiten Weihnachtsfeiertag. Nun läuft am Schwarzen Meer die Vorbereitung auf die Europameisterschaft in Tallinn, die ab dem 10. Januar die Generalprobe vor den Olympischen Spielen bildet. Die Berliner führen dort das deutsche Aufgebot an.

Die weiteren Etappen ab Mitte Januar: Einkleidung mit dem Olympia-Team in München, letzter Feinschliff in Sotschi, kurzer Zwischenstopp in Berlin und schließlich der Flug von Frankfurt nach Peking. Dort sind Seegert und Hase die große Hoffnung der Deutschen Eislauf-Union (DEU). Als einzigen DEU-Startern wird ihnen zugetraut, die ersten Zehn oder gar Acht zu erreichen. Die Vorfreude ist riesig. "Es ist unbeschreiblich. Jeder Sportler arbeitet sein Leben darauf hin, bei den Olympischen Spielen zu sein. Wir haben unsere ganzen Jahre da rein investiert. Dass sich das jetzt auszahlt, ist wunderschön", sagt Hase. Nicht zuletzt Sotschi sei Dank.

Sendung: rbb UM6, 17.12.2021, 18:15 Uhr

Beitrag von Johannes Mohren

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