Claudia Pechstein vor achter Olympia-Teilnahme - Ein Leben auf dem ewigen Eis

Mi 26.01.22 | 11:45 Uhr | Von Jonas Schützeberg
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Claudia Pechstein. (Bild: picture alliance / Laci Perenyi )
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Video: rbb24 | 26.01.2022 | Jonas Schützeberg | Bild: picture alliance / Laci Perenyi

Es ist (vielleicht) das krönende Ende einer Karriere, die ihresgleichen sucht: Claudia Pechstein ist unterwegs zu ihren achten Olympischen Winterspielen - und möchte sich dort noch einen Traum erfüllen. Jonas Schützeberg hat sie im Trainingslager besucht.

Ihre Augen verfolgen die Kuppel des Berliner Doms, während ihre rechte Hand in einer Pappschachtel kramt. Links neben Claudia Pechsteins Kopf ragt der Eiffelturm in den Himmel, hinter ihr scheint die Abendsonne über der Schneelandschaft der Alpen.

"Jawohl, schon wieder", sagt sie lachend und reißt die Faust in die Luft. "So geht das permanent, da denkst du, du machst gleich Schluss und dann ziehst du doch das Nächste, wie eine Sucht ist das." Sie legt das kleine blaue Teilchen an den unteren Rand des Puzzles, 2.000 Teile stark, mitten in die Spree. Es ist die Berliner Skyline.

Pechstein befindet sich in einer kleinen Ferienwohnung im bayerischen Inzell mit lauter Puzzles an der Wand. Sie bereitet sich hier mit der deutschen Nationalmannschaft auf Olympia vor. Und wenn sie nicht trainiert, dann puzzelt sie, eine heimliche Leidenschaft der Eisschnellläuferin.

Qualifikation im letztmöglichen Rennen

Die 49-jährige Berlinerin ist die Frau der Rekorde: Viele hat sie auf dem Eis gebrochen und nun folgt der nächste, keine Bestzeit, aber Pechstein wird als erste Frau zum achten Mal an Olympischen Winterspielen teilnehmen. "Der Rekord war schon vor vier Jahren mein Ziel. Dass ich das jetzt geschafft habe, macht mich sehr stolz und es klingt auch irgendwie unfassbar", sagt Pechstein am Rand der Eisbahn in Inzell und lächelt.

Dabei musste sie lange um ihr Olympia-Ticket zittern, bis zum letzten Weltcup, im Dezember in Calgary. Pechstein hatte bis dahin nur die halbe Olympia-Norm erfüllt. Sie musste im Welltcup einmal unter die ersten acht oder zweimal unter die ersten 15 kommen. Der Druck war groß, denn im Halbfinale stand sie schon vor dem Aus, als Pechstein von einer Gegnerin weggeschoben und aus der Kurve gedrückt wurde.

"Weiß, dass ich einen Ruf habe"

Die Kampfrichter bemerkten die Behinderung und ließen Pechstein doch im Finale starten. Sie lief taktisch klug, spielte ihre Erfahrung aus und sammelte wichtige Punkte bei den Zwischensprints. Dem Gedränge an der Spitze ging sie aus dem Weg, denn ein weiterer Sturz hätte das Olympia-Aus bedeutet.

"Das spielt schon eine Rolle im Kopf, aber ich wollte das unbedingt schaffen. Die Platzierung war mir dabei völlig egal", analysiert Pechstein das Rennen, in dem sie bewusst zurückhaltend von hinten lief. Am Ende reichte ein elfter Platz für die Fahrkarte nach Peking. "Schade, dass danach einige behauptet haben, ich hätte nicht mehr mitlaufen können. Die haben wohl die Taktik im Eisschnelllauf nicht verstanden."

Pechstein eckt schon mal an. Sie ist eine Athletin, die ihre Meinung sagt, kein Everybody's Darling. Das wird sich auch bei ihren achten Spielen nicht ändern. "Mir ist nicht wichtig, was andere von mir denken. Ich weiß, dass ich einen Ruf habe, nicht die Sympathischste zu sein, aber wer mich kennt, weiß, dass ich ein fröhlicher Mensch bin", sagt Pechstein und fügt lächelnd hinzu: "Ich freue mich, wenn bei Autogrammstunden die Leute zu mir sagen, dass ich locker sei und man mit mir Pferde stehlen könne.”

Feinschliff mit der Nationalmannschaft

Mühelos wirkend zieht Pechstein ihre Runden im Inzeller Eisoval. Das Einzige was zu hören ist, ist das Klacken der Kufe ihres Klappschlittschuhs, wenn sie sich mit jedem Schritt vom Eis abdrückt. Sie läuft immer noch ästhetisch und technisch sauber, wie kaum eine andere. Es wirkt als würde sie fast über das Eis schweben.

Es sind die letzten Tage in der Olympiavorbereitung, der letzte Feinschliff. "Grundlagen kann ich jetzt keine mehr legen", erklärt die Berlinerin. "Es geht darum, gesund zu bleiben und Spaß zu haben, mit einem guten Gefühl nach Peking zu reisen und den letzten Kick rauszuholen." Pechstein überlässt nichts dem Zufall, sie arbeitet akribisch, bis ins kleinste Detail.

30 Jahre auf der olympischen Eisbühne

Vor 30 Jahren gewann sie ihre erste olympische Medaille, damals 1992 mit nur 19 Jahren im französischen Albertville - als Jüngste des damals erstmals wieder vereinten deutschen Teams. In Peking, neun olympische Medaillen später, ist sie mit 49 die Älteste. Pechstein hat viele Generationen auf dem Eis kommen und gehen sehen.

Im Herbst gewann die Bundespolizistin ihren 41. deutschen Meistertitel. Für die Medaillensammlerin ist es wieder ein Erfolg, für den deutschen Eisschnelllauf-Nachwuchs eine Art Schlag ins Gesicht. "Wir haben ein Nachwuchsproblem im Eisschnelllauf, vielleicht generell im deutschen Sport. Es kommen kaum noch junge Sportler oben an", sagt Pechstein, "früher haben wir viel mehr und härter trainiert."

Um internationale Medaillen kämpft sie selbst allerdings auch nicht mehr: "Auf Grund meines hohen Alters bin ich den anderen dann doch etwas unterlegen", sagt Pechstein, "aber ich bin Sportlerin durch und durch und wenn ich an der Startlinie stehe, werde ich auch mein Bestes geben." Doch ganz ohne Chance sieht sie sich nicht: "Ich laufe im Massenstart, da kann viel passieren. Aber sie werden mich nicht einfach weglaufen lassen, so viel ist schon mal klar."

"Ich habe damals alles verloren"

Doch so erfolgreich sie auch war, Pechsteins Karriere stand auf der Kippe. Denn die Spiele von Peking könnten sogar bereits ihre neunten sein. Vancouver 2010 hat sie verpasst, gesperrt wegen Dopings, ohne jemals einen positiven Test gehabt zu haben - aufgrund von Indizien, in ihrem Fall erhöhte Blutwerte, die auf Blutdoping hätten hinweisen können. Die Berlinerin hat stets ihre Unschuld beteuert und ihre Werte mit einer vererbten Blutanomalie ihres Vaters belegt. Unter anderem vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) wurde sie rehabilitiert.

Ihr Fall liegt immer noch vor dem Bundesverfassungsgericht, mittlerweile seit mehr als fünf Jahren. Wenn es sein müsse, gehe sie weiter bis vor den Europäischen Gerichtshof, erklärt die Eisschnellläuferin. Das Wort Aufgeben scheint im Wortschatz von Claudia Pechstein nicht zu existieren: "Das ist keine Option, ich habe durch den Fall damals alles verloren. Daher werde ich auch den Kampf weiterkämpfen", erklärt die Berlinerin überzeugt, "unter dem Motto Siegen oder Sterben".

Die Krönung einer einzigartigen Karriere

Claudia Pechstein hat in ihrer Karriere sportlich alles gewonnen, doch es gibt eine Auszeichnung, die ihr noch fehlt - eine Anerkennung. Es könnte das letzte Puzzleteilchen sein, um die Karriere der 49-jährigen Ausnahmeathletin zu vollenden. "Für mich wäre es eine große Ehre, als Rekord-Olympionikin die deutsche Fahne tragen zu dürfen. Das wäre der Wahnsinn und ich würde es sehr gern machen", sagt sie mit Blick auf die Eröffnungsfeier der Spiele in Peking am 4. Februar.

Überhaupt wird für die erfolgsverwöhnte Pechstein dieses Mal einiges anders, vielleicht sentimentaler. Für Claudia Pechstein zählt mittlerweile wirklich das Olympische Motto: Dabei sein, ist alles. Kurz vor ihrem 50. Geburtstag, zwei Tage nach Ende der Spiele am 22. Februar, hat sie sich noch nicht festgelegt - aber es könnten ihre letzten Spiele sein.

Sendung: rbb24, 26.01.2022, 21:45 Uhr

Beitrag von Jonas Schützeberg

12 Kommentare

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  1. 12.

    Für die misslungene Nachwuchsförderung kann Pechstein aber nichts. Und wenn sie Spaß an ihrem Sport hat, kann sie selbst entscheiden, ob sie weitermacht. Konkurrenz hat sie ja keine. ;-)

  2. 11.

    Sie haben sich selbst die Antwort auf Ihre Frage gegeben. Claudia Pechstein ist auf nationaler Ebene immer noch erfolgreich, Nachwuchs nicht so richtig in Sicht. Voraussetzung zur Teilnahme an Olympischen Spielen ist nicht internationaler Erfolg, sondern die heimische Olympianorm.

  3. 10.

    wo läuft sie denn noch erfolgreich? Auf nationaler Ebene trifft das wohl zu, international ist das schon seit geraumer Zeit nur noch unter ferner liefen. Der Verband hat einfach den zug der Zeit verpennt rechtzeitig den Nachwuchs heranzuziehen, so nach der Devise, die Pechstein macht das schon. Irgendwann rächt sich das halt.

  4. 9.

    Wieder einmal wollten die hochdotierten Apparatschicks, die sich nur die eigene Tasche voll stopfen wollen, ein Exempel statuieren. Jetzt haben sie den Salat. Pechstein läuft noch mit 80 übers Eis.

  5. 8.

    Warum sollte Frau Pechstein aufhören? Sie läuft immer noch kraftvoll und erfolgreich; vor und hinter ihr laufen in Deutschland nicht viele Damen derart erfolgreich. Das olympische Motto heißt außerdem: dabei sein, und nicht: nur für Gewinner/innen.

  6. 7.

    Was sie will, das macht sie. Das ist seit den erhöhten Blutwerten, die sie an den Rand eines Dopingsverdachtes brachte, schon mal klar. Wertvoller als die jetzt geäußerte "Hauptsache teilgenommen"-Haltung wäre es aber gewesen, sich als Sportler/in für die gerechte Kontrolle - Entscheidungen aller im Kampf gegen das Doping eingesetzt zu haben oder es heute für andere zu tun. Schön ist es, dass sie die Teilnahme-bedingungszeit/-norm geschafft hat, aber irgendwie werden die ü 35jährigen Leistungssportler in manchen Sportarten zu "Rittern" einer traurigen Gestalt, siehe den Japaner Karsai oder Ole Einar Björndalen. Mir taten sie im Feld als "Mitschwimmer" immer richtig leid. Frau Pechstein hat zweifellos große Erfolge eingefahren, verfügt über sagenhafte Erfahrungen. Nur, gibt sie dies u.auch starke Motivationen an die Jugend weiter? -- M.E. gebührt das gehobene Amt eines Fahnenträgers bei Olympia doch eher aussichtsreicheren Medaillenkandidaten, konkret aus dem Schlittensport!

  7. 6.

    @Uwe und Wolfgang
    Man hört auf, wenn man alles erreicht hat. Sie hat noch ein Ziel.
    Es ist beschämend für die deutsche Sportförderung, dass kein Nachwuchs mit Medaillenchance und/oder besserer Medaillenaussicht als Claudia Pechstein auf dem Eis unterwegs ist.
    Wir können froh sein, dass wenigstens sie Deutschland vertritt. Gäbe es Bessere würden, die ja im Fokus stehen und fahren

  8. 5.

    Vor Claudia Pechstein kann man sich nur tief verbeugen und den Hut ziehen.
    Was hat jedoch der Verband in den letzten Jahren gemacht das es keinen richtigen Nachwuchs in Deutschland gibt. Die TV Sender sponsern wohl nur den überbezahlten Fußball? LEIDER.

  9. 4.

    Für Frau Pechstein alles gute für die Olympischen Spiele und auch sonst auf ihrem Lebensweg.

  10. 3.

    Dann machen Sie es doch auch so...
    Der Kampf ist ihr Leben... und Leistung auch...

  11. 2.

    Auch ohne Medallienaussicht: Polizistengehalt vom Staat und Eislaufen ist besser als Dienst auf der Strasse

  12. 1.

    Irgendwie traurig wenn ein Mensch nicht weiß, wann es an der Zeit ist aufzuhören!

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