Reformpläne in Berlin - Wie der BFV zu Deutschlands modernstem Fußballverband werden will

So 16.01.22 | 12:15 Uhr | Von Shea Westhoff
Bernd Schultz
Bild: picture alliance/dpa/Michael Hun

Vor zwei Jahren hat sich der Berliner Fußballverband ein Mammutprogramm für seine Erneuerung auferlegt. Nun soll die Umsetzung beginnen. Einige Punkte sind zukunftsweisend, andere längst überfällig, sagen Kritiker. Von Shea Westhoff

Der Name des drastischen Reformprojekts, das sich der Berliner Fußballverbands auferlegt hat, klingt progressiv: "Future BFV". Damit will der BFV zum innovativsten und professionellsten Landesverband des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) werden. Zumindest hat das Präsidium das vor zwei Jahren so beschlossen. Und nun, mit Beginn des Jahres 2022, sollen diese Vorhaben sukzessive in die Tat umgesetzt werden. Bis 2025 soll der Prozess abgeschlossen sein. Worum geht es dabei? Und: Kann das funktionieren?

Zukunftswerkstätten arbeiten an "Future BFV"

Zum großen Teil geht der Anstoß zur Reform auf Vertreter von Berliner Fußballklubs zurück, die beim Verbandstreffen 2019 eine ganze Reihe von Anträgen mit Veränderungswünschen eingereicht hatten. "Wir haben das dann gebündelt und 13 Arbeitskreise eingerichtet", sagt Bernd Schultz im Gespräch mit rbb|24. Der 64-Jährige ist seit 2004 Verbandspräsident und im vergangenen Jahr im Amt bestätigt worden.

Die Arbeitskreise erhielten den Namen "Zukunftswerkstätten". In diesen grübelten und tüftelten ab Sommer 2020 mehr als 130 Personen – Verbandsmitglieder sowie externe Experten – in einem Zeitfenster von zehn Monaten an verschiedenen thematischen Schwerpunkten: etwa die gerechtere Repräsentation von Frauen, Verbesserung des digitalen Angebots, Gewaltprävention und der verstärkte Fokus auf Jugendarbeit.

Aus den Ergebnissen der Arbeitsgruppen hat der Verband 108 Handlungsempfehlungen kondensiert, die der Landesverband in einem 90-seitigen Arbeitspapier zusammengefasst hat [berliner-fussball.de]. "Ich bin stark beeindruckt, was da in so kurzer Zeit, und auch noch in Pandemie-geplagten Zeiten erarbeitet wurde", sagt Schultz.

Es sind Vorhaben, die den BFV bis 2025 zur Vorreiterrolle unter den Fußball-Landesverbänden führen sollen.

Worum geht es genau?

Wenn man Schultz bittet, aus der enormen Fülle angestrebter Reformen einige hervorzuheben, dann sagt der BFV-Präsident als erstes, es gehe "um eine neue Organisation der Führungsstrukturen, dass wir diverser werden in den Führungsgremien". So solle künftig die Rolle von Frauen im Verband gestärkt werden. Vorläufiges Ziel sei, dass die Gremien mit mindestens 30 Prozent Frauen besetzt werden.

In der Tat sehen sich im BFV-Präsidium aktuell zwei Frauen zwölf Männern gegenüber. Ein Missverhältnis, das sich durch alle DFB-Landesverbände quer durch die Republik zieht. Der BFV würde hier tatsächlich eine Vorreiterrolle im deutschen Fußball einnehmen, wenn er durchsetzt, was im Projektbericht unter "Zukunftswerkstatt Frauen" steht: "Zahlreiche Strukturen weisen jahrzehntelange Dominanz durch Männer auf und Frauen sind deutlich unterrepräsentiert in den Entscheidungsprozessen", heißt es dort, mit der Folgerung: "Geschaffen werden sollen daher Instrumente, die sicherstellen, dass Frauen gleichberechtigten Zugang zu Gremien haben".

Auch den aktiven Frauenfußball bezeichnet Schultz in Berlin derzeit als "Baustelle, um die wir uns in den kommenden Monaten verstärkt kümmern müssen". Es gebe weder eine Zweitliga-Frauenmannschaft, "ganz zu schweigen von einer Erstliga-Mannschaft im Frauenbereich".

Mehr Vielfalt in den Gremien

"Wir wollen aber auch Menschen mit Einwanderungsgeschichte stärken in unseren Gremien", sagt Schultz. Diese sind in den Entscheidungsgremien komplett unterrepräsentiert. Und das, obwohl in Berlin laut Zahlen des Amtes für Statistik mehr als 35 Prozent der Berliner einen Migrationshintergrund haben. Im Berliner Fußball dürfte es ähnlich sein. In diesem Punkt müsse es darum gehen, "noch wesentlich mehr Leute zu gewinnen", sagt Schultz.

Außer den Vorhaben, die man zusammenfassend als Fragen der überfälligen Repräsentation bezeichnen könnte, will der Verband auch praktischere Themen angehen: Im Bereich der Digitalisierung wolle der BFV weitere Schritte gehen, so Schultz. Die Spielerpässe und -formulare seien zwar bereits papierlos erfasst, in anderen Feldern, etwa der Buchhaltung, müssten aber noch weitere Schritte gegangen werden. Ziel sei die Schaffung eines einheitlichen digitalen Infrastrukturangebotes für die Vereins- und Verbandsarbeit, heißt es.

Bessere Sportanlagen

In Berlin klagen Amateur-Vereinskicker immer wieder über mangelhafte Bedingungen ihrer Sportstätten, wie kaputte Beleuchtungsanlagen und kalte Duschen. Ins Auge sticht deswegen die "Zukunftswerkstatt Infrastruktur", die sich grundlegend mit den Erfordernissen einer funktionierenden Sportanlage befasst hat und unter anderem eine "Vervollständigung des Bedarfskataloges für eine zukunftsfähige Sportanlage" empfiehlt und den Neubau von Sportanlagen fordert – auch unter dem Gesichtspunkt, dass Berlin nach wie vor eine wachsende Stadt ist, aber der Ausbau der Sportplatz-Infrastruktur dem nicht Rechnung trägt.

Der Skeptiker

Gerd Thomas hat das Zukunftspapier mit auf den Weg gebracht, hat in den Zukunftswerkstätten an neuen Konzepten für den Berliner Fußball gearbeitet. Der Präsident des Schöneberger Fußballklubs FC Internationale Berlin war in der Vergangenheit immer wieder mit scharfer Kritik am BFV in die Schlagzeilen gekommen. Ihn und den nicht minder kritischen SFC-Stern-Vorsitzenden Bernd Fiedler nennt Präsident Schultz trotzdem wertschätzend: seine "Edelkritiker".

Im Gespräch mit rbb|24 moniert Thomas, er finde es schade, "dass wir den Präsidenten immer zum Jagen tragen müssen. Ich erwarte ein bisschen mehr Initiative, mehr Leidenschaft." Thomas halte es für problematisch, dass der Verband, wie er sagt, Veränderungsprozesse nur auf Initiative der Vereine vorantreibt.

Gleichwohl erachte er das Zukunftspapier als wichtigen Schritt. Dabei hebt er die gesellschaftliche Verantwortung des Fußballs hervor. Die Bereiche "Vielfalt, auch Nachhaltigkeit, Teilhabe, Ehrenamt, das sind Themen, die brennen uns auf den Nägeln, den Vereinen, und wir hatten doch den Eindruck, dass da beim Berliner Fußballverband nicht so viel passiert, wie wir der Meinung waren, dass passieren müsste", so Thomas.

Gerade im Nachwuchsbereich sehe er da enormen Nachholbedarf. 750 Kinder und junge Menschen unter 25 Jahren zähle sein Verein FC Internationale. "Da sollen die Trainerinnen und Trainer das alles mal sozial kompetent mitbetreuen. Sie sind aber teilweise gar nicht dafür ausgebildet", sagt er. "Warum stellt man uns nicht Sozialarbeiter hin und sagt: Die unterstützen euch?"

Hinzu komme das lange ausgeklammerte Thema der schlechten Platzbedingungen. Stinkende Kabinen, kalte Duschen und unfreundliche Platzwarte trügen "nicht dazu bei, dass wir bessere Bedingungen kriegen. Am Ende schlägt sich das auf die jungen Kicker durch, die einfach nicht mehr so gut betreut werden." Und da, schlussfolgert er, "sind wir ganz schnell bei einer gesellschaftlichen Frage." Auf manche soziale Herausforderung sei der Verband gar nicht vorbereitet.

Die Herausforderung

Das Mammutprojekt mit den mehr als 100 weitreichenden Handlungsempfehlungen tatsächlich in die Tat umzusetzen, dürfte sich als große Aufgabe erweisen. "Es muss ja nicht ein Personenkreis all diese Themen behandeln, sondern wir verteilen das in den Gremien", betont BFV-Präsident Schultz. Er macht darauf aufmerksam, dass der Anstoß für die Veränderungen "auch von innen herausgekommen" sei, "von den Vereinen selbst". Nun wolle der Verband die Strukturen dafür schaffen.

"Es geht darum, sich mit denen Empfehlungen auseinanderzusetzen", sagt Schultz. "Das machen wir mit einem Steuerungskreis, den wir zusammengesetzt haben." Beim Arbeits-Verbandstag 2023 will der Verband den ersten Zwischenstand zu den konkreten Umsetzungen von "Future BFV" präsentieren. Bis 2025 sind es dann noch zwei Jahre.

Sendung: Inforadio, 13.01.2022, 18:15 Uhr

Beitrag von Shea Westhoff

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