Teamcheck | Hertha BSC - Der Mut ist zurück

Mo 03.01.22 | 15:35 Uhr | Von Johannes Mohren
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Jubel beim Hinrunden-Ausklang: Hertha BSC besiegte Borussia Dortmund. / imago images/Andreas Gora
Bild: imago images/Andreas Gora

Die Hinrunde lief für Hertha BSC lange nicht nach Plan. Deshalb musste Vereinslegende Pal Dardai den Trainerstuhl räumen. Es kam Tayfun Korkut. Der holte sieben Punkte in vier Spielen - und schürt mit einem neuen Spielstil Hoffnungen. Von Johannes Mohren

So lief die Hinrunde

Die Sehnsucht nach Ruhe war groß bei Hertha BSC. Endlich mal wieder eine Saison ohne Turbulenzen. Erfüllt wurde sie nicht - ganz im Gegenteil: Am 29. November entließ der Klub mit Pal Dardai den vierten Trainer seit Anfang 2020. Der umjubelte Retter der Vorsaison hatte schon wieder ausgedient. Die Zahlen sprachen gegen die Vereinslegende: 14 Punkte hatte der Klub nach 13 Spielen geholt. Der nächste Abstiegskampf schien programmiert.

Ausschlaggebend für die Entlassung - so sagte Fredi Bobic später - sei aber weniger die Punkteausbeute, als vielmehr der fehlende spielerische Fortschritt gewesen. Selbst bei Siegen habe er nicht den Eindruck gehabt, dass sich etwas entwickele. "Ich hatte das Gefühl: Wir haben zwar jetzt gewonnen, da können wir happy sein, aber die Spieler selbst und die Mannschaft als Gesamtes kommen nicht richtig voran", monierte der Manager im rbb-Podcast "Hauptstadtderby". Er vermisste den Offensivgeist. Während Bobic dem Klub attraktiven Fußball einimpfen will, war er unter Dardai ein Sinnbild der Passivität. Das Team hielt sich so wenig in der gegnerischen Hälfte auf wie kaum ein anderes der Liga und wenn es dort war, fiel ihm mit großer Gewissheit wenig ein. Ein Beispiel: 9,8 Schüsse pro Spiel waren der Negativwert der Liga.

Die ersten Spiele unter Tayfun Korkut haben nun die Stimmungslage deutlich verbessert. Seitdem er die Mannschaft übernommen hat, gab es nicht nur sieben Punkte aus vier Spielen. Auch die Auftritte seien abgesehen von einem 0:4 Debakel in Mainz "sehr, sehr ordentlich" gewesen, lobte Bobic. Die Doppelspitze aus Ishak Belfodil und Stevan Jovetic - zuvor stets nur stürmende Einzelkämpfer - wurde zum Inbegriff des zarten Aufschwungs. Es blieb nun nicht mehr beim Versuch des Konterfußballs, die Mannschaft nahm das Spiel nun selbst immer mehr in die Hand. Die Krönung bildete der 3:2-Sieg gegen Dortmund am 17. Spieltag.

Wer kommt, wer geht?

Die Zeit des Klotzens ist vorbei. Ein Winter wie vor zwei Jahren, als Hertha für Krzysztof Piatek, Matheus Cunha und Co. 80 Millionen Euro ausgab, ist inzwischen undenkbar. Von den 375 Millionen, die Lars Windhorst in den Klub investierte, ist - auch wegen der teuren, aber sportlich nur bedingt erfolgreichen Shopping-Touren von Bobic-Vorgänger Michael Preetz - nicht mehr viel übrig geblieben. Für den neuen Manager gilt: Er muss den Kader mit seinem aufgeblähten Gehaltsgefüge entschlacken, wenn er neue Spieler holen will. Im Sommer machte er mit Cunha, Dodi Lukebakio und Jhon Cordoba den Anfang. Nun könnte aus der Riege der Großverdiener allen voran Krzysztof Piatek folgen, aber auch Lucas Tousart.

Einen Neuzugang gab es bereits: Linksverteidiger Fredrik André Björkan kam vom norwegischen Meister Bodö/Glimt zu den Berlinern. "Er ist ein sehr explosiver Spieler mit großem Drang nach vorne", lobte Korkut und warnte gleichzeitig vor einer zu großen Erwartungshaltung: "Da sollten wir ein bisschen vorsichtig sein. Er muss sich an alles hier gewöhnen. Es war für ihn ja nicht ein Wechsel in ein komplett neues Land und in eine komplett neue Liga." Bitter für Hertha: Die ohnehin kurze Eingewöhnungszeit für den 23-Jährigen vor dem Rückrundenstart fällt (fast) komplett aus. Björkan infizierte sich mit Corona und befindet sich in Quarantäne.

Die weitere große Baustelle für Bobic ist die zweite Außenverteidiger-Position. Auf der rechten Seite wird ein Nachfolger für den bereits 35-jährigen Peter Pekarik gesucht. Deyovaisio Zeefuik - ursprünglich für diese Rolle vorgesehen - ist in seinen Leistungen deutlich zu unbeständig und fehlerhaft. Lukas Klünter fehlte zuletzt drei Monate nach einer Schulter-OP und hat nur noch bis Sommer Vertrag. Seine Zukunft bei Hertha: ungewiss. Neben einem defensiven Außen- steht wohl auch ein offensiver Flügelspieler für die linke Seite auf Bobic' To-Do-Liste. Es könnte also ein durchaus interessantes Transferfenster für Hertha BSC werden. "Mein Handy ist Chaos, da bimmelt es die ganze Zeit", sagte Bobic kurz vor der Winterpause. Am Ende wird es aber bei punktuellen Verstärkungen bleiben. Der blau-weiße Kaufrausch ist Geschichte.

Der Trainer

... heißt seit Ende November Tayfun Korkut und löste nach seiner Verpflichtung erst einmal keine Begeisterungsstürme aus. Mehr als drei Jahre lag sein letztes Trainer-Engagement zurück - und als es im Oktober 2018 nach nicht einmal acht Monaten endete, war der VfB Stuttgart mit nur fünf Punkten aus sieben Spielen Tabellenletzter der Bundesliga. Auch in Leverkusen, Kaiserslautern und Hannover blieb zuvor der Erfolg - zumindest langfristig - aus.

Hertha suche "wahrscheinlich seit langem einen großen Trainer. Pal ist ein kleiner Trainer", hatte Dardai Wochen vor seiner Entlassung gesagt und mit seinem verbalen Harakiri Bobic und Co. mächtig verärgert. Korkut war nun das genaue Gegenteil der dardaischen Prophezeiung. Seine Verpflichtung wirkte auf den ersten Blick doch eher wie das endgültige Ende aller - längst mächtig bröckelnden - Träume vom stolzen Hauptstadtklub mit sportlichem Gewicht in der Bundesliga und Europa, die das Investment von Lars Windhorst befeuert hatte.

Bobic tangierte diese Wahrnehmung seines neuen Coaches wenig. Seine Entscheidungen seien unabhängig "von irgendeiner öffentlichen Meinung oder Social-Media-Kommentaren". Es gehe nicht darum "einfach einen großen Namen zu ziehen, sodass alle erstmal happy sind", sagte der 50-Jährige - und: "Große Namen sind manchmal gute Entertainer und Moderatoren, aber keine richtigen Trainer." Bei Hertha BSC vertrauen sie - erstmal bis zum Saisonende - dem vermeintlich kleinen Namen Korkut, auch weil sie ihn kennen: Bobic war 2011 Sportdirektor in Stuttgart, als Korkut die U19 trainierte. Und der Berliner Kaderplaner Dirk Dufner gab ihm 2014 bei Hannover seine erste Chance als Chefcoach. Die ersten Wochen geben ihnen mit ihrer Entscheidung recht.

Erwartungen an die Rückrunde

Rückrunden-Ziele werden bei Hertha BSC aktuell nicht in Punkten und Tabellenplätzen definiert. Vielmehr geht es darum, Einbrüche wie beim 0:4 gegen Mainz - in der Hinrunde fester Bestandteil des Hertha-Repertoires - künftig zu verhindern und gleichzeitig den spielerischen Aufwärtstrend fortzusetzen. "Wir wollen weiterhin an diesem Mut festhalten, an der Spielfreude und an der Aktivität. Wir wollen nach vorne spielen. Das gilt es jetzt zu stabilisieren und in den Spielen noch sichtbarer zu machen", sagte Korkut beim Trainingsauftakt Ende Dezember.

Es sind Sätze, die bei Bobic sehr ähnlich klingen. "Es muss immer das Ziel sein, auf der ersten Hälfte der Tabelle zu stehen. Auch für jeden Fußballer", laute zwar seine eigentliche Maxime. Doch bei Hertha hat die Entwicklung Vorrang. Es gilt im Findungsprozess das Fundament für die neue, offensivere Hertha gelegt werden. "Das wird nicht alles einfach werden. Wir müssen super in die Rückrunde reinkommen und viel aufarbeiten", sagte der Manager. Schnelle Punkte sind entscheidend, um nicht wieder in die Abstiegsregionen abzurutschen. Der aktuelle Abstand auf den Tabellensechzehnten Stuttgart beträgt nur vier Punkte. Und Entwicklung im Krisenmodus - das wissen sie in Berlin bestens - ist ein (fast) unmögliches Unterfangen.

Sendung: Inforadio, 29.12.2021, 13:15 Uhr

Beitrag von Johannes Mohren

3 Kommentare

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  1. 3.

    Mal abwarten, wie lange der Mut bleibt
    Glaube nicht lange mit korkut

  2. 2.

    "war er unter Dardai ein Sinnbild der Passivität."
    So wenig Ballbesitz war es gar nicht, dafür gab es immer zu gute Spieler, die den Anspruch haben zu spielen. Es lag eher am fehlenden Plan und am Mut und wie immer, denn es gehört dazu: Das Glück!!!
    Andere hatten weniger Ballbesitz, aber mehr Glück.
    Nun scheint aber auch endlich ein Team, eine echte Mannschaft zu wachsen. Wie viel das Wert ist, lässt sich in Köpenick beobachten. Dort halten sich in der Summe limitierte Kicker respektabel in der Tabelle ( noch...)

  3. 1.

    Da bin ich aber gespannt, auf welcher Position „der Mut“ spielen wird. Ob er nur sporadisch eingewechselt wird oder zum Stammspieler avanciert?

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