Hertha vor Auswärtsspiel in Wolfsburg - Die Suche nach der Stabilität und dem passenden Sturmduo

Fr 14.01.22 | 07:54 Uhr | Von Astrid Kretschmer
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Trainingsszene von Hertha BSC am 12.01.2022. (Bild: imago/Matthias Koch)
Bild: imago/Matthias Koch

Für Hertha steht eine schwere Aufgabe an: Verpatzter Rückrundenstart gegen Köln, Platz 13, nur 21 Punkte auf dem Konto - und jetzt geht es am Samstag zum krisengeschüttelten Tabellennachbarn nach Wolfsburg. Von Astrid Kretschmer

Das Personal

Fußball-Bundesligist Hertha BSC muss beim Krisen-Klub in Wolfsburg (sechs Pleiten in Folge) unbedingt punkten, deshalb ist Trainer Tayfun Korkut froh, dass er mit Ishak Belfodil zumindest einen Teil seines Lieblings-Sturm-Pärchens wieder einsetzen kann. Der Algerier ist nach seiner Covid-Infektion wieder zurück im Training.

Sein Partner im Angriff Stevan Jovetic wird dagegen mit einer lädierten Wade weiter ausfallen. Belfodils Stärken: Er kann den Ball sehr gut abschirmen und festmachen und seinen Partner Jovetic mit kurzen Pässen in Szene setzen. Genau das fehlte bei der Niederlage gegen Köln. Die Ersatz-Angreifer Davie Selke und Myziane Maolida harmonierten nicht. Der nach Florenz verliehene Krzysztof Piatek feierte am Donnerstag sein Debüt für den Klub aus der Toskana - und schoss beim Pokal-Sieg in Neapel gleich einen Treffer.

Jetzt muss sich Korkut also auf Partnersuche für Belfodil begeben. "Das ist nicht ganz so einfach", so Korkut mit einem Augenzwinkern. "Das kennen wir auch aus unserem privaten Leben, da den richtigen Partner zu finden. Belfodil hatte auch mit Maolida ein gutes Spiel gemacht gegen Dortmund." Und der Hertha-Coach ergänzte: "Klar ist es nicht immer gut, wenn man seinen Partner zu oft tauscht, das ist auch im Privaten so. Von daher, wir haben da Möglichkeiten. Vielleicht muss es aber ab der 60. Minute nochmal einen Partnertausch geben. Es ist schon gut, einen klaren Stürmer nachlegen zu können."

Doch bleibt die Personallage in der Offensive dünn bei der Hertha. Beim 1:3 gegen Köln agierte in der Schlussphase sogar Kevin Prince Boateng als Mittelstürmer. Dies wird sich in Wolfsburg nicht wiederholen. Boateng fehlt gelbgesperrt, genau wie Suat Serdar, die letzte Hertha-Konstante. Wieder im Training und einsetzbar ist Verteidiger Dedryck Boyata. Einen Einsatz des Hertha-Kapitäns ließ Korkut noch offen.

Es fehlen: Stevan Jovetic (Wadenverletzung), Oliver Christensen (Covid-19), Rune Jarstein (Aufbau nach Knie-OP), Fredrik Björkan (nach OP, bzw. Covid-Erkrankung im Aufbautraining)

Die Form

Die Profis von Hertha müssen in Wolfsburg mal wieder eine Reaktion zeigen. Dem Hochgefühl vom Sieg gegen Dortmund folgte nach dem Jahreswechsel der Frust der Niederlage gegen Köln. Beim Krisenduell in Wolfsburg gibt es die Chance, wieder die Kurve zu bekommen. Es ist das Duell der Enttäuschten. Hertha steht in der Tabelle auf Platz 13, der VfL Wolfsburg liegt mit einem Punkt weniger auf Rang 14. Trainer Tayfun Korkut will trotz der zuletzt harmlosen Offensive weiter auf sein mutiges Spielsystem setzen. Man wolle "agieren statt reagieren", dazu "mit der gleichen Spielfreude und dem gleichen Mut dort spielen und mit einer sehr sehr guten Leistung auch gewinnen".

Besorgniserregend bleibt die Lage in der Abwehr. Dort sind die Blau-Weißen weiter auf der Suche nach Stabilität. Mit 38 (!) Gegentoren nach 18 Spieltagen ist Hertha die Schießbude der Liga. Nur Greuther Fürth kassierte noch mehr. Zu den zahlreichen Gegentoren sagte Korkut: "Es sind meistens nur Nuancen. Daran haben wir in der Woche gearbeitet. Und natürlich auch an den individuellen Fehlern. Deshalb erwarten wir, dass es um einiges stabiler sein wird."

Darüber hinaus ist Korkut weiterhin als Psychologe gefragt. Die Mannschaft war und ist zu labil. Hertha brach gegen Köln nach gutem Beginn nach dem ersten Gegentor ein. Blackouts, einfache Stellungsfehler - zu oft macht sich Hertha das eigene Spiel kaputt. Korkut verspricht: "Die Mannschaft ist sehr fokussiert, hat die Woche wirklich richtig gut trainiert. Was wir in den Köpfen drin haben ist, dass wir eine Topleistung bringen wollen."

Arne Friedrich ist optimistisch, dass dies klappt. Zum Wolfsburger Absturz wollte sich Herthas Sportdirektor, der eine kurze Wolfsburger Vergangenheit als Spieler hat, nicht groß auslassen. "Ich schaue nicht mehr auf Wolfsburg als auf Freiburg oder Mainz", so Friedrich. "Sie haben einen tollen Kader. Und es ist ein Verein von mir gewesen. Aber das liegt ja auch schon ein paar Jahre zurück."

Der Gegner

Nach sechs Liga-Pleiten in Serie steht Trainer Florian Kohfeldt beim VfL Wolfsburg extrem unter Druck. Die Partie gegen Hertha könnte zum Schicksalsspiel werden. "Egal, wie - gewinnen", machte Florian Kohfeldt aus dem Motto für die Partie gar keinen Hehl. "Dreckig, wunderschön oder mit Pauken und Trompeten", sagte Kohfeldt, nur bitte, drei Punkte sollen es sein.

Der letzte Dreier in der Liga ist schon fast 70 Tage her, die anfängliche gute Laune nach Kohfeldts Amtsantritt Ende Oktober längst verschwunden. Beim ambitionierten Werksklub, immerhin Champions-League-Teilnehmer, ist derzeit nichts normal. Zum Rückrundenstart letzte Woche gab es die Niederlage gegen den VfL Bochum. Sechs Liga-Pleiten in Folge bedeuten bei den Wölfen einen Klub-Negativrekord. Tabellenplatz 14 wird den Ansprüchen des Ex-Meisters nicht ansatzweise gerecht. "Es liegt nicht daran, dass einer nicht will", sagte Kohfeldt, "eher an diesen kleinen Momenten" im Spiel, die am Ende über Wohl und Wehe entscheiden. Und wohl auch daran, dass dieser unbedingte Wille, sich gegen eine drohende Niederlage zu wehren, Widerstände zu überwinden, derzeit fehlt.

Sportdirektor Marcel Schäfer hatte Kohfeldt unter der Woche ebenso wie Geschäftsführer Jörg Schmadtke eine Jobgarantie ausgesprochen. Nach außen ein schönes Zeichen - mehr aber auch nicht. Fakt ist, dass die Wölfe von Kohfeldts angestrebtem "dominanten, zielgerichteten Tempo- und Kombinationsfußball" im Moment weit, sehr weit entfernt sind. Und insgesamt neun Pflichtspiele ohne Sieg können wohl kein Zufall mehr sein.

Herthaner im Fokus

Vor dem Spiel gegen seinen Klub Hertha BSC ist Leihgabe Dodi Lukebakio nach überstandener Corona-Infektion zurück im Training der Wölfe und am Samstag einsetzbar. Im Hinspiel hatte Lukebakio bei der 1:2-Heimniederlage am 2. Spieltag gegen Wolfsburg die Berliner mit 1:0 in Führung gebracht - per Strafstoß. Ex-Herthaner John-Anthony Brooks hatte den Belgier gefoult, der sich dann mit Davie Selke darum streiten mußte, wer den Elfmeter schießen durfte. Anschließend wurde Lukebakio bis Saisonende an die Wölfe verliehen.

Es war Lukebakios letzter Bundesliga-Treffer, der seitdem in 14 Bundesligaspielen torlos geblieben ist (darunter alle 13 für Wolfsburg). Wenn es nach Sportdirektor Arne Friedrich geht, kann dies vorerst so bleiben: "Er ist ein sehr guter Fußballer, hat die individuelle Qualität, Spiele zu entscheiden. Aber jetzt ist er unser Gegner."

Besonderheiten

Zum Jahresstart durfte Hertha zu Hause gegen den 1. FC Köln vor 3.000 Zuschauern spielen. Am Samstag beim VfL Wolfsburg dürfen zumindest 500 zuschauen. Die Fans sind also bei dieser Art von "so gut wie Geisterspielen" als Unterstützung kein Faktor.

Umso wichtiger ist für Trainer Korkut das Teambuilding und der Teamgeist: "Wichtig ist, dass wir es schaffen, als Team so zu funktionieren, dass wir eine richtig gute Einheit bilden, um dann schwer zu schlagen zu sein."

Sendung: rbb24, 14.01.2022, 18 Uhr

Beitrag von Astrid Kretschmer

2 Kommentare

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  1. 1.

    Grimms Märchen beginnen mit "es war einmal". Statements von hertha vor dem Spiel mit " es wird einmal".
    Seid doch endlich mal realistisch und nicht immer so voll Optimismus. Danach kommt wieder der Katzenjammer.

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