Fußball-Bundesliga - Drei taktische Trends zum Rückrundenstart

Fr 07.01.22 | 10:26 Uhr | Von Till Oppermann
Eine Taktiktafel lehnt am Pfosten (imago images/Hanno Bode)
Bild: imago images/Hanno Bode

Auch wenn es im Profifußball schon immer nur um Geld ging, entwickelt sich das Geschehen auf dem Spielfeld stetig weiter. In der laufenden Saison bilden sich einige taktische Trends ab, die den Sport in den nächsten Jahren prägen könnten. Von Till Oppermann

Historisch werden mit dem deutschen Fußball Tugenden wie Kampf und Leidenschaft verbunden. Taktische Finesse suchte man in der Bundesliga lange vergeblich. Ralf Rangnicks Gegenpressing, das mittlerweile viele Mannschaften in Europa verinnerlicht haben, sorgte erstmals dafür, dass deutsche Trainer international so richtig begehrt wurden. Mit Thomas Tuchel, Hansi Flick und Jürgen Klopp wurden die drei letzten Champions-League-Sieger von Deutschen trainiert. Steht die deutsche Trainerschule derzeit also für taktische Innovation? Ein Blick auf drei taktische Trends in der Bundesliga könnte diese Frage beantworten.

Trend 1: Außenverteidiger werden für die Offensive immer wichtiger

Seit Ende der 1990er-Jahre waren Viererketten in der Abwehr die taktische Basis jeder Bundesligamannschaft. Auch Klopp und Flick setzten bei ihren Europapokal-Siegen auf Grundordnungen mit vier Verteidigern. Vielleicht inspirierten sie damit auch die Bundesligatrainer. Denn nachdem in den vergangenen Jahren immer mehr Trainer auf Systeme mit drei Innenverteidigern setzten – in denen die Außenverteidiger situativ entweder tief in einer Fünferkette verteidigen oder hoch angreifen, sodass nur noch die Innenverteidiger absichern – spielten in dieser Saison 12 von 18 Vereine überwiegend mit einer Viererkette, darunter mit Bayern, Dortmund, Freiburg und Leverkusen auch die vier besten Teams der Hinrunde. Ist der Dreierketten-Hype also schon vorbei? So einfach ist das nicht. Denn am Beispiel von Union Berlin sieht man, dass diese Formation längst nicht mehr nur primär aus defensiven Überlegungen gewählt wird. Die FCU-Außenverteidiger Nico Gießelmann, Julian Ryerson und Christopher Trimmel erzielten in dieser Saison gemeinsam bereits sechs Tore.

Immer wieder schalteten sie sich in die Offensive ein und spielten entweder Flanken in den Strafraum oder sorgten am zweiten Pfosten für eine bessere Strafraumbesetzung. Diese weiten Wege seien essenziell, um in gute Positionen zu kommen, erklärte Trainer Urs Fischer. "In der Fünferkette ist das fast ein Muss." Auch der Frankfurter Filip Kostic (drei Tore, sechs Vorlagen, die meisten Flanken der Liga) und Stuttgarts Borna Sosa (ein Tor, drei Vorlagen, die viertmeisten Flanken) sind als Flügelverteidiger offensive Schlüsselspieler ihrer Mannschaft. Allerdings gilt das auch für den Hoffenheimer David Raum (ein Tor, vier Vorlagen, die zweitmeisten Flanken) und Freiburgs Christian Günther (vier Vorlagen, gemeinsam mit Sosa die viertmeisten Flanken), die überwiegend in Viererketten als Außenverteidiger eingesetzt werden. Weil das Gegenpressing in der Mitte immer besser funktioniert, entsteht mehr Torgefahr über die Außenbahnen. Ob ein Trainer auf eine Dreier-, Vierer- oder Fünferkette setzt, entscheidet also auch die Frage, in welchem System die Außenverteidiger besonders Torgefährlich sein können - ohne dabei die Stabilität der Defensive aufzugeben.

Trend 2: Echte Mittelstürmer und die Rückkehr der Doppelspitze

Während sich Außenverteidiger also immer mehr zu Schienenspielern entwickeln, die die gesamte Spielfeldlänge bearbeiten müssen, sind in der Sturmzentrale wieder Fähigkeiten gefragt, die im modernen Fußball zwischenzeitlich ausgestorben schienen. In den Sturmzentren der Bundesligisten tummeln sich wieder echte Zielspieler. Das gilt nicht nur für Weltstars wie Robert Lewandowski und Erling Haaland. Stürmer wie Kölns Anthony Modeste, der mit acht Kopfballtoren einen Hinrunden-Rekord aufstellte, profitierten von den zahlreichen Flanken, die in die Strafräume segelten. Mit dem Bielefelder Fabian Klos und Freiburgs Lukas Höler führen außerdem zwei wuchtige Mittelstürmer die Liste der meisten gewonnenen Kopfballduelle an. Auch Patrick Schick, mit 16 Treffern nach Lewandowski der erfolgreichste Torjäger, ist kopfballstark und misst 1,91 Meter.

Insofern liegt Hertha-Coach Tayfun Korkut voll im Trend. Seitdem er Ende November die Alte Dame übernommen hat, setzt er auf Ishak Belfodil. Der Algerier ist sogar noch einen Zentimeter größer als Schick, belebte das Angiffsspiel der Hertha und glänzte in den ersten vier Spielen unter Korkut mit drei Torbeteiligungen. Mit seinem Körper band er gegnerische Innenverteidiger und öffnete so Räume, in die er für seine Mitspieler ablegen kann. Mitspieler wie Sturmpartner Stevan Jovetic, der in seinen drei Einsätzen unter Korkut drei Mal traf. Das Gespann Belfodil-Jovetic ist nur ein Beispiel für eine weitere Neuerung - die Rückkehr der Doppelspitze. Freiburg, Köln und Union setzen erfolgreich auf Systeme mit Zielspielern in einer Doppelspitze. Neben der Unterstützung bei Ablagen bietet ein zweiter Stürmer weitere Vorteile, wie beispielsweise die bessere Strafraumbesetzung bei den zahlreichen Flanken.

Trend 3: Torhüter werden ins Aufbauspiel eingebunden

Die meisten taktischen Entwicklungen im Fußball zielen darauf ab, in bestimmten Zonen Überzahl zu erzeugen. Weil aber immer zehn Feldspieler verteidigen und zehn Feldspieler angreifen, wird es für die verteidigende Mannschaft immer eine Möglichkeit geben, diese Überzahl wieder auszugleichen. Zumindest im Spielaufbau gibt es dafür eine Lösung: Wird der Torhüter konsequent mit einbezogen, öffnet sich irgendwo weiter vorne automatisch ein Raum, den die verteidigende Mannschaft nicht ohne weiteres schließen kann. Der FC Bayern arbeitet gerne mit einer sogenannten Torwartkette, bei der sich der Torhüter im Aufbau weit vor seinem Kasten zwischen zwei Innenverteidigern postiert.

So ermüden Gegenspieler im Angriffspressing leichter, weil die Wege länger werden und die aufbauende Mannschaft kann freigewordene Räume bespielen. Die Risiken dieser Taktik liegen auf der Hand. Vielen Torhütern fehlt die spielerische Klasse, um nicht durch technische Fehler unter Druck zu geraten. Zudem müssen auch ihre angespielten Mitspieler in der Lage sein, Pässe auf engem Raum schnell und sauber zu verarbeiten, um tiefe Ballverluste zu vermeiden. Allerdings binden mittlerweile auch Underdogs wie Arminia Bielefeld mit Stefan Ortega und der VfL Bochum mit Manuel Riemann vermehrt ihre Keeper in den Spielaufbau ein. Je mehr technisch gut ausgebildete Torhüter in die Bundesliga kommen, desto mehr Mannschaften werden sie so einsetzen.

Sendung: Inforadio, 07.01.2022, 11:15 Uhr

Beitrag von Till Oppermann

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