Interview | Kevin-Prince Boateng vor dem Pokal-Derby - "Es gibt nur eine Nummer eins in Berlin"

Di 18.01.22 | 16:31 Uhr
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Kevin-Prince Boateng zeigt mit die Richtung an (Foto: imago images / Kessler-Sportfotografie)
Bild: imago images / Kessler-Sportfotografie

Hertha BSC und Union stehen sich am Mittwoch im Achtelfinale des DFB-Pokals gegenüber. Vor dem zweiten Hauptstadt-Derby der Saison spricht Kevin-Prince Boateng über seine Rolle bei Hertha BSC und warum ihm Titel nicht so wichtig sind.

Das Pokal-Derby gibt es Mittwoch ab 20.45 Uhr live im Ersten und im Inforadio

rbb|24: Kevin-Prince Boateng, am Mittwoch steht das Achtelfinale im DFB-Pokal an. In der Heimatstadt, im Olympiastadion, gegen den Stadtrivalen: Was macht das mit Ihnen?

Kevin-Prince Boateng: Man freut sich drauf! Die ganze Stadt ist heiß darauf. Es ist ein super Los für beide Seiten und wird auf jeden Fall spaßig. Ich denke, dass es ein ganz, ganz heißer Fight wird.

Hat so ein Stadt-Derby für Sie persönlich, der schon so viel erlebt hat im Fußball, noch besondere Reize oder ist es ein Spiel wie jedes andere?

Natürlich ist es kein Spiel wie jedes andere. Es ist für mich ein spezielles Spiel, weil ich gute Erinnerungen an den DFB-Pokal habe (Anm: Boateng wurde 2018 mit Eintracht Frankfurt Pokalsieger). Es ist ein Ziel für Hertha, endlich einmal im eigenen Stadion im Pokalfinale zu stehen. Diesen Traum habe ich, seit ich als 16-Jähriger hier als Profi angefangen habe. Ich hoffe, dass wir das dieses Jahr verwirklichen können. So speziell dieses Spiel auch sein wird – schön wird es nur, wenn wir gewinnen.

Zur Person

Kevin-Prince Boateng

wurde am 6. März 1987 in Berlin geboren. Bei Hertha BSC wurde der frühere ghanaische Nationalspieler 2004 Profi. Danach wurde er zum Wandervogel und spielte unter anderem beim englischen Klub Tottenham Hotspur, bei Borussia Dortmund, bei der AC Mailand, für Schalke 04, Eintracht Frankfurt und den FC Barcelona. Im vergangenen Sommer kehrte Boateng zu Hertha BSC zurück.

Wie haben Sie den Pokalsieg 2018 erlebt?

Das war ganz einfach. Ich habe vor dem ersten Spiel gesagt, dass wir den Pokal gewinnen werden und so ist es dann auch gekommen (lacht). Im Pokal ist es ja so, dass du immer nur ein Spiel hast. Und in so einem Spiel kann man vielleicht auch mal eine Übermannschaft schlagen. Union ist zwar keine Übermannschaft, aber trotzdem sehr stark. Es wird ein ausgeglichenes Spiel. Wie immer gilt: Wer weniger Fehler macht, gewinnt.

Sie sind seit einem halben Jahr zurück bei Hertha BSC. Welche Rolle nehmen Sie aus Ihrer Sicht ein?

Ich bin so ein bisschen der Papa, der den Jungs hilft, wo er kann und auch mal dazwischenhaut. Ich liebe es, in die Kabine zu kommen. Dort ist der beidseitige Respekt da. Sie stellen viele Fragen und wollen, dass ich ihnen helfe. Ich habe dem Trainer gesagt, dass ich bereit bin, wann und wie auch immer er mich braucht. Tayfun Korkut und ich haben eine sehr gute Beziehung und wir gehen sehr offen miteinander um.

Ich freue mich und bin glücklich. Auch wenn es nicht immer so läuft, wie man will. Natürlich hätte ich gerne schon ein paar Tore erzielt und Vorlagen gegeben. Aber wenn man hart arbeitet, kommt das auch.

Wie groß ist denn Ihre Sehnsucht nach noch einem Titel?

Ich habe ja ein paar Sachen gewonnen, aber für mich war es auch nie so wichtig, Titel zu holen. Wenn man viele Titel gewinnen will, muss man permanent bei Vereinen wie Real Madrid oder dem FC Barcelona spielen. Das habe ich aber leider nicht geschafft. Ich habe aber Erfahrungen mitgenommen.

Mit einem Titel kann ich im Restaurant nicht bezahlen. Als Typ und für die Leistungen auf und neben dem Platz wahrgenommen zu werden, ist wichtiger, als 30 Pokale im Schrank zu haben und auf der Straße weiß keiner, wer du bist.

Dass Union in die Bundesliga gekommen ist, ist super für die Stadt. Aber Hertha ist viel größer, viel länger im Business.

Kevin-Prince Boateng, Hertha BSC

Als Stadtmeister wird man auf der Straße erkannt …

… das ist ein Standing und das ist wichtig. Dafür müssen wir kämpfen. Dieses Standing haben wir in der Bundesliga verloren. Das war brutal und hässlich und man musste sich eine Woche lang einschließen, weil man sich schämt. Weil wir die Leistung nicht abgerufen haben, weil sie an diesem Tag viel besser waren. Das muss man eingestehen, aber es wird nie wieder passieren. Wir wollen mit breiter Brust sagen können: "Jetzt haben wir es ihnen gezeigt und es ist wieder unsere Stadt."

Das heißt, Berliner Nummer eins ist derzeit Union?

Nein, das werden sie auch nicht sein, wenn sie mal Meister werden. Hertha BSC ist der größte Verein in Berlin und ein großer Verein in Deutschland. Ganz einfach.

Seit Unions Aufstieg 2019 hat der Klub in der Bundesliga 24 Punkte mehr gesammelt und steht auch jetzt in der Tabelle vor Hertha. Warum erkennen Sie nicht an, dass Union derzeit die Nummer eins der Stadt ist?

Weil das nur ein kurzer Zeitraum ist. Hertha ist seit Jahren in der Bundesliga und eine gestandene Mannschaft. Okay, wir sind mal abgestiegen, aber direkt wieder aufgestiegen. Das schafft auch nicht jeder. Es geht um eine Legacy. Union ist gerade hochgekommen und man muss anerkennen, dass sie alles gut machen. Sie spielen guten und aggressiven Fußball, haben gute Publicity und die Fans im Rücken. Aber sie haben keine negativen Serien erlebt, dass ihnen die Fans mal den Rücken kehren.

Dass Union in die Bundesliga gekommen ist, ist super für die Stadt. Aber Hertha ist viel größer, viel länger im Business. Rechnen wir mal die Punkte zusammen, die Hertha und Union jeweils insgesamt in der Bundesliga geholt haben. Das ist ein riesiger Unterschied. Es gibt nur eine Nummer eins in Berlin – und das wissen wir.

Wie beurteilen Sie Herthas Entwicklung, seit Union in der Bundesliga spielt?

Zunächst ein großes Kompliment an alle, die erkannt haben, dass man Fehler gemacht und zu weit gegriffen hat. Es kam ein Investor mit viel Geld und es hieß: Hertha muss Champions League spielen! Das ist allerdings nicht so einfach. Dafür braucht es Zeit, Geduld und die richtigen Leute.

Man merkt, dass bei Hertha etwas wächst und nicht einfach große Namen geholt werden. Es muss von innen wachsen und das fängt langsam an. Deswegen schwankt es auch wie in einer Beziehung. Das baut man langsam auf, man streitet sich an dem einen Tag, an einem anderen ist man auf Wolke sieben. Gegen Dortmund waren wir auf Wolke sieben und haben gezeigt, was wir sein können, wenn von A bis Z alles funktioniert. Wenn nicht mal von A bis D alles klappt, verliert man zuhause gegen Köln.

Der Verein braucht Zeit, ohne draufzuhauen oder zu viel zu loben. Deswegen bin ich hier, um Ruhe reinzubringen. Wir brauchen einen Zusammenhalt und das wächst hier gerade zusammen. Jeden Tag mehr.

Kommen wir zum 1. FC Union – was macht die Köpenicker so stark?

Euphorie! Wenn Dinge mal nicht gut laufen, kann man mit Euphorie viel abfangen. Mit guten Resultaten, mit Spielern wie Taiwo Awoniyi, der es mit seinen Toren gut macht, wenn die Abwehr mal schläft.

Sie haben eine gute Balance zwischen Euphorie, Hype und familiärem Umgang. Man merkt, dass sie alle cool miteinander sind und viel miteinander lachen. Das ist ein guter Mix. Aber sie haben eben noch keine Negativserie erlebt und irgendwann wird das große Schloss auch kaputtgehen. Und dann muss man neu aufbauen. Das passiert bei jedem Verein. Man muss sie loben, sie machen es einfach gut – wir sind trotzdem die Nummer eins. Das wird sich auch niemals für mich ändern, weil ich Hertha BSC im Herzen habe.

Was erwartet der Papa am Mittwoch von seinen Jungs?

Dass wir alles geben und das auf den Platz bringen, was wir gegen Dortmund auf den Platz gebracht haben. Wir müssen kompakt sein und 100 Prozent geben. Dann kann man auch verlieren, aber wenigstens in den Spiegel schauen und sagen: "Ich habe alles gegeben, aber die waren heute besser und das nächste Spiel gewinnen wieder wir." Wir müssen probieren, diesen Vibe, dieses Familiengefühl mitzunehmen und den Zusammenhalt weiter druchziehen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Dietmar Teige für den rbb Sport

Sendung: rbb24, 18.01.2022, 21:45 Uhr

23 Kommentare

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  1. 23.

    Da hat jemand ganz schön den Blick für die Realität verloren. Muss schlimm sein in der Charlottenburger Blase…

  2. 22.

    Do Prince kütt. Und er meint es vielleicht sogar ernst! Mit seinen demütigen, bescheidenen, selbstreflektierten Aussagen bestätigt er auch außerhalb des Platzes seine derzeitige Form und beweist eindrücklich, dass er viel besser nach Charlottenburg passt als nach Köpenick.

  3. 21.

    "Hertha BSC ist der größte Verein in Berlin und ein großer Verein in Deutschland. Ganz einfach."

    Das nenne ich echt mal Satire.
    Fragen sie im Westen Deutschlands einmal nach Hertha :)))

  4. 20.

    Hertha wird nicht mehr die Nr.1 in Berlin,das wird sich heute Abend im Pokal zeigen,Union hat alles in der Vereinsführung richtig gemacht,was man bei Hertha seit Jahren versäumt hat.Deshalb ist Union zu Recht in der oberen Tabellenhälfte.

  5. 19.

    Ein toller Artikel eines Spielers, der außer Gelbe Karten, in den seltenen Einsätzen für "seine"Mannschaft, sammelt. Für sich in Anspruch nimmt "viele Titel" gewonnen zu haben, obwohl er größtenteils bei den Vereinen, die die Titel holten, die Ersatzbank drückte. Und beim BCC? Eingewechselt und Karte abholen.
    Es ist einfach peinlich.
    "Es gibt nur eine Nummer eins in Berlin" Leider ist das nicht der BCC und schon gar nicht dieser lächerliche Selbstdarsteller.


  6. 18.

    Worauf sie anspielen, ist, glaube ich, die legendäre Saison von Tasmania. Hertha BSC ist "abgestiegen worden" (man hatte zu hohe Gehälter gezahlt).
    Um eine politische "Zusammengehörigkeit" zu demonstrieren, ist mit Tasmania Berlin ein Verein aus der Regionalliga "aufgestiegen worden".
    Das war in den Anfangsjahren ('64/'65 ?) der Liga, die 1963 in der Bundesrepublik gegründet wurde.
    Und hatte mit Hertha BSC nur deswegen zu tun, weil sie aus der Liga ausgestoßen wurden.
    Insofern haben sie Recht. Es gab politische Entscheidungen, nicht aber zum Vorteil von Hertha BSC.

  7. 17.

    Hertha ist allenfalls die Nummer 1 des alten West-Berlins, mitnichten "der" BBC. Außerhalb der Berliner Ringes tendiert die Fanbasis von Hertha gegen Null. Für viele ist Hertha ein unattraktiver Verein, der sich eher durch Skandale in das Gedächtnis deutscher Fußballfans eingebrannt hat.



  8. 16.

    Ist kein stuß. Es gab die Regelung im DFB, dass automatisch der 1. Der Regionalliga Berlin in die Bundesliga aufsteigt, wenn keine Berliner Mannschaft eine bestimmte Zeit nicht vertreten war. Kann man nachlesen in der Geschichte der Bundesliga. Von dieser Regelung hat nicht nur die hertha profitiert . War der damaligen politischen Lage geschuldet.

  9. 15.

    Ein toller Artikel eines Spielers, der außer Gelbe Karten, in den seltenen Einsätzen für "seine"Mannschaft, sammelt. Für sich in Anspruch nimmt "viele Titel" gewonnen zu haben, obwohl er größtenteils bei den Vereinen, die die Titel holten, die Ersatzbank drückte. Und beim BCC? Eingewechselt und Karte abholen.
    Es ist einfach peinlich.
    "Es gibt nur eine Nummer eins in Berlin" Leider ist das nicht der BCC und schon gar nicht dieser lächerliche Selbstdarsteller.


  10. 14.

    Hochmut kommt vor dem Fall und ist auch ein Grund warum Hertha seit Jahren da steht wo sie sind und Union eben woanders. Ich bin eigentlich Hertha Freund, aber ein bisschen mehr Bezug zur Realität und etwas Demut würde ihnen gut tun ...

  11. 13.

    Finde es wunderschön, dass ein Weltstar wie Boateng in seiner letzten Saison zu seinem Jugendverein zurückkehrt und dabei nicht so weichgespült ist wie die Mehrheit der Profis. Klar, dass die (meist zugezogen) Unionfans das nicht verstehen.
    Freue mich auf ein faires spiel morgen!
    HaHoHe !

  12. 12.

    Hertha ist die umumstrittene Nummer " Eins ", wenn es um einen Platz in der 2.Liga geht !

  13. 11.

    Sie meinen, es war eine politische Entscheidung, dass Hertha BSC in der Bundesliga gespielt hat ?
    Sicher war es dann auch eine politische Entscheidung, bis in die Amateurliga abzusteigen.
    Es lebe die exponierte Lage von Berlin (West).
    Manche ein Stuß ist unausrottbar.

  14. 10.

    Stimmt
    entweder - oder
    Ich bin für "oder"

  15. 9.

    Hauptstadt bzw City Club ist die FC Union
    Hertha noch nie und wird es nie. Auch nicht mit Boateng

  16. 8.

    bisschen viel Selbstbewusstsein und Euphorie. Bisher war es die letzten Jahre immer so, gestartet wie ein Tiger und gelandet wie ein bettvorleger. Die Erfolge der alten Dame liegen mehr als ein halbes Jahrhundert zurück. Und nicht nur einmal abgestiegen im Laufe der Jahre. Manchmal auch nur durch die exponierten Lage des ehemaligen Westberlin wieder in der Bundesliga vertreten. Ich freu mich auf das Spiel morgen, EISERN UNION

  17. 7.

    dieser Beitrag gefällt mir sehr- als ich die Meinung des Herrn Kevin Prince gelesen hatte, war mir wiedermal deutlich klar geworden. worin der Unterschied dieser beiden Clubs liegt.............
    bin sehr auf das Spiel morgen gespannt, egal wer gewinnen wird

  18. 6.

    Union hat seid bestehen des Vereins wohl schon genug negative Phasen durchstehen müssen, aber nie, niemals haben die Fans Union den Rücken gekehrt.
    Und ich lege meine Hand dafür ins Feuer, das dass auch Nie passieren wird!

  19. 5.

    Ihre Angabe zu Union ist korrekt, aber Hertha hat nicht 2000 Mitglieder weniger, sondern nur knapp 700. Siehe akutelle Zahlen bei Wikipedia. Ansonsten ist Union derzeit natürlich auch sportlich vorne, aber das beeinflusst meine Loyaliäten nicht. Auch wenn ich mein Brot nicht von der alten Dame bekomme.

  20. 4.

    Wenn die Unioner ihrem Verein in den schlimmsten Zeiten den Rücken gekehrt hätten, würde es den 1. FC Union Berlin nicht mehr geben ("Bluten für Union", Stadionneubau). Insofern hat Herr Boateng (den ich schon mit Hertha II 2006/07 ADAF gesehen habe) nicht so richtig Ahnung, wie Unioner denn so "ticken". Niemand hat im ersten Jahr Bundesliga etwas erwartet, schon gar nicht den 11. Platz.
    Geplant war ein Jahr "Urlaub", den Abstieg hätte kein Unioner übel genommen. Früher ist niemand Unioner geworden, um glorreiche Siege zu sehen - Kampf, Maloche und Niederlagen mit erhobenem Haupt waren die Realität.
    Hertha kann ruhig den Hauptstadtklubstatus für sich beanspruchen, viel mehr hat es leider nicht - das Selbstverständnis der alten Tante.

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