Analyse vor dem Derby - Das sind die taktischen Vorteile von Hertha und Union

Mi 19.01.22 | 08:04 Uhr
  7
Kopfballduell zwischen Herthas Davie Selke und Union Timo Baumgartl (imago images / camera4+)
Audio: Inforadio | 19.01.2022 | J. Rüger | Bild: imago images / camera4+

Urs Fischer hat noch nie gegen Hertha im Olympiastadion gewonnen und Tayfun Korkut steht vor seinem ersten Hauptstadtderby - im Pokal-Achtelfinale haben beide Trainer etwas zu beweisen. Höchste Zeit, um ihre taktischen Ansätze zu analysieren. Von Till Oppermann und Marc Schwitzky

Eine gute Nachricht für alle Herthaner vorneweg: Auch im Pokal-Achtelfinale muss Union auf Top-Torjäger Taiwo Awoniyi verzichten. Die Vorbereitung auf den Pokalkracher im Olympiastadion dürfte Hertha-Coach Tayfun Korkut trotzdem einige schlaflose Nächte bereiten.

Ein Grund dafür ist Sheraldo Becker, der am Mittwoch Unions Schlüsselspieler werden könnte. Seit dieser Saison setzt Urs Fischer den gelernten Flügelspieler in seinem 3-5-2-System als Teil der Doppelspitze ein. Hier kann der Niederländer sein enormes Tempo in der Zentrale ausspielen – und tat das zuletzt auch gegen Hoffenheim, als er nach überstandener Corona-Infektion eingewechselt wurde und dem Spiel die entscheidende Wendung gab.

Sheraldo Becker ist statistisch einer der Besten Europas

Sicherlich, für einen Angreifer klingt seine Ausbeute von einem Saisontor nicht sonderlich furchterregend. Aber in anderen statistischen Kategorien gehört Becker tatsächlich zu den besten Stürmern Europas. So fängt er pro Spiel laut den Daten von Statsbomb mehr Bälle ab als 98 Prozent seiner Positionskollegen in den großen europäischen Ligen.

Gegen Korkuts Hertha, die im eigenen Ballbesitz viel in der eigenen Hälfte passt, um das Spiel aufzubauen, könnte das zu gefährlichen Ballgewinnen führen. Gerade deshalb, weil Becker danach einiges mit dem Ball anzufangen weiß. Er hat mehr schusserzeugende Aktionen als 97 Prozent seiner Kollegen, bei den erwarteten Torvorlagen ist er sogar besser als 99 Prozent der Stürmer in Europa. Sein Kollege Grischa Prömel lobte: "Wir wissen, dass sein Tempo den Unterschied machen kann." Sogar als Einwechselspieler, wie Becker gegen Hoffenheim bewies.

Unions Flügelspiel ist weiter herausragend

Gegen den konteranfälligen Stadtrivalen könnte Becker sowohl für seine eigenen Tiefenläufe als auch für Pässe auf die anderen Offensivspieler genug Raum bekommen. Falls Hertha die Zentrale schließt, bieten Unions hoch aufrückende Außenverteidiger weitere Anspielstationen.

Denn Kapitän Trimmel und seine Kollegen auf den Seiten sorgen dafür, dass die Eisernen das Feld stets sehr breit halten. Wegen Unions starker Strafraumbesetzung finden ihre zahlreichen Flanken immer wieder Abnehmer direkt vor dem Tor. Falls der erste Abschluss nicht erfolgreich ist, lauern die aufgerückten Eisernen erfolgreich auf zweite Bälle – Mittelfeld Grischa Prömel gelangen auf diese Weise in den letzten beiden Spielen drei Tore.

Dass Hertha mit diesem Spiel Probleme hat, zeigte das erste Rückrundenmatch gegen Köln. Da fiel das erste Gegentor per Kopf nach einer Flanke und das zweite durch Ex-Herthaner Ondrej Duda nach einem zweiten Ball aus dem Rückraum. Bei Unions Aufeinandertreffen mit Hoffenheim bewies Linksverteidiger Bastian Oczipka, wie unabhängig Fischers Taktik von Einzelspielern ist.

Obwohl der 33-Jährige erst sein drittes Spiel von Beginn an bestritt, fügte er sich nahtlos ein, bereitete ein Tor per Flanke vor und ersetzte den fehlenden Stammspieler Nico Gießelmann herausragend. Den Pass vor Oczipkas Flanke spielte übrigens Max Kruse. Unions Starspieler kommt in den letzten Wochen immer besser in Form. Auch weil er wegen Sheraldo Becker etwas tiefer auf seiner Lieblingsposition im offensiven Mittelfeld spielen darf.

Hertha unter Korkut spielerisch verbessert

"Dieses Spiel hat mir unheimlich viele Erkenntnisse gegeben", sagte Herthas Geschäftsführer Fredi Bobic nach der Hinrunden-Niederlage gegen Union – wenig später musste Pal Dardai den Trainerstuhl räumen. Bobic installierte daraufhin Tayfun Korkut als Herthas Übungsleiter. Dieser hat die Spielweise seit Mitte Dezember bereits merklich verändert. Agierten die Berliner unter Dardai noch sehr passiv und offensiv uninspiriert, wählt Korkut einen deutlich aktiveren Ansatz. Allein dadurch sollte Hertha den Stadtrivalen im kommenden Pokalderby schon vor größere Probleme stellen.

Darüber hinaus hat Union nach wie vor Probleme mit tiefstehenden Gegnern. Auch unter Korkut wird oftmals eine kompakte Defensive dem hohen Anlaufen vorgezogen, um dann möglichst schlagartig umzuschalten. Unter ihm werden die Konter allerdings deutlich strukturierter durchgespielt, auch wenn Hertha in der Genauigkeit weiterhin Defizite aufweist. Erwischt Hertha defensiv einen guten Tag und kann die Umschaltmomente konsequent ausspielen, wird es gefährlich für Union.

Korkuts Umstellung womöglich der Schlüssel

Ein entscheidender Faktor für Herthas taktische Veränderung unter Korkut ist die Umstellung auf das 4-2-2-2 gewesen. In diesem System gelingt es der "alten Dame" deutlich besser, einen sauberen Spielaufbau aufzuziehen. "Man will sich fußballerisch von hinten lösen, den Ballbesitz transportieren, immer wieder Spieler in die nächste Ebene bringen", analysierte Wolfsburg-Trainer Florian Kohfeldt vor dem torlosen Aufeinandertreffen am vergangenen Samstag.

Zwar ist deutlich ersichtlich, dass sich Hertha im Entwickeln einer eigenen Idee mit Ball noch in einem zähen Prozess befindet, die ersten positiven Ansätze sind jedoch erkennbar. So ging die Begegnung mit dem 1. FC Köln am vorletzten Spieltag zwar mit 1:3 verloren, in den ersten 20 Minuten zeigten die Berliner aber, wie es gehen kann.

Durch gutes Positions- wie Kombinationsspiel und intelligente Seitenverlagerungen hebelte Hertha das Pressing der Kölner zu Anfang immer wieder aus, sodass man für die eigenen Angriffe viel Platz hatte. Auch gegen den VfL Wolfsburg war phasenweise zu erkennen, wie Hertha bewusst das hohe Anlaufen des Gegners provozierte, um schnell aus der eigenen Hälfte herauszuspielen.

Hertha könnte Union in den Zwischenräumen knacken

Einmal über die Mittellinie gekommen, könnte Herthas sehr fluides Angriffsspiel gegen Union zum Tragen kommen. Im Berliner Stadtderby könnte es wie bei einem Zahnarztbesuch sein: Oft sind die Zwischenräume entscheidend. In diesen Zonen bewegen sich Herthas Angreifer sehr gerne: Marco Richter, Myziane Maolida und Ishak Belfodil verstehen sich allesamt als bewegliche, nicht positions-gebundene Angreifer. Auch Mittelfeldspieler Suat Serdar stößt gerne in die offensiven Halbräume.

Und genau in diesen Räumen ist Union anfällig. Seit dem Weggang von Robert Andrich im Sommer haben die Eisernen Probleme, die Zone zwischen der Dreierkette und dem defensiven Mittelfeld zu schließen – so auch beim letzten Ligaspiel gegen die TSG Hoffenheim.

Womöglich ist diese Unioner Anfälligkeit Herthas Einfallstor in die gegnerische Defensive. Darüber hinaus kassiert der Stadtrivale aus Köpenick in der laufenden Saison auffällig viele Tore aus Distanz – Serdar, Richter oder auch Darida versuchen gerne ihr Glück aus der Ferne, sodass Hertha dies vielleicht auszunutzen weiß.

Sendung: Inforradio, 19. Januar 2022, 06:15 Uhr

7 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 7.

    Diese Hertha Truppe ist einfach nur peinlich… als wenn das irgendwie von der Einstellung abhängen würde… so ein Quatsch. Diese Spieler können es einfach nicht besser. Aber verleiht mal ruhig jeden der n Ball annehmen kann. Anti Fußballer!

  2. 6.


    So ihr herthaner...nun zeigt endlich mal das ihr Stil und Schneid habt und schickt die eisernen dahin wo Eisen rostet...HA HO HE ....ES KANN NUR EINEN GEBEN...

  3. 5.

    Die passende Taktik wäre es, Union einfach die Initiative zu überlassen, sprich den Ball.
    Das können sie nicht, müssten Mal was anderes bieten, als nur zu kontern. Aber dafür braucht es viel Geduld.

  4. 4.

    Hertha heute ein Sieg

  5. 3.

    So ein tolles Spiel und ein Festakt für alle Berliner Fussballfans und dann das grosse aber... Vor 3.000 Zuschauern ist das Spiel einfach nur noch lächerlich , weil es reinen Marketingzwecken dient.... Danke dafür

  6. 2.

    " Herthas sehr fluides Angriffsspiel"?? Der ist gut. Die zweitschlechteste Abwehr der Liga, sowie der Tabellenvorletzte (Stuttgart)schoß mehr Tore(?!) und hier wird über das flüssige Angriffspiel der alten Dame orakelt. Sehr unterhaltsam. Egal, Anstoß ist heute Abend: Wir werden sehen.

  7. 1.

    Ich sehe schon einen Vorteil für Union, sollte das Großmaul "Gelbe-Karten-Prinzschen" mitspielen.

Nächster Artikel