Spielanalyse | Herthas Niederlage gegen Bayern - Ein dramatischer Klassenunterschied

Mo 24.01.22 | 10:39 Uhr | Von Marc Schwitzky
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Herthas Innenverteidiger Dedryck Boyata reißt die Arme hoch(Bild: imago images/Matthias Koch)
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Video: Sportschau | 23.01.2022 | Stephanie Baczyk | Bild: imago images/Matthias Koch

Hertha BSC ist gegen den FC Bayern München im eigenen Stadion mit 1:4 unter die Räder geraten. Dabei zeigten die Berliner altbekannte Probleme, analysiert Marc Schwitzky

"Es müssen mehrere Dinge zusammenkommen, damit man in solch einem Spiel erfolgreich ist", setzte Herthas Trainer Tayfun Korkut nach dem Heimspiel gegen den FC Bayern zur Erklärung an und zählte auf: "Eine konzentrierte Defensivarbeit, dann auch ein stückweit Glück und die wenigen Momente, die man selber hat, nutzen."

Blickt man auf die 1:4-Niederlage gegen den deutschen Rekordmeister, wird schnell klar: An diesem Sonntagabend kam für die Berliner sehr wenig zusammen. Im Gegenteil, Hertha wurde im eigenen Stadion vom Gegner erdrückt. 5:30 Schüsse, 2:19 davon aufs Tor, 30:70 Prozent Ballbesitz, xG-Werte (Expected Goals) in Höhe von 0,85 zu 5,19 aus Berliner Sicht. Während die Blau-Weißen keinen guten Tag erwischten, zeigte sich der FC Bayern in Höchstform. "Die erste Halbzeit war wohl unsere stärkste – unglaublich dominant", bilanzierte Bayerns Trainer Julian Nagelsmann nach dem Spiel.

Hertha von Minute eins an unter Druck

Ist ein Bayern-Trainer äußerst zufrieden mit der Leistung seiner Mannschaft, ist das gegnerische Teams zumeist nicht zu beneiden gewesen. So war es auch für Hertha am Sonntag von der ersten Minute an ein brutaler Stresstest. Der Hauptstadtklub geriet von Beginn an unter Dauerbeschuss, bereits nach zehn Minuten hätte man mit mehreren Toren zurückliegen können. Tief in die eigene Hälfte gedrückt, gelang es Hertha kaum, die Münchener Angriffe zu verteidigen – immer wieder musste Torhüter Alexander Schwolow seine Mannschaft retten.

Dabei half auch die neu formierte Fünferkette nicht. Trainer Korkut sah sich aufgrund der personellen Probleme (Niklas Stark und Jordan Torunarigha fehlten) gezwungen, erstmals von seinem 4-4-2 abzurücken und in einem defensiveren System aufzustellen. Neben Kapitän Dedryck Boyata standen mit Linus Gechter und Marton Dardai zwei junge Eigengewächse in der Startelf. Im neuen 5-3-2 sollten die Abstände noch geringer, die zu verteidigen Räume für jeden Spieler noch kleiner sein.

Doch es half nichts, die Probleme blieben bekannte. Wie auch schon in den vergangenen Wochen hatte Hertha große Schwierigkeiten, bei Chipbällen richtig zu stehen und Flanken zu verteidigen. Wie schon gegen den 1. FC Köln und im Pokalderby gegen Union Berlin kassierte man das erste Gegentor des Spiels (25. Minute) durch eine hohe Hereingabe. Sowohl die Zuteilung als auch das letztendliche Zweikampfverhalten waren mangelhaft. Flanke Coman, Kopfball Tolisso, Treffer – gegen die "alte Dame" Tore zu erzielen, ist aktuell kein Hexenwerk. "Eine konzentrierte Defensivarbeit" – einer der drei von Korkut erklärten Erfolgszutaten - fehlte somit.

Herthas Probleme bleiben dieselben

Auch bei den weiteren Gegentreffern zeigte Hertha altbekannte Probleme. Das 0:2 (45. Minute) ist ein kläglich verteidigter Freistoß, bei dem Thomas Müller freistehend einschieben darf – nahezu deckungsgleich hatte Hertha gegen Union einen Treffer hergeschenkt. Wie schon über weite Phasen der ersten Halbzeit kam man auch in der zweiten Hälfte bis zur 74. Minute ohne weitere Gegentreffer davon. Dies allerdings nicht aufgrund einer stabilen Defensivleistung, sondern wegen des zweiten der drei von Korkut genannten Faktoren: Glück.

Im Minutentakt vergab der FC Bayern hochkarätige Chancen oder aber Hertha-Schlussmann Schwolow parierte stark. Doch war es ausgerechnet eben jener, der in der 75. Minute für das 0:3 sorgte und damit ein weiteres, mittlerweile nicht überraschendes Element des Hertha-Spiels präsentierte: individuelle Patzer. Schwolows Abspiel zu Gechter geriet zu kurz, sodass es von Leroy Sane abgefangen werden konnte und dieser ins leere Tor einschob.

So übermächtig Bayern an diesem Tag war, so viele Chancen es auch gab – die ersten drei kassierten Treffer dürfen in dieser Form auf Bundesliga-Niveau niemals fallen, Gegner-unabhängig. Einmal mehr machte es Hertha dem Kontrahenten zu einfach und sich selbst das Leben schwer. Das 0:4 von Serge Gnabry (79. Minute) fiel ebenfalls zu leicht, voraus ging ein Kollektivversagen der Berliner, die nur noch hinterhergelaufen waren. Zwar erzielte der eingewechselte Jurgen Ekkelenkamp nur eine Minute später den Anschlusstreffer, mehr als Ergebniskosmetik war dies aber nicht.

Eine entscheidende Länderspielpause

Zumindest bediente Herthas Treffer zum 1:4 das letzte Element: Das Nutzen der eigenen Momente. Von eben jenen hatte es in der Heimniederlage vor 3.000 Fans kaum welche gegeben. Einzig Daridas Chance in der 52. Minute hätte zwingend in einem Tor münden müssen, ansonsten kamen die Berliner Offensivbemühungen nicht über Ansätze hinaus.

Und so ergibt sich ein Cocktail an Problemen, die man bei Hertha nur allzu gut kennt: Eine verschlafene Anfangsphase, viel zu leicht kassierte Gegentore, hanebüchene Defensivpatzer, ein fehlendes zusammenhängendes Offensivspiel und mangelnde Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor. Mit so vielen Defiziten wird ein Bundesliga-Sieg ein Ding der Unmöglichkeit – hierfür muss der Gegner nicht einmal Bayern München heißen. So verwundert es nicht, dass Hertha im Kalenderjahr 2022 noch kein Spiel gewonnen hat.

Es geht eine schwarze Woche für Hertha vorbei. Erst die schmerzhafte, weil so verdiente Derby-Niederlage im Pokal, dann der Fan-Aufmarsch im Samstagstraining und letztendlich die deutliche Pleite gegen den FC Bayern. Die nun anstehende Länderspielpause könnte eine entscheidende Phase für Korkut und seine Mannschaft sein. Nur noch drei Punkte trennen Hertha BSC von den Abstiegsrängen, die beiden kommenden Gegner sind die Aufsteiger Bochum und Fürth – Pflichtsiege in Herthas Lage. Wird in diesen Spielen nicht gepunktet, wird der Druck enorm – und mit Druck kann die Herthaner Mannschaft bekanntermaßen nicht gut umgehen.

Sendung: Inforadio, 06:16 Uhr, 24.01.2022

Beitrag von Marc Schwitzky

14 Kommentare

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  1. 14.

    Wenn die Mannschaft nach Leistung bezahlt würden, müssten sie auf die Berliner Straßen betteln gehen, sonst wären die Spieler Bettelarm

  2. 13.

    Ja, das kann man doch gar nicht anders sehen. Im Osten war alles besser, und im Westen waren die Leute faul, unkritisch, verlogen und ahnungslos. Und brauchten natürlich ein Schuljahr mehr. Die Überlegenheit des Ostsystems kann man schon daran erkennen, dass sich die Menschen im Westen diesem mit wehenden Fahnen angeschlossen haben, sobald die Mauer fiel und sie den real existierenden Sozialismus aus der Nähe bestaunen durften. Leben Sie eigentlich im Film "Good Bye, Lenin"?

  3. 12.

    Das geht nicht so einfach. Schließlich hat Hertha BSC auch eine soziale Verantwortung: man kann die Spieler nicht einfach verhungern lassen.

  4. 11.

    Sorry, da haben sich fehlerchen eingeschlichen
    1 Die Situation, nicht fiel
    2 Neuanfang, nicht Neusnfang

  5. 10.

    Ich würde das Gehalt der Leistung anpassen.

  6. 9.

    Endlich,Endlich, Endlich
    Ein Herthafan der fiel Situation sehr sehr Realistisch sieht
    Aber Mike, das muss nicht immer klappen mit dem Neusnfang in der 2. Liga
    Siehe das Beispiel 1. FC Kaiserslautern

  7. 8.

    ein Haus fängt man mit dem Keller an und nicht wie die Hertha mit dem Ausblick vom Sonnendach

  8. 7.

    Ich kann Ihnen nur zustimmen. Es wird Zeit, daß Hertha den Weg des HSV zur Neuaufstellung geht.

  9. 5.

    Sorry, bin mein ganzes Leben schon Hertha Fan. Habe höhen und tiefen Tiefen erlebt.... auch 3 Liga ( Oberliga) aber was Hertha jetzt zustande bringt ist nichts. Es wird mal wieder Zeit für die 2 Liga um einen kompletten Neustart zu machen. In Liga 1 haben Sie im Moment nichts zu suchen.

  10. 4.

    Eier, wir brauchen Eier!

  11. 3.

    Wenn die gekrönten Oberen des Vereins mal aufhören würden sich alles schön zu reden ,in allem was Positives zu sehen und so zu tun als ob man einen guten Weg geht, dann könnte man vielleicht mal anfangen zu verstehen das man mittlerweile der "Spaßmacher" der Liga ist und eine Fußballiga immer noch was mit Fußball zu tun hat.
    Bochum, Fürth= 6 Punkte Pro
    Alles Andere ist nicht mehr akzeptabel !!!

  12. 2.

    Nee nee nee , im Osten waren es 12 Klassen bis zum Abitur und im Westen 13. Davon war das 13. Jahr Schauspielunterricht.

  13. 1.

    Hertha sollte mal kapieren das Anspruch und Wirklichkeit zwei paar Schuhe sind. Bei Hertha schebt man immer auf Wolke sieben und was dann rauskommt sieht man ja wie wäre es mal bei Hertha wenn man anfängt kleine Brötchen zu backen.

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